Gedicht der Woche

15.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Wort

Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil, 
Und ist es einmal deinem Bogen 
In Tändeln oder Ernst entflogen, 
Erschrecken muss dich seine Eil'.

Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand 
Entschlüpft; wer mag es wiederfinden? 
Und dennoch wuchert's in den Gründen 
Und treibt die Wurzeln durch das Land.

Gleicht dem verlornen Funken, der 
Vielleicht erlischt am feuchten Tage, 
Vielleicht am milden glimmt im Hage, 
Am dürren schwillt zum Flammenmeer.

Und Worte sind es doch, die einst 
So schwer in deine Schale fallen, 
Ist keins ein nichtiges von allen, 
Um jedes hoffst du oder weinst.

O einen Strahl der Himmelsau, 
Mein Gott, dem Zagenden und Blinden! 
Wie soll er Ziel und Acker finden? 
Wie Lüfte messen und den Tau?

Allmächt'ger, der das Wort geschenkt, 
Doch seine Zukunft uns verhalten, 
Woll' selber deiner Gabe walten, 
Durch deinen Hauch sei sie gelenkt!

Richte den Pfeil dem Ziele zu, 
Nähre das Körnlein schlummertrunken! 
Erstick' ihn oder fach' den Funken! 
Denn was da frommt, das weißt nur du.

Annette von Droste-Hülshoff

8.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wenn es Winter wird
 
Der See hat eine Haut bekommen, 
so dass man fast drauf gehen kann, 
und kommt ein großer Fisch geschwommen, 
so stößt er mit der Nase an. 
Und nimmst du einen Kieselstein 
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr 
und titscher - titscher - titscher - dirr . . . 
Heißa, du lustiger Kieselstein! 

Er zwitschert wie ein Vögelein 
und tut als wie ein Schwälblein fliegen - 
doch endlich bleibt mein Kieselstein 
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen. 

Da kommen die Fische haufenweis 
und schaun durch das klare Fenster von Eis 
und denken, der Stein wär etwas zum Essen; 
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen, 
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, 
sie machen sich nur die Nasen kalt. 

Aber bald, aber bald 
werden wir selbst auf eignen Sohlen 
hinausgehn können und den Stein wiederholen.
 
Christian Morgenstern
 
 

1.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
dir was Gutes schenken,
sage Dank und nimm es hin
ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt,
doch vor allen Dingen
das, worum du dich bemühst
möge dir gelingen.

Wilhelm Busch

25.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Süßer die Glocken nie klingen

Süßer die Glocken nie klingen
Als zu der Weihnachtszeit:
´s ist, als ob Engelein singen
Wieder von Frieden und Freud'.
Wie sie gesungen in seliger Nacht,
Glocken, mit heiligem Klang
Klingen die Erde entlang.
 
O, wenn die Glocken erklingen,
schnell sie das Christkindlein hört.
Tut sich vom Himmel dann schwingen
eilet hernieder zur Erd.
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingen die Erde entlang.
 
Klinget mit lieblichem Schalle
Über die Meere noch weit,
Dass sich erfreuen doch alle
Seliger Weihnachtszeit.
Alle aufjauchzen mit einem Gesang;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingen die Erde entlang.

Friedrich Wilhelm Kritzinger


18.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Christkind

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rot gefrorenem Näschen.

Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack -
denkt ihr, er wäre offen der Sack?


Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin!
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

Anna Ritter 
 
 

11.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtsbäume

Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
aus dem Wald in die Stadt herein.
Träumen sie Ihre Waldesträume
wieder beim Laternenschein?

Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
von der Waldfrau, die Märchen webt,
was wir uns erst alles erdichten,
sie haben das alles wirklich erlebt.

Da steh'n sie nun an den Straßen und schauen
wunderlich und fremd darein,
als ob sie der Zukunft nicht trauen,
es muss doch was im Werke sein!

Freilich, wenn sie dann in den Stuben
im Schmuck der hellen Kerzen stehn,
und den kleinen Mädchen und Buben
in die glänzenden Augen sehn.

Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
ihnen das alles schon mal geträumt,
als sie noch im Wurzelbette
den stillen Waldweg eingesäumt.

Dann stehen sie da, so still und selig,
als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
als hätte sich ihnen doch allmählich
ihres Lebens Sinn enthüllt:

Als wären sie für Konfekt und Lichter
vorherbestimmt, und es müsste so sein,
und ihre spitzen Nadelgesichter
sehen ganz verklärt darein.

 Gustav Falke
 
 

4.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtszeit

Und zögst du tausend Meilen weit 
In alle Welt hinaus, 
Und kommt die liebe Weihnachtszeit, 
Du wollt‘st, du wärst zu Haus! 
Die Nachtigall, so süß sie singt, 
Weckt Sehnsucht nicht so sehr, 
Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt, 
Von deiner Heimat her.

