Stefan George (1868-1933)

Es lacht in dem steigenden Jahr dir

Es lacht in dem steigenden Jahr dir
der Duft aus dem Garten noch leis.
Flicht in dem flatternden Haar dir
Eppich und Ehrenpreis.

Die wehende Saat ist wie Gold noch,
vielleicht nicht so hoch mehr und reich.
Rosen begrüßen dich hold noch,
ward auch ihr Glanz etwas bleich.

Verschweigen wir, was uns verwehrt ist;
geloben wir, glücklich zu sein,
wenn auch nicht mehr uns beschert ist
als noch ein Rundgang zu zwein.

 


Vogelschau

Weiße Schwalben sah ich fliegen.

Schwalben schnee- und silberweiß.

Sah sie sich im Winde wiegen,

In dem Winde hell und heiß.

 

Bunte Häher sah ich hüpfen.

Papagei und Kolibri

Durch die Wunderbäume schlüpfen

In dem Wald der Tusferi.

 

Große Raben sah ich flattern.

Dohlen schwarz und dunkelgrau

Nah am Grunde über Nattern

Im verzauberten Gehau.

 

Schwalben seh ich wieder fliegen.

Schnee- und silberweiße Schar.

Wie sie sich im Winde wiegen

In dem Winde kalt und klar!

 

 


Wir schreiten auf und ab im reichen flitter


Wir schreiten auf und ab im reichen flitter

Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen aussen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore.

Wir suchen nach den schattenfreien bänken
Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·
In träumen unsre arme sich verschränken ·
Wir laben uns am langen milden leuchten

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.