Georg Britting (1891-1964)

Am offenen Fenster bei Hagelwetter


Himmlisches Eis
Sprang mir auf den Tisch,
Rund, silberweiß.
Schoss wie ein Fisch

Weg von der Hand,
Dies greifen wollt,
Schmolz und verschwand.
Blitzend wie Gold

Blieb auf dem Holz
Nur ein Tropfen dem Blick.
Mächtig die Sonne
Sog ihn zurück.
 

© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/

 

 


Auf dem Sankt Anna Platz

Regen fällt.  Schon sind die Kinder fort!
Nur die Tropfen springen auf den Steinen.
Kaum verstummt ihr nasses Wort,
Stürmt es her mit nackten Beinen.

Und so gehts im Wechsel hin und her.
Schaffts der Himmel, kurz sich zu erhellen,
Wirft die schwarze Wolke einen schnellen
Sommerregen, fegt den Kirchplatz leer.

Lange sind die Kleinen nicht betrogen.
Farbig glänzt der Platz, die Stadt, die Welt!
Schöne Zeit verspricht der Regenbogen:
Glaubens gern, die Kinder, dass ers hält!

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Der Gesang der Vögel


Es läuft das Reh schnell durch den schwarzen Wald 

Und fängt sich in den ausgelegten Schlingen 
Und über ihm die kleinen Vögel singen 
Wohl auf dem Baume, dass es lustig schallt!

Die Rehe, die sich in den Schlingen fingen, 
Und also spüren finstern Tods Gewalt,. 
Sie hören heller nur die Vögel singen,
Und hörn den Falken schreien überm Wald! 

Meintest du denn, die Welt wird sich verdunkeln,
Nur weil du stirbst?  Das Veilchen nicht mehr blühn?
Die Sterne werden schön wie niemals funkeln,

Die Sonnenblumen wütender erglühn!
Erst wenn du stirbst, wirst du es ganz begreifen, 
Dass, weil du stirbst, die Vögel heller pfeifen!

 

© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/

 


Der Mond

Der Mond kommt jetzt sehr früh herauf 
Und glänzt wie Silber matt. 
Es schaut kein Mensch zum ihm hinauf –
So ist das in der Stadt,

Wo keiner Zeit zu haben meint 
Nach oben hin zu spähn. 
Er aber kommt und geht und scheint, 
Auch wenn wir ihn nicht sehn.

Das kränkt ihn nicht, das macht ihm noch 
Nicht das Geringste aus. 
Und wenn wir schlafen, taub und blind, 
Fühllos wie Schläfer sind 
Das gilt ihm gleich, er legt uns doch 
Sein Licht auf unser Haus.

 

© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/

 


Die Sonnenblume

Ober den Gartenzaun schob sie
Ihr gelbes Löwenhaupt,
Zwischen den Bohnen erhob sie
Sich, gold und gelb überstaubt.

Die Sonne kreist im Blauen
Nicht größer, als ihr gelbes Rad
Zwischen den grünen Stauden,
Den Bohnen und jungem Salat.

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Fröhlicher Regen

Wie der Regen tropft, Regen tropft, 
An die Scheiben klopft! 
Jeder Strauch ist nass bezopft.

Wie der Regen springt!
In den Blättern singt
Eine Silberuhr.
Durch das Gras hin läuft,
Wie eine Schneckenspur,
Ein Streifen weiß beträuft.

Das stürmische Wasser schießt 
In die Regentonne,
Dass die überfließt,
Und in breitem Schwall
Auf den Weg bekiest
Stürzt Fall um Fall.

Und der Regenriese,
Der Blauhimmelhasser,
Silbertropfenprasser,
Niesend fasst er in der Bäume Mähnen,
Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser.

Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen
Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

 

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Goldene Welt

Im September ist alles aus Gold: 
Die Sonne, die durch das Blau hinrollt, 
Das Stoppelfeld,

Die Sonnenblume, schläfrig am Zaun, 
Das Kreuz auf der Kirche, 
Der Apfel am Baum.

