Gedicht der Woche

2.April 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sie saßen und tranken am Teetisch

Sie saßen und tranken am Teetisch, 
Und sprachen von Liebe viel. 
Die Herren waren ästhetisch, 
Die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muss sein platonisch, 
Der dürre Hofrat sprach. 
Die Hofrätin lächelt ironisch, 
Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit: 
Die Liebe sei nicht zu roh, 
Sie schadet sonst der Gesundheit. 
Das Fräulein lispelt: Wie so?

Die Gräfin spricht wehmütig: 
Die Liebe ist eine Passion! 
Und präsentieret gütig 
Die Tasse dem Herrn Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen; 
Mein Liebchen, da hast du gefehlt. 
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, 
Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine

26.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!"

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich, was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!"

Was klinget, was klaget, flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
"Der Frühling, der Frühling!" Da wusst ich genug!

Heinrich Seidel

19.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse
– und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: »Pitschü!«
und hat ihn drauf bis Montag früh.
 
Christian Morgenstern

12.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen
Die gold'nen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmerung Hülle
So traulich und so hold
Gleich einer stillen Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön
So sind wohl manche Sachen
Die wir getrost verlachen
Weil unsere Augen sie nicht seh’n

Wir stolzen Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott lass dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und wenn du uns genommen,
Lass uns in’n Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder
Kalt ist der Abendhauch
Verschon uns Gott die Strafen
Und lasst uns ruhig schlafen
Und unser’n kranken Nachbar auch.

Matthias Claudius

5.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winter ade

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Aber dein Scheiden macht,
Daß mir das Herze lacht!
Winter ade!
Scheiden tut weh

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergeß ich dein,
Kannst immer ferne sein.
Winter ade!
Scheiden tut weh.

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckkuck aus!
Winter ade!
Scheiden tut weh.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


 

 

 

26.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Überall

Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn Du einen Schneck behauchst
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Joachim Ringelnatz

19.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Schlaraffenland

Kommt, wir wollen uns begeben
jetzo ins Schlaraffenland
seht da ist ein lustig Leben
und das Trauern unbekannt
seht da lässt sich billig zechen
und umsonst recht lustig sein
Milch und Honig fließt in Bächen,
aus den Felsen quillt der Wein
 
Alle Speisen gut geraten,
und das Finden fällt nicht schwer
Gäns und Enten gehen gebraten
überall im Land umher
Mit dem Messer auf dem Rücken
läuft gebraten jedes Schwein
Oh wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein.
 
Und von Kuchen, Butterwecken,
sind die Zweige voll und schwer
Feigen wachsen in den Hecken,
Ananas im Busch umher
Keiner darf sich mühen und bücken,
alles stellt von selbst sich ein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Und die Straßen allerorten,
jeder Weg und jede Bahn
sind gebaut aus Zuckertorten,
und Bonbons und Marzipan
Und von Brezeln sind die Brücken,
aufgeführt gar hübsch und fein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Ja, das mag ein schönes Leben,
und ein herrlich Ländchen sein
Mancher hat sich hinbegeben,
aber keiner kam hinein
ja, und habt ihr keine Flügel,
nie gelangt ihr bis ans Tor
denn es liegt ein breiter Hügel
ganz von Pflaumenmus davor.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


12.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich und Du

Wir träumten voneinander 
Und sind davon erwacht. 
Wir leben, um uns zu lieben, 
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume, 
Aus deinem trat ich hervor, 
Wir sterben, wenn sich Eines 
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern 
Zwei Tropfen, rein und rund, 
Zerfließen in Eins und rollen 
Hinab in des Kelches Grund.

 

Friedrich Hebbel

5.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Stein

Ein kleines Steinchen rollte munter 
Von einem hohen Berg herunter. 
Und als es durch den Schnee so rollte, 
Ward es viel größer als es wollte. 
Da sprach der Stein mit stolzer Miene: 
“Jetzt bin ich eine Schneelawine". 
Er riss im Rollen noch ein Haus 
Und sieben große Bäume aus. 
Dann rollte er ins Meer hinein, 
Und dort versank der kleine Stein.

Joachim Ringelnatz

 
 
 

29.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut, 
Es wurde dir beschieden. 
Du triumphierst und jubelst laut: 
„Jetzt hab ich endlich Frieden!“

Ach, Freundchen, rede nicht so wild, 
Bezähme deine Zunge! 
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, 
Kriegt augenblicklich Junge.

 Wilhem Busch