21.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? 
Es ist der Vater mit seinem Kind; 
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, 
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm. -

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? - 
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? 
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? - 
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! 
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; 
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand; 
Meine Mutter hat manch' gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, 
Was Erlenkönig mir leise verspricht? - 
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind! 
In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? 
Meine Töchter sollen dich warten schön; 
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn 
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort 
Erlkönigs Tochter am düstern Ort? - 
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau; 
Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." - 
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! 
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, 
Er hält in Armen das ächzende Kind, 
Erreicht den Hof mit Mühe und Not; 
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang v. Goethe

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