Gedicht der Woche

25.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Süßer die Glocken nie klingen

Süßer die Glocken nie klingen
Als zu der Weihnachtszeit:
´s ist, als ob Engelein singen
Wieder von Frieden und Freud'.
Wie sie gesungen in seliger Nacht,
Glocken, mit heiligem Klang
Klingen die Erde entlang.
 
O, wenn die Glocken erklingen,
schnell sie das Christkindlein hört.
Tut sich vom Himmel dann schwingen
eilet hernieder zur Erd.
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingen die Erde entlang.
 
Klinget mit lieblichem Schalle
Über die Meere noch weit,
Dass sich erfreuen doch alle
Seliger Weihnachtszeit.
Alle aufjauchzen mit einem Gesang;
Glocken mit heiligem Klang,
Klingen die Erde entlang.

Friedrich Wilhelm Kritzinger


18.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Christkind

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rot gefrorenem Näschen.

Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack -
denkt ihr, er wäre offen der Sack?


Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin!
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

Anna Ritter 
 
 

11.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtsbäume

Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
aus dem Wald in die Stadt herein.
Träumen sie Ihre Waldesträume
wieder beim Laternenschein?

Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
von der Waldfrau, die Märchen webt,
was wir uns erst alles erdichten,
sie haben das alles wirklich erlebt.

Da steh'n sie nun an den Straßen und schauen
wunderlich und fremd darein,
als ob sie der Zukunft nicht trauen,
es muss doch was im Werke sein!

Freilich, wenn sie dann in den Stuben
im Schmuck der hellen Kerzen stehn,
und den kleinen Mädchen und Buben
in die glänzenden Augen sehn.

Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
ihnen das alles schon mal geträumt,
als sie noch im Wurzelbette
den stillen Waldweg eingesäumt.

Dann stehen sie da, so still und selig,
als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
als hätte sich ihnen doch allmählich
ihres Lebens Sinn enthüllt:

Als wären sie für Konfekt und Lichter
vorherbestimmt, und es müsste so sein,
und ihre spitzen Nadelgesichter
sehen ganz verklärt darein.

 Gustav Falke
 
 

4.Dezember 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtszeit

Und zögst du tausend Meilen weit 
In alle Welt hinaus, 
Und kommt die liebe Weihnachtszeit, 
Du wollt‘st, du wärst zu Haus! 
Die Nachtigall, so süß sie singt, 
Weckt Sehnsucht nicht so sehr, 
Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt, 
Von deiner Heimat her.

Da fällt dir mit dem Tannenbaum 
Und mit dem Lichterschein,
Der ganze schöne, goldne Traum 
Von deiner Kindheit ein.
Es wird dir so erinnrungsmild, 
Die Tränen kommen schier, 
Und manches liebe Menschenbild 
Tritt vor die Seele dir.

Und mancher, der dir teuer war, 
Und Gutes dir erzeigt, 
der schläft nun auch schon manches Jahr - 
Die Erde sei ihm leicht!
Und wem du in der Heimat bist 
In Liebe zugetan, 
Dem stecktest du zum heil‘gen Christ 
gern auch ein Lämpchen an.

Und bist geschieden du im Groll, 
Heut‘ tut dir‘s doppelt leid. 
Und denkst nach Haus wohl wehmutsvoll, 
das macht die Weihnachtszeit!
Denn bittrer ist die Fremde nicht
Als in der Weihnachtslust,
Wo du, ein unbekannt Gesicht,
Bei Seite treten musst.

Drum zögst du tausend Meilen weit 
In alle Welt hinaus,
Und kommt die liebe Weihnachtszeit
du wollt‘st du wärst zu Haus!
Die Nachtigall, so süß sie singt,
Weckt Sehnsucht nicht so sehr
Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt
Von deiner Heimat her.

Friedrich Stoltze

27.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. 
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross, 
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust 
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest. 
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell 
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ... 
 
- "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt 
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!" 
- Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich? 
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!" 
Der Reiter tritt in einen dunklen Ahnensaal, 
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt, 
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht 
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib, 
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ... 
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd 
Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft ... 
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ... 
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. 

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin 
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft. 
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick 
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ... 
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. 
- "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal! 
Drei Jahre sind's ... Auf einer Hugenottenjagd ... 
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!' 
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt. 