Ob er hält? Ob er fällt? 
Da wirft ihn geschwind 
Der Wind in die goldene Welt.

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Krähen im Schnee

Die schwarzen Krähen auf dem weißen Feld: 
Der Anblick macht das Herz erregt. 
Es stäubt der Schnee.  In Wirbeln kreist die Welt. 
Sie sitzen auf den Bäumen unbewegt. 

Die Zaubertiere aus der alten Zeit, 
Sie sind bei uns nur zu Besuch. 
Sie tragen noch das Galgenvogelkleid, 
Sie hörten einst den rauen Henkerfluch. 

 Was denken sie?  Ach, du errätst es nicht! 
 Sie starren einsam vor sich hin. 
 Der Himmel hat ein milchig trübes Licht. 
 So war die Welt im ersten Anbeginn. 

 Nun naht vom Wald her sich ein neuer Gast. 
 Die andern sehen ihm nicht zu. 
 Er lässt sich nieder auf dem weißen Ast. 
 Und dann ertönt auch durch die Winterruh 

  So rau wie hohl der alte Krähenschrei. 
  In ihm ist Langweil und Verdruss. 
  So hocken sie, das schwarze Einerlei, 
  Und wirbelnd fällt der Schnee, wohin er muss.
 

© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/

 


September


September, er wills mit der ganzen Kraft,
Dem störrischen Hochmut der Leidenschaft,
Das Fliehende will er noch halten.
Doch hüpfen die Äpfel vom Baum ihm fort,
Die Goldbirnen stürzen, das Gras verdorrt,
Die Flüsse und Weiher erkalten.

Die Wolken sind auch schon so weiß nicht mehr, 
Und Pilzgeruch bringen die Nebel her
Auf regenfeucht schleppenden Füßen.
Den Brombeersucher, den mag er nicht,
Drum schärft er den Dolch, der die Hand zersticht: 
Die Gier soll der Räuber nur büßen!

Nur manchmal, am Mittag, im weißen Glast, 
Da tut er, als wär er der Sommer fast,
Da fühlt er sich noch wie ein Junger.
Da hat er noch Gold und ein Knabenherz,
Und treibt mit der Muhme, der Schlange, Scherz, 
Und gibt ihr die Maus für den Hunger.

Nie schrie dann im Hof so verliebt der Hahn, 
Es fangen die Blumen zu brennen an, 
In Feuer stehn ringsum die Gärten.
Jetzt sammelt im Weine sich süß die Glut, 
Drum heben die Winzer voll Dank den Hut 
Vor ihm, den sie immer verehrten.

Doch nach einer regendurchtobten Nacht,
Scheel sieht er die nasse, vergilbte Pracht,
Zerrauft und wie Besen die Schober.
Da weiß er, nun gilt es nach Haus zu gehn,
Und ohne sich noch einmal umzusehn
Überlässt er die Welt dem Oktober.
 
 
© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/

 


Wetterwendischer Tag

Wolken sind herangeglitten 
Und ein Regen ist gestürzt. 
Wolken sind davon geritten
Und das Feld dampft frisch gewürzt.

Zwar, das dauert nur ein Weilchen,
Doch die Veilchen, nass und tropfend,
Drehn die Zartgesichter schon,
Und die Amsel probt den Ton.

Wieder kommt es her geritten,
Wolkenpferd an Wolkenpferd,
Schwarze Regenmähnen schwingend,
Schnee und weißen Hagel bringend,
Der jetzt stäubend niederfährt.

Ach, die Amsel hört man nimmer,
Schnell verscheuchtes Frauenzimmer,
Das der Schneehieb gleich vertrieb.
Doch ein süßer, blauer Schimmer

Noch das raue Weiß durchsprüht:
Der kommt von dem Veilchenvolke,
Das auf seinem Platze blieb
Und zu glänzen sich bemüht.

Oben eine rosa Wolke 
Wie zerschmelzend glüht.

© Ingeborg Schuldt-Britting / http://www.britting.com/