Da fällt dir mit dem Tannenbaum 
Und mit dem Lichterschein,
Der ganze schöne, goldne Traum 
Von deiner Kindheit ein.
Es wird dir so erinnrungsmild, 
Die Tränen kommen schier, 
Und manches liebe Menschenbild 
Tritt vor die Seele dir.

Und mancher, der dir teuer war, 
Und Gutes dir erzeigt, 
der schläft nun auch schon manches Jahr - 
Die Erde sei ihm leicht!
Und wem du in der Heimat bist 
In Liebe zugetan, 
Dem stecktest du zum heil‘gen Christ 
gern auch ein Lämpchen an.

Und bist geschieden du im Groll, 
Heut‘ tut dir‘s doppelt leid. 
Und denkst nach Haus wohl wehmutsvoll, 
das macht die Weihnachtszeit!
Denn bittrer ist die Fremde nicht
Als in der Weihnachtslust,
Wo du, ein unbekannt Gesicht,
Bei Seite treten musst.

Drum zögst du tausend Meilen weit 
In alle Welt hinaus,
Und kommt die liebe Weihnachtszeit
du wollt‘st du wärst zu Haus!
Die Nachtigall, so süß sie singt,
Weckt Sehnsucht nicht so sehr
Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt
Von deiner Heimat her.

Friedrich Stoltze

27.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. 
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross, 
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust 
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest. 
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell 
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ... 
 
- "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt 
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!" 
- Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich? 
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!" 
Der Reiter tritt in einen dunklen Ahnensaal, 
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt, 
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht 
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib, 
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ... 
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd 
Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft ... 
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ... 
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. 

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin 
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft. 
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick 
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ... 
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. 
- "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal! 
Drei Jahre sind's ... Auf einer Hugenottenjagd ... 
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!' 
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt. 

Ich werde wild. D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf ... 
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie 
Tief mitten in die Glut ... 'Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ... 

Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor? 
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr? 
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." - 
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..." 
 
Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht 
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet. 
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an - 
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk, 
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt! 
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm, 
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück 
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ... 
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach. 
Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert. 
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt. 
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? 
... 

Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht. 
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt 
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut. 
Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus! Sie schweigt. 
 
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut. 
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ... 
- "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!" 
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt, 
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut, 
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar. 
 
Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut. 
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad. 
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch. 
Friedsel'ge Wolken schimmern durch die klare Luft, 
Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht. 
Die dunklen Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch. 
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. 
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr, 
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit 
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin. 
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht: 
"Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward 
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast Du teuflisch mir 
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott.

Conrad Ferdinand Meyer 
 
 

20.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

November

Solchen Monat muss man loben: 
Keiner kann wie dieser toben, 
Keiner so verdrießlich sein 
Und so ohne Sonnenschein! 
Keiner so in Wolken maulen, 
Keiner so mit Sturmwind graulen! 
Und wie nass er alles macht! 
Ja, es ist 'ne wahre Pracht. 

Seht das schöne Schlackerwetter! 
Und die armen welken Blätter, 
Wie sie tanzen in dem Wind 
Und so ganz verloren sind! 
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt 
Und sie durcheinanderwirbelt 
Und sie hetzt ohn' Unterlass: 
Ja, das ist Novemberspass! 

Und die Scheiben, wie sie rinnen! 
Und die Wolken, wie sie spinnen 
Ihren feuchten Himmelstau 
Ur und ewig, trüb und grau! 
Auf dem Dach die Regentropfen: 
Wie sie pochen, wie sie klopfen! 
Schimmernd hängt's an jedem Zweig, 
Einer dicken Träne gleich. 

O, wie ist der Mann zu loben, 
Der solch' unvernünft'ges Toben 
Schon im Voraus hat bedacht 
Und die Häuser hohl gemacht! 
So, dass wir im Trocknen hausen 
Und mit stillvergnügtem Grausen 
Und in wohlgeborgner Ruh 
Solchem Greuel schauen zu!

Heinrich Seidel

 
 
 

13.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht, 
Dunkel und Flammen in rasender Jagd - 
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht mans gut. 
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut; 
Gleich holt sichs der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast 
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast; 
Wir müssen ihn holen."

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein: 
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein, 
Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; 
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, 
Mein Uwe, mein Uwe!"

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! 
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: 
"Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: 
Hohes, hartes Friesengewächs; 
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! 
Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz ...! 
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer 
Die menschenfressenden Rosse daher; 
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! 
Eins auf den Nacken des andern springt 
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! 
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält - 
Sie sind es! Sie kommen! - -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt... 
Still - ruft da nicht einer? - Er schreits durch die Hand: 
"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"

Ernst Otto