Viktor Blüthgen (1844 - 1920)

Ach wer das doch könnte

Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!

 

Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluss, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

 

Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da fasst ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

 


Vetter Starmatz

Wenn der Starmatz wieder heimkommt und der Frost nicht mehr dräut,

ach, was sind da die Kinder für glückliche Leut'!

Denn da schwirrt's bald und da schwebt's bald in Lüften zuhauf,

und da tun bald alle Blümlein ihre Äugelchen auf.

»Vetter Starmatz, Vetter Jakob, was bringst du uns mit? «

» Ein bissel Knarren, ein bissel Flöten, ein bissel Zwitschern, ich bitt'.

Keine Taschen im Rocke, kein Ränzchen ist mein,          

wo tät' ich in der Fremde für euch was hinein? «

 

» Vetter Starmatz, Vetter Jakob, dein Häuschen steht leer.

Unser Sperling wollt' mieten, es gefiel ihm so sehr.

Was willst du uns zahlen, vermiet' ich dir das! «

» Ei da sing' ich, ei da spring ich, ei da spaß' ich euch was. «

 

»Vetter Starmatz, Vetter Jakob, wo hast du deine Frau?«

 »Wenn die Stube wird blank sein, dann kommt sie zum Bau,

und da gibt's art'ge Kinder, nicht eins wird gewiegt;

denn ein richtiger Starmatz ist allzeit vergnügt. «