Roller, Heinrich (1839 - 1916)

Der vergessene Bräutigam

Frau X., noch eine von den stolzen Gnädigen,
Bekam die Liebschaft ihres Mädchens satt,
Und mietete sich drum ein ander Mädchen
Was, wie es sagte, kein Verhältnis hat.

Jedoch bereits am ersten Abend
Sie einen Grenadier erblickt,
Der, in der Küche sich erlabend,
Sich schnell in einen Winkel drückt.

"Was?" ruft sie, "also Karoline,
Du hast doch einen Bräutigam?"
"Ick? — nee! " ruft diese mit naiver Miene,
"Ick habe keenen Schatz, Madam!"

"Was? willst du leugnen, wo ich ihn entdecke?
Das ist doch frech gelogen, in der Tat!
Da steht er ja, dahinten in der Ecke,
Und isst sich wohl an unserm Braten satt?"

"Wat?" ruft Karline; "Eiherrjeechen?
Nanu — wie kommt denn der dahin? —
Der muss wohl noch vons vorige Meechen
Dahinten stehn geblieben sin?! "

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