1.April 2018 - Ostersonntag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche 
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; 
Im Tale grünet Hoffnungsglück; 
Der alte Winter, in seiner Schwäche, 
Zog sich in raue Berge zurück. 
Von dorther sendet er, fliehend, nur 
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises 
In Streifen über die grünende Flur; 
Aber die Sonne duldet kein Weißes; 
Überall regt sich Bildung und Streben, 
Alles will sie mit Farben beleben; 
Doch an Blumen fehlt's im Revier, 
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen 
Nach der Stadt zurückzusehen. 
Aus dem hohlen finstern Tor 
Dringt ein buntes Gewimmel hervor. 
Jeder sonnt sich heute so gern. 
Sie feiern die Auferstehung des Herrn, 
Denn sie sind selber auferstanden. 
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, 
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, 
Aus Druck von Giebeln und Dächern, 
Aus der Straßen quetschender Enge; 
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht 
Sind sie alle ans Licht gebracht. 
Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge 
durch die Gärten und Felder zerschlägt, 
Wie der Fluss, in Breit' und Länge, 
So manchen lustigen Nachen bewegt, 
Und bis zum Sinken überladen 
Entfernt sich dieser letzte Kahn. 
Selbst von des Berges fernen Pfaden 
Blinken uns farbige Kleider an. 
Ich höre schon des Dorfs Gerümmel, 
Hier ist des Volkes wahrer Himmel, 
Zufrieden jauchzet groß und klein; 
Hier bin ich Mensch hier darf ich sein.

Johann Wolfgng von Goethe 
 

Zurück

Einen Kommentar schreiben