Der Werwolf

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vor einigen Tagen schickte mir eine liebe Bekannte, die mit mir die Liebe zu Gedichten teilt, eine gelesene Fassung des Gedichts „Der Werwolf“ von Christian Morgenstern.

Wie oft habe ich es schon gelesen und jedes Mal neu mich wieder an Morgensterns Spiel mit der Sprache erfreut! Auch diesmal erging es mir nicht anders. Immer wieder kann ich es hören oder lesen und genießen!

Für alle, die es nicht mehr im Kopf haben: Hier ist es:

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!  

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:  

"Der Werwolf", - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs" Genitiv sodann,
"dem Wemwolf" Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf" - damit hat's ein End.'  

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!  

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.  

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

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Der Lattenzaun

Das ästhetische Wiesel

Viel Spaß beim Lesen oder Wiederentdecken!

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