Gedicht der Woche

29.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Grab im Busento

 Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder. 

Aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wider. 

Und den Fluss hinauf, hinunter zieh´n die Schatten tapfrer Goten, 
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben, 
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben. 

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette. 
Um die Strömung abzuleiten gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, 
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe, 
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe. 

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen. 
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern "Schlaf in deinen Heldenehren! 
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!" 

Sangen´s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere. 
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

August von Platen

 
 
 

22.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch 
In grünem Knospenschuh; 
„Er kam, er kam ja immer noch“ – 
Die Bäume nicken sichs zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum, 
Nun treiben sie Schuss auf Schuss; 
Im Garten der alte Apfelbaum 
Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz 
Und atmet noch nicht frei, 
Es bangt und sorgt: „Es ist erst März, 
Und März ist noch nicht Mai.“


O schüttle ab den schweren Traum 
Und die lange Winterruh 
Es wagt es der alte Apfelbaum, 
Herze, wags auch du.

Theodor Fontane 
 
 

15.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Pfingstlied

Pfingsten ist heut‘ , und die Sonne scheint, 
und die Kirschen blühn, und die Seele meint, 
sie könne durch allen Rauch und Duft 
aufsteigen in die goldne Luft.

Jedes Herz in Freude steht, 
von neuem Geist frisch angeweht. 
Und hoffnungsvoll aus Tür und Tor 
steckt’s einen grünen Zweig hervor.

Gustav Falke

 

 

8.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An meine Mutter

So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
Von Deiner Liebe, deiner treuen Weise;
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.
 
Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten darüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin:
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Annette von Droste-Hülshoff

 

 

1.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An den Mai

Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache die kleinen Veilchen blühn!
Wie möchte ich doch so gerne ein Veilchen wieder Sehn,
ach, lieber Mai, wie gerne einmal spazieren gehn!

Zwar Wintertage haben wohl auch der Freuden viel:
man kann im Schnee eins traben und treibt manch Abendspiel,
baut Häuserchen von Karten, spielt Blindekuh und Pfand,
auch gibt's wohl Schlittenfahrten aufs liebe freie Land

Doch wenn die Vögel singen und wir dann froh und flink
auf grünem Rasen springen, das ist ein ander Ding!
Jetzt muss mein Steckenpferdchen dort in dem Winkel stehen,
denn draußen in dem Gärtchen kann man vor Schmutz nicht gehn.

Am meisten aber dauert mich Lottchens Herzeleid,
das arme Mädchen lauert recht auf die Blumenzeit.
Umsonst hol ich ihr Spielchen zum Zeitvertreib herbei,
sie sitzt in ihrem Stühlchen wie's Hühnchen aus dem Ei.

Ach, wenn's doch erst gelinder und grüner draußen wär!
Komm, lieber Mai, wir Kinder, wir bitten gar zu sehr!
O komm und bring vor allem uns viele Veilchen mit,
bring auch viele Nachtigallen und schöne Kuckucks mit.

 

Christian Adolf Overbeck

 
 

24.April 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

April

April! April!
Der weiß nicht, was er will.
Bald lacht der Himmel klar und rein,
Bald schaun die Wolken düster drein,
Bald Regen und bald Sonnenschein!
Was sind mir das für Sachen,
Mit Weinen und mit Lachen
Ein solch Gesaus zu machen!
April! April!
Der weiß nicht, was er will.

O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!
Und schneit mir in den Blütenbaum,
In all den Frühlingswiegentraum!
Ganz greulich ist's, man glaubt es kaum:
Heut Frost und gestern Hitze,
Heut Reif und morgen Blitze;
Das sind so seine Witze.
O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!

Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!
Und kriegt der raue Wintersmann
Auch seinen Freund, den Nordwind, an
Und wehrt er sich, so gut er kann,
Es soll ihm nicht gelingen;
Denn alle Knospen springen,
Und alle Vöglein singen.
Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!

Heinrich Seidel

17.April 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt 
Er voll der Marmorschale Rund, 
Die, sich verschleiernd, überfließt 
In einer zweiten Schale Grund; 
Die zweite gibt, sie wird zu reich, 
Der dritten wallend ihre Flut, 
Und jede nimmt und gibt zugleich 
und strömt und ruht ...

Conrad Ferdinand Meyer

 
 

10.April 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingsankunft

Grüner Schimmer spielet wieder
Drüben über Wies' und Feld.
Frohe Hoffnung senkt sich nieder
Auf die stumme trübe Welt.
Ja, nach langen Winterleiden
Kehrt der Frühling uns zurück,
Will die Welt in Freude kleiden,
Will uns bringen neues Glück.
Seht, ein Schmetterling als Bote
Zieht einher in Frühlingstracht,
Meldet uns, daß alles Tote
Nun zum Leben auferwacht.
Nur die Veilchen schüchtern wagen
Aufzuschau'n zum Sonnenschein;
Ist es doch, als ob sie fragen
»Sollt' es denn schon Frühling sein?«
Seht, wie sich die Lerchen schwingen
In das blaue Himmelszelt!
Wie sie schwirren, wie sie singen
Über uns herab ins Feld!
Alles Leid entflieht auf Erden
Vor des Frühlings Freud' und Lust
Nun, so soll's auch Frühling werden,
Frühling auch in unsrer Brust!
 
Hoffmann von Fallersleben

 

3.April 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingsbotschaft

Leise zieht durch mein Gemüt 
Liebliches Geläute. 
Klinge, kleines Frühlingslied, 
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus, 
Wo die Blumen sprießen. 
Wenn du eine Rose schaust, 
Sag, ich lass sie grüßen.

Heinrich Heine

27.März 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Osterhäslein

Drunten an der Gartenmauer
hab' ich sehn das Häslein lauern.
eins, zwei, drei: legt's ein Ei,
lang wird's nimmer dauern.


Kinder, lasst uns niederducken!
Seht ihr's ängstlich um sich gucken?
Ei, da hüpft's und dort schlüpft's
durch die Mauerlucken.

Und nun sucht in allen Ecken,
wo die schönsten Eier stecken,
rot und blau, und grün und grau
und mit Marmorflecken.

Friedrich Güll