Heym, Georg (1887-1912)

Bist du nun tot ...

Bist du nun tot? Da hebt die Brust sich noch,
Es war ein Schatten, der darüber fegt,
Der in der ungewissen Dämmrung kroch
Vom Vorhang, der im Nachtwind Falten schlägt. 

Wie ist dein Kehlkopf blau, draus ächzend fuhr
Dein leises Stöhnen von der Hände Druck.
Das ist der Würgemale tiefe Spur,
Du nimmst ins Grab sie nun als letzten Schmuck. 

Die weißen Brüste schimmern hoch empor,
Indes dein stummes Haupt nach hinten sank,
Das aus dem Haar den Silberkamm verlor.
Bist du das, die ich einst so heiß umschlang? 

Bin ich denn der, der einst bei dir geruht
Vor Liebe toll und bittrer Leidenschaft,
Der in dich sank wie in ein Meer von Glut
Und deine Brüste trank wie Traubensaft?

Bin ich denn der, der so voll Zorn gebrannt
Wie einer Höllenfackel Göttlichkeit,
Und deine Kehle wie im Rausch umspannt,
In Hasses ungeheurer Freudigkeit?

Ist das nicht alles nur ein wüster Traum?
Ich bin so ruhig und so fern der Gier.
Die fernen Glocken zittern in dem Raum,
Es ist so still wie in den Kirchen hier.

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