Koch, Eberhard

Der Werwolf

(nach Christian Morgenstern)

(Besserwisserisch  um den Plural erweitert)

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“ - sprach der gute Mann,
„des Werwolfs“ - Genitiv sodann,
„dem Werwolf“ - Dativ, wie man’s nennt,
„den Werwolf“ - damit hat’s ein End‘.

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle,
indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch „wer“ gäb’s nur im Singular.

 Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Herr Morgenstern, der irrte hier:
Die Mehrzahl, ja, die kennen wir.
Der Dorfschulmeister fügt‘ sie an,
auf dass der Wolf sie wissen kann.

 „Die Werwölf‘“ - so der Nominativ,
„der Werwölfe“ - nun der Lehrer rief,
„dem Werwolfsrudel“ - und hier wird’s nun etwas schief,
folgt „den Werwölfen“ - im Akkusativ.

Der Wolf erhebt sich so belehrt,
spricht zu Weib und Kindern heimgekehrt:
„Es kann in der Grammatik Wirren
sogar ein Dichtergeist sich einmal irren!“

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