Gedicht der Woche

16.Oktober 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluss!
Nimmer werd' ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuss
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!

Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Johann Wolfgang von Goethe

 

9.Oktober 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der goldene Ball

Was auch an Liebe mir vom Vater ward,
Ich hab‘s ihm nicht vergolten, denn ich habe
Als Kind noch nicht gekannt den Wert der Gabe
Und ward als Mann dem Manne gleich und hart.
 
Nun wächst ein Sohn mir auf, so heiß geliebt
Wie keiner, dran ein Vaterherz gehangen,
Und ich vergelte, was ich einst empfangen,
An dem, der mir‘s nicht gab - noch wiedergibt.
 
Denn wenn er Mann ist und wie Männer denkt,
Wird er, wie ich, die eignen Wege gehen,
Sehnsüchtig werde ich, doch neidlos sehen,
Wenn er, was mir gebührt, dem Enkel schenkt.
 
Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick
Dem Spiel des Lebens zu, gefasst und heiter,
Den goldnen Ball wirft jeder lächelnd weiter,
Und keiner gab den goldnen Ball zurück!
 
Börries von Münchhausen

2.Oktober 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Äpfellese

Das ist ein reicher Segen
in Gärten und an Wegen!
Die Bäume brechen fast.
Wie voll doch alles hanget!
Wie lieblich schwebt und pranget
der Äpfel goldne Last!
 
Jetzt auf den Baum gestiegen!
Lasst uns die Zweige biegen,
dass jedes pflücken kann!
Wie hoch die Äpfel hangen,
wir holen sie mit Stangen
und Haken all’ heran.
 
Und ist das Werk vollendet,
so wird auch uns gespendet
ein Lohn für unsern Fleiß.
Dann zieh’n wir fort und bringen
die Äpfel heim und singen
dem Herbste Lob und Preis.
 
Heinrich Hoffmann von Fallersleben
 

25.September 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstlied

Bunt sind schon die Wälder,
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

Wie die volle Traube,
Aus dem Rebenlaube,
Purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche mit Streifen
Rot und weiß bemalt.

Sieh! Wie hier die Dirne
Emsig Pflaum’ und Birne
In ihr Körbchen legt!
Dort, mit leichten Schritten,
Jene goldne Quitten
In den Landhof trägt!

Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben,
Zwischen hohen Reben,
Auf dem Hut von Stroh!

Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröte
Und im Mondenglanz
Junge Winzerinnen
Winken und beginnen
Deutschen Ringeltanz.

Johann Gaudenz von Salis-Sewis 

18.September 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht: 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 
ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah.


Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, 
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut!


Dich sah ich, und die milde Freude 
Floss von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht!


Doch ach, schon mit der Morgensonne 
Verengt der Abschied mir das Herz: 
In deinen Küssen welche Wonne! 
In deinem Auge welcher Schmerz! 
Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! 
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe

11.September 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt, 
Noch träumen Wald und Wiesen: 
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, 
Den blauen Himmel unverstellt, 
Herbstkräftig die gedämpfte Welt 
Im warmen Golde fließen.

Eduard Mörike

4.September 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Dämmernd liegt der Sommerabend

Dämmernd liegt der Sommerabend 
Über Wald und grünen Wiesen; 
Goldner Mond, im blauen Himmel, 
Strahlt herunter, duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille, 
Und es regt sich in dem Wasser, 
Und der Wandrer hört ein Plätschern 
Und ein Atmen in der Stille.

Dorten an dem Bach alleine, 
Badet sich die schöne Elfe; 
Arm und Nacken, weiß und lieblich 
Schimmern in dem Mondenscheine.

Heinrich Heine

 
 
 

28.August 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Schlaraffenland

Kommt, wir wollen uns begeben
jetzo ins Schlaraffenland
seht da ist ein lustig Leben
und das Trauern unbekannt
seht da lässt sich billig zechen
und umsonst recht lustig sein
Milch und Honig fließt in Bächen,
aus den Felsen quillt der Wein
 
Alle Speisen gut geraten,
und das Finden fällt nicht schwer
Gäns und Enten gehen gebraten
überall im Land umher
Mit dem Messer auf dem Rücken
läuft gebraten jedes Schwein
Oh wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein.
 
Und von Kuchen, Butterwecken,
sind die Zweige voll und schwer
Feigen wachsen in den Hecken,
Ananas im Busch umher
Keiner darf sich mühen und bücken,
alles stellt von selbst sich ein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Und die Straßen allerorten,
jeder Weg und jede Bahn
sind gebaut aus Zuckertorten,
und Bonbons und Marzipan
Und von Brezeln sind die Brücken,
aufgeführt gar hübsch und fein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Ja, das mag ein schönes Leben,
und ein herrlich Ländchen sein
Mancher hat sich hinbegeben,
aber keiner kam hinein
ja, und habt ihr keine Flügel,
nie gelangt ihr bis ans Tor
denn es liegt ein breiter Hügel
ganz von Pflaumenmus davor.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

21.August 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zuruf

Alles kann sich umgestalten!
Mag das dunkle Schicksal walten,
Mutig! auf der steilsten Bahn.
Trau dem Glück! Trau den Göttern!
Steig trotz Wogendrang und Wettern,
kühn, wie Cäsar, in den Kahn.

Lass den Schwächling angstvoll zagen!
Wer um Hohes kämpft, muss wagen!
Leben gelt’ es oder Tod!
Lass die Woge donnernd branden!
Nur bleib immer, magst du landen
oder scheitern, selbst Pilot!

Friedrich von Matthison

14.August 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel. 
Von bessern künftigen Tagen; 
Nach einem glücklichen, goldnen Ziel 
Sieht man sie rennen und jagen 
Die Welt wird alt und wird wieder jung, 
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, 
Sie umflattert den fröhlichen Knaben 
Den Jüngling locket ihr Zauberschein, 
Sie wird mit dem Greis nicht begraben; 
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf 
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, 
Erzeugt im Gehirn des Toren; 
Im Herzen kündigt es laut sich an: 
Zu was Besserem sind wir geboren; 
Und was die innere Stimme spricht, 
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Friedrich Schiller