30.Mai 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Lenz

Da kommt der Lenz, der schöne Junge, 
Den alles lieben muss, 
Herein mit einem Freudensprunge 
Und lächelt seinen Gruß; 
Und schickt sich gleich mit frohem Necken 
Zu all den Streichen an, 
Die er auch sonst dem alten Recken, 
Dem Winter, angetan. 
Er gibt sie frei, die Bächlein alle, 
Wie auch der Alte schilt, 
Die der in seiner Eisesfalle 
So streng gefangen hielt. 
Schon ziehn die Wellen flink von dannen 
Mit Tänzen und Geschwätz 
Und spötteln über des Tyrannen 
Zerronnenes Gesetz. 
Den Jüngling freut es, wie die raschen 
Hinlärmen durchs Gefild, 
Und wie sie scherzend sich enthaschen 
Sein aufgeblühtes Bild. 
Froh lächelt seine Mutter Erde 
Nach ihrem langen Harm; 
Sie schlingt mit jubelnder Gebärde 
Das Söhnlein in den Arm. 
In ihren Busen greift der Lose 
Und zieht ihr schmeichelnd keck 
Das sanfte Veilchen und die Rose 
Hervor aus dem Versteck. 
Und sein geschmeidiges Gesinde 
Schickt er zu Berg und Tal: 
»Sagt, dass ich da bin, meine Winde, 
Den Freunden allzumal!« 
Er zieht das Herz an Liebesketten 
Rasch über manche Kluft 
Und schleudert seine Singraketen,
Die Lerchen, in die Luft. 

Nikolaus Lenau

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