Wohlgemuth, Alois (1847-1930)

Die Eintagsfliege

Im Jahr des Heils, am achten Mai,
Ward sie geboren früh um drei.
Die Kinder-, Schul- und Jugendzeit
Bis zur vollkomm’nen Mündigkeit
Beanspruchte zwei volle Stunden.
Kaum war sie reif zu m Flug befunden,
Begann nach allgemeiner Mode
Bei ihr die Sturm- und Drangperiode;
Die währte bis es zehn Uhr war.
Die Sonne schien so warm und klar
Und weckte ihren Liebessinn:
Sie tollte, wirbelte dahin
In Glut durch Wälder, Tal und Flur
Bis gegen eindreiviertel Uhr
Und hat dabei den Keim gegeben
Zu manchem neuen Eintagsleben.
Um zwei Uhr trat schon Ruhe ein, -
Den Schwestern, welche erst um neun
Geboren, gab sie gute Lehren
Und kam zu Würden und zu Ehren.

Das währte bis um fünf; - danach
Ward sie allmählich altersschwach

Voll war die siebte Stunde kaum,
Da fiel sie tot herab vom Baum –
Und hat an diesem Tag erfahren,
Was unsereins in siebzig Jahren.

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