Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich (1798-1874)

Der tote Knabe

Die Mutter weint´ und härmet sich,
Gestorben war ihr Kind,
Ein Kind so schön und minniglich,
Wie nur die Engel sind.

Und als es nun im Grabe lag,
Da hatt´ es nimmer Ruh:
Die Mutter weinte Nacht und Tag
Und weinte immerzu.

Solang´ die Mutter weint und wacht,
So steigt aus seinem Grab
Der Knabe spät um Mitternacht
und geht ins Dorf hinab.

Besucht die Plätze rings herum,
Wo er gespielet hat,
Und geht dann wieder totenstumm
Hinauf den Kirchhofspfad.

Die Mutter aber weint und wacht
Und weinte immerzu:
Solange hat auch Nacht für Nacht
Der Knabe keine Ruh.

Und endlich tritt im Sterbekleid
Er vor die Mutter hin:
"O liebe Mutter, lass dein Leid,
Und lass mich wo ich bin!"

"O liebe Mutter, lass doch ab,
Was weinst du allezeit?
Die Tränen dringen durch mein Grab,
Nicht trocken wird mein Kleid."

Die Mutter hört´s: "O könnt´ ich sein
Bei dir doch Tag und Nacht!"
Die Mutter ruft´s und schlummert ein
Und ist nicht mehr erwacht.

So konnte dann der Knabe ruhn,
Sein Grab war ringsum grün,
Und jeden Frühling sieht man nun
darauf rote Rosen blühn.

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