Gedicht der Woche

23.April 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die arme kleine Idee

Es war einmal eine kleine Idee, 
ein armes, schmächtiges Wesen-, 
Da kamen drei Dichter des Wegs, o weh!
Und haben sie aufgelesen. 
Der eine macht´ einen Spruch daraus - 
Das hielt die kleine Idee noch aus; 
Der zweite eine Ballade - 
Da wurde sie schwach und malade;
Der dritte wollt´ sie verwenden 
Zu einem Roman in zwei Bänden - 
Dem starb sie unter den Händen.
 
Otto Sommerstorf

16.April 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

Max Dauthendey

9.April 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,  
wird an einer Straßenbeuge  
und von einem Kraftfahrzeuge  
überfahren.  

"Wie war" (spricht er, sich erhebend  
und entschlossen weiterlebend)  
"möglich, wie dies Unglück, ja-:  
dass es überhaupt geschah?  

Ist die Staatskunst anzuklagen  
in Bezug auf Kraftfahrwagen?  
Gab die Polizeivorschrift  
hier dem Fahrer freie Trift?  

Oder war vielmehr verboten,  
hier Lebendige zu Toten  
umzuwandeln, -kurz und schlicht:  
Durfte hier der Kutscher nicht-?  

Eingehüllt in feuchte Tücher,  
prüft er die Gesetzesbücher  
und ist alsobald im klaren:  
Wagen durften dort nicht fahren!  

Und er kommt zu dem Ergebnis:  
Nur ein Traum war das Erlebnis.  
Weil, so schließt er messerscharf,  
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern

2.April 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sie saßen und tranken am Teetisch

Sie saßen und tranken am Teetisch, 
Und sprachen von Liebe viel. 
Die Herren waren ästhetisch, 
Die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muss sein platonisch, 
Der dürre Hofrat sprach. 
Die Hofrätin lächelt ironisch, 
Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit: 
Die Liebe sei nicht zu roh, 
Sie schadet sonst der Gesundheit. 
Das Fräulein lispelt: Wie so?

Die Gräfin spricht wehmütig: 
Die Liebe ist eine Passion! 
Und präsentieret gütig 
Die Tasse dem Herrn Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen; 
Mein Liebchen, da hast du gefehlt. 
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, 
Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine

26.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!"

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich, was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!"

Was klinget, was klaget, flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
"Der Frühling, der Frühling!" Da wusst ich genug!

Heinrich Seidel

19.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse
– und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: »Pitschü!«
und hat ihn drauf bis Montag früh.
 
Christian Morgenstern

12.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen
Die gold'nen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmerung Hülle
So traulich und so hold
Gleich einer stillen Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön
So sind wohl manche Sachen
Die wir getrost verlachen
Weil unsere Augen sie nicht seh’n

Wir stolzen Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott lass dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und wenn du uns genommen,
Lass uns in’n Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder
Kalt ist der Abendhauch
Verschon uns Gott die Strafen
Und lasst uns ruhig schlafen
Und unser’n kranken Nachbar auch.

Matthias Claudius

5.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winter ade

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Aber dein Scheiden macht,
Daß mir das Herze lacht!
Winter ade!
Scheiden tut weh

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergeß ich dein,
Kannst immer ferne sein.
Winter ade!
Scheiden tut weh.

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckkuck aus!
Winter ade!
Scheiden tut weh.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


 

 

 

26.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Überall

Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn Du einen Schneck behauchst
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Joachim Ringelnatz

19.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Schlaraffenland

Kommt, wir wollen uns begeben
jetzo ins Schlaraffenland
seht da ist ein lustig Leben
und das Trauern unbekannt
seht da lässt sich billig zechen
und umsonst recht lustig sein
Milch und Honig fließt in Bächen,
aus den Felsen quillt der Wein
 
Alle Speisen gut geraten,
und das Finden fällt nicht schwer
Gäns und Enten gehen gebraten
überall im Land umher
Mit dem Messer auf dem Rücken
läuft gebraten jedes Schwein
Oh wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein.
 
Und von Kuchen, Butterwecken,
sind die Zweige voll und schwer
Feigen wachsen in den Hecken,
Ananas im Busch umher
Keiner darf sich mühen und bücken,
alles stellt von selbst sich ein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Und die Straßen allerorten,
jeder Weg und jede Bahn
sind gebaut aus Zuckertorten,
und Bonbons und Marzipan
Und von Brezeln sind die Brücken,
aufgeführt gar hübsch und fein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Ja, das mag ein schönes Leben,
und ein herrlich Ländchen sein
Mancher hat sich hinbegeben,
aber keiner kam hinein
ja, und habt ihr keine Flügel,
nie gelangt ihr bis ans Tor
denn es liegt ein breiter Hügel
ganz von Pflaumenmus davor.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben