Christine Busta (1915-1987)

Baum im Winter

Seltsame Früchte hat er heut getragen:
im Morgenfrost den roten Sonnenapfel,
am Abend eine Silberschote Mond.

Copyright:  Christine Busta, Unterwegs zu älteren Feuern, Otto Müller Verlag, Salzburg 1995, 3. Auflage


Der Sommer

Er trägt einen Bienenkorb als Hut

blau weht sein Mantel aus Himmelsseide,

die roten Füchse im gelben Getreide

kennen ihn gut.

Sein Bart ist voll Grillen. Die seltsamsten Mären

summt er der Sonne vor, weil sie's mag,

und sie kocht ihm dafür jeden Tag

Honig und Beeren.

 
Copyright: Christine Busta, Die Sternenmühle, Otto Müller Verlag, Salzburg 2004, 8. Auflage

Entdeckung


Sag:

Grasnarbe.

Sag es langsam.

Du sprichst

ein vollkommenes

Gedicht.

Copyright:  Christine Busta, Salzgärten, Otto Müller Verlag, Salzburg 1978, 2. Auflage


Für den Winterabend


Wenn der Mondmann geht ums Haus,
weht der Schnee bald leiser,
nur die rote Feuermaus
huscht noch durch die Reiser.
Leiser, als die Spinne spinnt,
webt im Ofenloch der Wind
Träume schon für Vater,
Mutter, Kind und Kater.

Copyright:  Christine Busta, Die Sternenmühle, Otto Müller Verlag, Salzburg 2004, 8. Auflage

 


Inmitten aller Vergänglichkeit

Einmal wichtig gewesen zu sein,
für jemanden, der einem selber
so wichtig war, dass man glaubte,
alles vorher sei unwichtig gewesen,
und nichts könnte nachher wichtiger werden
als dieses eine Mal –
es bleibt und wird zu erfülltem Leben.

Auch wenn man es längst vergessen wähnt.

 

Copyright:  Christine Busta, Inmitten aller Vergänglichkeit, Otto Müller Verlag, Salzburg 1985

 

 


Kleine Morgengabe

Früh in der Morgendämmerung
wird über meiner Stadt der Himmel
manchmal so apfelgrün,
dass ich ihn riechen kann.

Ich werde heut Nacht nicht schlafen,
um ihn zur rechten Stunde zu pflücken
und in dein fernes Fenster zu legen,
dass er dir duftet.

Copyright:  Christine Busta, Inmitten aller Vergänglichkeit, Otto Müller Verlag, Salzburg 1985


Muttersprache

       Nicht, was die Mutter sagt,
   beruhigt und tröstet die Kinder.
Sie verstehen´s zunächst noch gar nicht.

           Wie sie es sagt,
    der Tonfall, der Rhythmus,
     die Monotonie der Liebe
    in den wechselnden Lauten
öffnet die Sinne dem Sinn der Worte,
  bringt uns ein in die Muttersprache.

           Ein Gleiches
        geschieht auch
           im Gedicht.

Copyright: Christine Busta, Wenn du das Wappen der Liebe malst, Otto Müller Verlag, Salzburg 1995, 3. Auflage

 


Was leise ist und doch gehört wird

Wenn der Wind durchs Gatter geht,

hört man‘s leise knarren,

wo im Haus ein Mäuslein gräbt,

hörst du‘s heimlich scharren.

 

Und wer still ist, hört den Tau

in die Blätter tappen

und die Katze pfötchenschlau

aus dem Milchnapf schlappen.

 

Gott ist still, und Gott hört gut,

kennt uns an Geräuschen,

und wie leis ein Dieb auch tut,

ihn kann er nicht täuschen.

 

 Copyright: Christine Busta, Die Sternenmühle, Otto Müller Verlag, Salzburg 2004, 8. Auflage