Güll, Friedrich (1812-1879)

Das Häslein

Unterm Tannenbaum im Gras
gravitätisch sitzt der Has',
wichst den Bart und spitzt das Ohr,
duckt sich nieder, guckt hervor,
zupft
und leckt sich,
rupft
und reckt sich;

endlich macht er einen Sprung:
"Hei, was bin ich für ein Jung'!
Schneller noch als Hirsch und Reh
spring' ich auf und ab die Höh'.

Wer ist's, der mich fangen kann?
Tausend Hund' und hundert Mann,
gleich will ich's mit ihnen wagen,
soll mich keiner doch erjagen.

Und der Graf auf seinem Schloss
hat im ganzen Stall kein Ross
und auch keinen Reiterknecht,
der mir nachgaloppen möcht'."

"Häslein, nimm dich doch in acht,
Hund und Jäger schleichen sacht!
Eh' du's denkst, da zuckt es rot,
und die Kugel schießt dich tot

Aber's Häslein hat sich jetzt
wie ein Männlein hingesetzt,
schaut nicht auf und schaut nicht um -
"Bst, wer kommt so still und stumm

dort durch Busch und Dorn und Korn
mit dem Stutz und Pulverhorn?
Hu! Der Jäger ist es schon!
Häslein, Häslein, spring davon!"

's ist zu spät; es blitzt und pufft,
und der Rauch steigt in die Luft,
und das Häslein liegt, o weh!
totgeschossen in dem Klee.

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