Müller, Wilhelm (1794-1827)

Der Lindenbaum

Am Brunnen vor dem Tore
da steht ein Lindenbaum,
ich träumt in seinem Schatten
so manchen süßen Traum

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort.
Es zog in Freud und Leide
zu ihm mich immerfort

Ich mußt auch heute wandern
vorbei in tiefer Nacht,
da hab ich noch im Dunkeln
die Augen zugemacht

Und seine Zweige rauschten
als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle
hier find’st du deine Ruh

Die kalten Winde bliesen
mir grad ins Angesicht,
der Hut flog mir vom Kopfe
ich wendete mich nicht

Nun bin ich manche Stunde
entfernt von jenem Ort
und immer hör ich’s rauschen
du fändest Ruhe dort.


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