Richard Dehmel (1863-1920)

Der brave Strubel

 

Unser Hofhund, Strubel heißt er,
ist gar lobesam;
nur die Ruhestörer beißt er,
denen ist er gram.

Ach, er liefe gern den Katzen
durch den Garten nach;
bellt auch gerne nach den Spatzen
auf dem Scheunendach.

Doch er muss darauf verzichten,
folgsam seinem Herrn;
denn er ist ein Hund mit Pflichten
und gehorcht wohl gern.

Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt:
“hast es brav gemacht“
und das Kinn ihm gnädig streichelt,
ist's, als ob er lacht.

Und wie schön kann Strubel springen
und kann aufrecht gehn,
kann Verlornes wiederbringen
und kann Schildwach stehn!

Demut, Biedersinn und Treue
sind in ihm vereint,
und wir preisen stets aufs neue
Strubel, unsernFreund.

 

 

 


Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand;
dämpft mir alle Glut.

Ein verirrter Schwimmer schwebt
durch den Wald zum Fluss,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuss.

Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss´ ich dich.

 

 


Stromüber


Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn:
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.

Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer schoss ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht

und fühlte deinen Atem stehn
und deine Augen nach mir schrein
und - eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!

Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.

 

 


Wiegenlied für meinen Jungen

Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen regnet's Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
dass der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen tun's in Garben -
Herrr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, huh,
deckt dir beide Augen zu -

deckt die Flügel sacht zusammen,
daß du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden - -
So, nun schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!