Hensel, Luise (1798-1876)

Die Wahl des Liebsten

Es warten dein zwei Freier;
Schau her und wähle, Kind!
Nimm, den dein Herz getreuer
Und schöner, reicher find’t.

Der erste ist ein König,
Ein Fürst von dieser Welt.
„Er bietet mir zu wenig,
Nur eitel Pracht und Geld.“

Der andre hat dort drüben
Sein ewig Königreich.
„Ja, diesen will ich lieben
Und mit ihm ziehen gleich.“

Der erste will dir schenken
Viel Ehre, Schmuck und Reiz;
Noch kannst du dich bedenken;
Der andre trägt ein Kreuz.

„Den ersten lass’ ich stehen,
Er sucht und liebt nur sich;
Ich will zum andern gehen,
Er trägt das Kreuz um mich.“

Halt! sieh erst noch die Krone,
Die dir der erste reicht;
Dann sieh, was dir zum Lohne
Der andre gibt vielleicht.

„Die Krone seh’ich prangen,
Doch ist es Feuerglanz.“
Der andre kommt gegangen
Mit einem Dornenkranz.

„Zum Kranz die Hand ich neige,
Er soll mein Haupt umziehn:
Ich seh’ aus jedem Zweige
Die schönste Ros’ erblühn.“

Noch sieh, was in den Kelchen,
Die lockend vor dir stehn,
Und sage mir dann, welchen
Du dir hast ausersehn.

„Hier funkeln bunte Lügen,
Trüb schäumt der Lüste Flut!
Im andern ruht verschwiegen
Das allerhöchste Gut.

Der erste mag wohl blinken,
Mir ist er nicht gesund;
Den andern will ich trinken
Bis auf den tiefsten Grund.“

Zuvor schau auf die Wege,
Noch winket dir das Glück;
Bedenke, überlege:
Du kannst nicht mehr zurück.

Der erste breit und linde,
Der andre rauh und steil.
„Ade denn, Welt, geschwinde!
Nun hab’ ich freilich Eil’.

Ich seh’am Kreuz Ihn hangen,
Er streckt die Arme sein;
Ich eil’, ihn zu umfangen,
Mit Schmerzen harrt Er mein.

Willkomm, mühselig Ringen!
Du Pfad, so steil und schmal,
Willst du zu Ihm mich bringen,
Dann Amen! tausendmal!“

 

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