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Nikolaus Lenau (1802-1850)
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An die Entfernte
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Diese Rose pflück ich hier, In der fremden Ferne; Liebes Mädchen, dir, ach dir Brächt ich sie so gerne!
Doch bis ich zu dir mag ziehn, Viele weite Meilen, Ist die Rose längst dahin, Denn die Rosen eilen.
Nie soll weiter sich ins Land Lieb von Liebe wagen, als sich blühend in der Hand lässt die Rose tragen;
Oder als die Nachtigall Halme bringt zum Neste Oder als ihr süßer Schall wandert mit dem Weste.
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Der Lenz
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Da kommt der Lenz, der schöne Junge, Den alles lieben muss, Herein mit einem Freudensprunge Und lächelt seinen Gruß; Und schickt sich gleich mit frohem Necken Zu all den Streichen an, Die er auch sonst dem alten Recken, Dem Winter, angetan. Er gibt sie frei, die Bächlein alle, Wie auch der Alte schilt, Die der in seiner Eisesfalle So streng gefangen hielt. Schon ziehn die Wellen flink von dannen Mit Tänzen und Geschwätz Und spötteln über des Tyrannen Zerronnenes Gesetz. Den Jüngling freut es, wie die raschen Hinlärmen durchs Gefild, Und wie sie scherzend sich enthaschen Sein aufgeblühtes Bild. Froh lächelt seine Mutter Erde Nach ihrem langen Harm; Sie schlingt mit jubelnder Gebärde Das Söhnlein in den Arm. In ihren Busen greift der Lose Und zieht ihr schmeichelnd keck Das sanfte Veilchen und die Rose Hervor aus dem Versteck. Und sein geschmeidiges Gesinde Schickt er zu Berg und Tal: »Sagt, dass ich da bin, meine Winde, Den Freunden allzumal!« Er zieht das Herz an Liebesketten Rasch über manche Kluft Und schleudert seine Singraketen, Die Lerchen, in die Luft.
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Der Postillion
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Lieblich war die Maiennacht, Silberwölklein flogen Ob der holden Frühlingspracht Freudig hingezogen.
Schlummernd lagen Wies und Hain, Jeder Pfad verlassen; Niemand als der Mondenschein Wachte auf der Straßen.
Leise nur das Lüftchen sprach, Und es zog gelinder Durch das stille Schlafgemach All der Frühlingskinder.
Heimlich nur das Bächlein schlich, Denn der Blüten Träume Dufteten gar wonniglich Durch die stillen Räume.
Rauer war mein Postillion, Ließ die Geißel knallen, Über Berg und Tal davon Frisch sein Horn erschallen.
Und von flinken Rossen vier Scholl der Hufe Schlagen, Die durchs blühende Revier Trabten mit Behagen.
Wald und Flur im schnellen Zug Kaum gegrüßt – gemieden; Und vorbei, wie Traumesflug, Schwand der Dörfer Frieden.
Mitten in dem Maienglück Lag ein Kirchhof innen, Der den raschen Wanderblick Hielt zu ernstem Sinnen.
Hingelehnt an Bergesrand War die bleiche Mauer, Und das Kreuzbild Gottes stand Hoch, in stummer Trauer.
Schwager ritt auf seiner Bahn Stiller jetzt und trüber; Und die Rosse hielt er an, Sah zum Kreuz hinüber:
»Halten muss hier Ross und Rad, Mags euch nicht gefährden: Drüben liegt mein Kamerad In der kühlen Erden!
Ein gar herzlieber Gesell! Herr, 's ist ewig schade! Keiner blies das Horn so hell Wie mein Kamerade!
Hier ich immer halten muss, Dem dort unterm Rasen Zum getreuen Brudergruß Sein Leiblied zu blasen!«
Und dem Friedhof blies er zu Frohe Wandersänge, Dass es in die Grabesruh Seinem Bruder dränge.
Und des Hornes heller Ton Klang vom Berge wieder, Ob der tote Postillion Stimmt' in seine Lieder. –
Weiter gings durch Feld und Hag Mit verhängtem Zügel; Lang mir noch im Ohre lag Jener Klang vom Hügel.
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Form
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Ist die Form auch fest geschlossen, Immer noch ists kein Gedicht, Wenn um den Gedanken nicht Stetig sich das Wort gegossen.
Werfen noch die Worte Falten, Kein lebendger Leib, nur Kleid, Was sie wecken, Lust und Leid, Wird im Hörer bald erkalten.
Hört den losen Kern er klappern, Wie Toneisenklapperstein, Mag das Wort gemeistert sein, Ist es doch nur dürres Plappern.
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Frage
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Mir hat noch deine Stimme nicht geklungen, Ich sah nur erst dein holdes Angesicht, Doch hat der Strom der Schönheit mich bezwungen, Der hell von dir in meine Seele bricht.
Ins Tiefste ist er mächtig mir gedrungen, Süß sterbend ward es von der Flut verschlungen; Das ist der Liebe himmlisches Gericht!
O dass mein kühnes Hoffen, banges Zagen Ein milder Spruch aus deinem Munde grüßte! Die Wellen, die so laut mein Herz durchschlagen,
Wohin doch werden sie die Seele tragen? An der Erhörung Paradiesesküste? - In der Verstoßung trauervolle Wüste? –
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Herbst
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Rings ein Verstummen, ein Entfärben: wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise, die Zeit der Liebe ist verklungen, die Vögel haben ausgesungen, und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden, aus dem Verfall des Laubes tauchen die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, die Blätter fallen stets, die müden.
In dieses Waldes leisem Rauschen ist mir als hör' ich Kunde wehen, dass alles Sterben und Vergehen nur heimlich still vergnügtes Tauschen.
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Liebesfeier
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An ihren bunten Liedern klettert Die Lerche selig in die Luft; Ein Jubelchor von Sängern schmettert Im Walde, voller Blüt und Duft.
Da sind, soweit die Blicke gleiten, Altäre festlich aufgebaut, Und all die tausend Herzen läuten Zur Liebesfeier dringend laut.
Der Lenz hat Rosen angezündet An Leuchtern von Smaragd im Dom; Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom.
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Schilflied
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Auf dem Teich, dem regungslosen,
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz.
Hirsche wandeln dort am Hügel,
Blicken in die Nacht empor;
Manchmal regt sich das Geflügel
Träumerisch im tiefen Rohr.
Weinend muss mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken,
Wie ein stilles Nachtgebet.
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