Ich werde wild. D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf ... 
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie 
Tief mitten in die Glut ... 'Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ... 

Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor? 
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr? 
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." - 
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..." 
 
Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht 
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet. 
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an - 
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk, 
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt! 
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm, 
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück 
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ... 
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach. 
Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert. 
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt. 
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? 
... 

Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht. 
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt 
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut. 
Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus! Sie schweigt. 
 
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut. 
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ... 
- "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!" 
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt, 
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut, 
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar. 
 
Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut. 
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad. 
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch. 
Friedsel'ge Wolken schimmern durch die klare Luft, 
Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht. 
Die dunklen Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch. 
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. 
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr, 
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit 
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin. 
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht: 
"Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward 
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast Du teuflisch mir 
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott.

Conrad Ferdinand Meyer 
 
 

20.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

November

Solchen Monat muss man loben: 
Keiner kann wie dieser toben, 
Keiner so verdrießlich sein 
Und so ohne Sonnenschein! 
Keiner so in Wolken maulen, 
Keiner so mit Sturmwind graulen! 
Und wie nass er alles macht! 
Ja, es ist 'ne wahre Pracht. 

Seht das schöne Schlackerwetter! 
Und die armen welken Blätter, 
Wie sie tanzen in dem Wind 
Und so ganz verloren sind! 
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt 
Und sie durcheinanderwirbelt 
Und sie hetzt ohn' Unterlass: 
Ja, das ist Novemberspass! 

Und die Scheiben, wie sie rinnen! 
Und die Wolken, wie sie spinnen 
Ihren feuchten Himmelstau 
Ur und ewig, trüb und grau! 
Auf dem Dach die Regentropfen: 
Wie sie pochen, wie sie klopfen! 
Schimmernd hängt's an jedem Zweig, 
Einer dicken Träne gleich. 

O, wie ist der Mann zu loben, 
Der solch' unvernünft'ges Toben 
Schon im Voraus hat bedacht 
Und die Häuser hohl gemacht! 
So, dass wir im Trocknen hausen 
Und mit stillvergnügtem Grausen 
Und in wohlgeborgner Ruh 
Solchem Greuel schauen zu!

Heinrich Seidel

 
 
 

13.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht, 
Dunkel und Flammen in rasender Jagd - 
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht mans gut. 
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut; 
Gleich holt sichs der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast 
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast; 
Wir müssen ihn holen."

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein: 
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein, 
Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; 
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, 
Mein Uwe, mein Uwe!"

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! 
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: 
"Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: 
Hohes, hartes Friesengewächs; 
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! 
Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz ...! 
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer 
Die menschenfressenden Rosse daher; 
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! 
Eins auf den Nacken des andern springt 
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! 
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält - 
Sie sind es! Sie kommen! - -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt... 
Still - ruft da nicht einer? - Er schreits durch die Hand: 
"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"

Ernst Otto 
 

6.November 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.
Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
 
Clara Müller-Jahnke

30.Oktober 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Lorelei

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, 
Dass ich so traurig bin; 
Ein Märchen aus alten Zeiten, 
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, 
Und ruhig fließt der Rhein; 
Der Gipfel des Berges funkelt 
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet 
Dort oben wunderbar, 
Ihr goldnes Geschmeide blitzet, 
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme, 
Und singt ein Lied dabei; 
Das hat eine wundersame, 
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe 
Ergreift es mit wildem Weh; 
Er schaut nicht die Felsenriffe 
Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingen 
Am Ende Schiffer und Kahn 
Und das hat mit ihrem Singen 
Die Lorelei getan.

Heinrich Heine

23.Oktober 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es sitzt ein Vogel ...

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, 
Er flattert sehr und kann nicht heim. 
Ein schwarzer Kater schleicht herzu, 
Die Krallen scharf, die Augen gluh. 
Am Baum hinauf und immer höher 
Kommt er dem armen Vogel näher. 
Der Vogel denkt: Weil das so ist 
Und weil mich doch der Kater frisst, 
So will ich keine Zeit verlieren, 
Will noch ein wenig quinquilieren 
Und lustig pfeifen wie zuvor. 
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch