Gedicht der Woche

26.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bei dir sind meine Gedanken

Bei dir sind meine Gedanken 
Und flattern um dich her; 
Sie sagen, sie hätten Heimweh, 
Hier litt es sie nicht mehr!

Bei dir sind meine Gedanken 
Und wollen von dir nicht fort; 
Sie sagen, das wär' auf Erden, 
Der allerschönste Ort!

Sie sagen, unlösbar hielte 
Dein Zauber sie festgebannt 
Sie hätten an deinen Blicken 
Die Flügel sich verbrannt.

Friedrich Halm

19.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

Hugo von Hofmannsthal

12.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sommernacht im Hochwald

Im Hochwald sonngesegnet
hat's lange nicht geregnet.

Doch schaffen sich die Bäume
dort ihre Regenträume.

Die Espen und die Erlen -
sie prickeln und sie perlen.

Das ist ein Sprühn und Klopfen
als wie von tausend Tropfen.

Die Lärchen und die Birken -
sie fühlen flugs es wirken.

Die Fichten und die Föhren -
sie lassen sich betören!

Der Wind weht kühl und leise.
Die Sterne stehn im Kreise.

Die Espen und die Erlen:
sie schaudern tausend Perlen...

Christian Morgenstern

5.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Dorfkirche im Sommer

Schläfrig singt der Küster vor, 
Schläfrig singt auch die Gemeinde, 
Auf der Kanzel der Pastor 
Betet still für seine Feinde.
 
Dann die Predigt, wunderbar, 
Eine Predigt ohne Gleichen. 
Die Baronin weint sogar 
Im Gestühl, dem wappenreichen.
 
Amen, Segen, Thüren weit, 
Orgelton und letzter Psalter. 
Durch die Sommerherrlichkeit 
Schwirren Schwalben, flattern Falter.

Detlev von Liliencron

 
 
 

29.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

 

Alter Bauer am Abend


Dies ist am Abend seine Art:
Er sitzt allein und stumm.
Rauch wölkt sich grau aus grauem Bart.
Der Tag war heiß. Der Tag war hart.
Der Tag ist um.

Das Haus liegt still. Der Hof ist leer.
Vom Anger schwingt sich fern
Ein leises Mädchenlachen her,
Verklingt und schweigt. Und ist nicht mehr.
Der erste Stern.

Im Stalle raschelt noch ein Huhn.
Ein Füllen wiehert bang.
Der Alte lässt die Hände ruhn.
Sie hatten Tag um Tag zu tun.
Ein Tag ist lang.

Schwielig die Haut. Die Haare greis.
So friedlich fließt das Blut.
Die Jahre waren hart und heiß.
Der Bauer neigt die Stirn. Er weiß:
Herr, es war gut.

Ein Wind springt in das Land hinaus.
Vom Turme schlägt es acht.
Der Alte klopft die Pfeife aus
Und geht bedächtig in das Haus.
Bald kommt die Nacht.

Joachim Lange

22.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand;
dämpft mir alle Glut.

Ein verirrter Schwimmer schwebt
durch den Wald zum Fluss,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuss.

Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss´ ich dich.

Richard Dehmel

15.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vogelschau

Weiße Schwalben sah ich fliegen.
Schwalben schnee- und silberweiß.
Sah sie sich im Winde wiegen,
In dem Winde hell und heiß.

Bunte Häher sah ich hüpfen.
Papagei und Kolibri
Durch die Wunderbäume schlüpfen
In dem Wald der Tusferi.

Große Raben sah ich flattern.
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am Grunde über Nattern
Im verzauberten Gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen.
Schnee- und silberweiße Schar.
Wie sie sich im Winde wiegen
In dem Winde kalt und klar!

Stefan George 
 
 

8.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Auf Bergeshöhe

Überm Staub und Lärm der Gassen,
Wind und Wolken zugesellt,
Fühl ich tröstend mich umfassen
Eine makellose Welt.

Seine Flügel senkt mein Sehnen,
Alle Wünsche gehn zur Ruh,
Und die Quelle meiner Tränen
Schließt sich sacht von selber zu.

Ricarda Huch

1.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Badelied

Auf Freunde herunter das heiße Gewand
Und tauchet in kühlende Flut
Die Glieder, die matt von der Sonne gebrannt,
Und holet von neuem euch Mut. 

Die Hitze erschlaffet, macht träge uns nur,
Nicht munter und tätig und frisch,
Doch Leben gibt uns und der ganzen Natur
Die Quelle im kühlen Gebüsch.

Vielleicht dass sich hier auch ein Mädchen gekühlt
Mit rosichten Wangen und Mund,
Am niedlichen Leibe dies Wellchen gespielt,
Am Busen so weiß und so rund. 

Und welches Entzücken! dies Wellchen bespült
Auch meine entkleidete Brust.
O! wahrlich, wer diesen Gedanken nur fühlt,
Hat süße entzückende Lust.

Novalis 
 

24.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Johannisfeuer

Auf den Bergen reiten Feuer,
Werfen sich wie Ungeheuer
In die Nachtluft, in den Raum;
Flammen stehen hell als Baum,
Rote Flügel sich entfachen,
Aus den Bergen fliegen Drachen,
Nichts hält mehr den Berg im Zaum.
Flammen sich wie Lieder wiegen —
Sonne hat die Nacht erstiegen.

Max Dauthendey