Gedicht der Woche

28.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An Fouqué

Kann nicht reden, kann nicht schreiben,
Kann nicht sagen, wie mir ist!
Mir ist wohl und bang im Herzen,
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.

Mit der Arbeit will's nicht vorwärts.
Wie so leer es um mich ist.
Wie so voll ist's mir im Herzen!
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.

Kann nur fühlen, kann nicht wissen,
Kann nicht sagen, was es ist,
Könnt ich singen, liebes Leben,
Würden Töne Kunde geben,
Wie es mir im Herzen ist.

Adalbert von Chamisso

21.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die erste alte Tante sprach

Die erste alte Tante sprach: 
Wir müssen nun auch dran denken, 
Was wir zu ihrem Namenstag 
Dem guten Sophiechen schenken.

Drauf sprqch die zweite Tante kühn: 
Ich schlage vor, wir entscheiden 
Uns für ein Kleid in Erbsengrün, 
Das mag Sophiechen nicht leiden.

Der dritten Tante war das recht: 
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken! 
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht 
Und muss sich auch noch bedanken.

Wilhelm Busch

14.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Aranka

Ich fühle deine Knie an meinen,
und deine krause Nase
muß irgendwo in meinem Haare weinen.
Du bist wie eine blaue Vase,
und deine Hände blühn wie Astern,
die schon vom Geben zittern.
Wir lächeln beide unter den Gewittern
von Liebe, Leid - und Lastern.

Wolfgang Borchert 

7.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winter

Weg und Wiese zugedeckt, 
Und der Himmel selbst verhangen, 
Alle Berge sind versteckt, 
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht, 
Die sich vor den Tag geschoben, 
Die der Sonne glühe Pracht 
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot: 
Sonne, Mond und lichte Sterne? 
Ruht das wirkende Gebot, 
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum? 
Sind verschüttet alle Wege? 
Grau und eng die Welt und stumm. 
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Otto Julius Bierbaum

Silvester 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Jahr ist nichts

Ein Jahr ist nichts, wenn man's verputzt,
ein Jahr ist viel, wenn man es nutzt.
Ein Jahr ist nichts; wenn man's verflacht;
ein Jahr war viel, wenn man es ganz durchdacht.
Ein Jahr war viel, wenn man es ganz gelebt;
in eigenem Sinn genossen und gestrebt.
Das Jahr war nichts, bei aller Freude tot,
das uns im Innern nicht ein Neues bot.
Das Jahr war viel, in allem Leide reich,
das uns getroffen mit des Geistes Streich.
Ein leeres Jahr war kurz, ein volles lang:
nur nach dem Vollen mißt des Lebens Gang,
ein leeres Jahr ist Wahn, ein volles wahr.
Sei jedem voll dies gute, neue Jahr.
 
Hanns von Gumppenberg

24.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen, 
still erleuchtet jedes Haus, 
Sinnend' geh ich durch die Gassen, 
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen 
buntes Spielzeug fromm geschmückt, 
Tausend Kindlein stehn und schauen, 
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern 
Bis hinaus ins freie Feld, 
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern! 
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen, 
Aus des Schnees Einsamkeit 
Steigt's wie wunderbares Singen- 
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff

17.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtsschnee

Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,
Es riecht nach Weihnachtstorten;
Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd
Und bäckt die feinsten Sorten.

Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,
Sonst nehmt den Operngucker:
Die große Himmelsbüchse, seht,
Tut Ruprecht ganz voll Zucker.

Er streut - die Kuchen sind schon voll -
Er streut - na, das wird munter:
Er schüttelt die Büchse und streut und streut
Den ganzen Zucker runter.

Ihr Kinder sperrt die Mäulchen auf,
Schnell! Zucker schneit es heute;
Fangt auf, holt Schüsseln - ihr glaubt es nicht?
Ihr seid ungläubige Leute!

Paula Dehmel

10.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt, 
Und manche Tanne ahnt, wie balde 
Sie fromm und lichterheilig wird. 
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen 
Streckt sie die Zweige hin bereit 
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen 
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

 
 

3.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heller Morgen

Als ich schläfrig heut erwachte,
- und es war die Kirchenzeit –
hörte ich’s am Glockenklange,
dass es über Nacht geschneit.
 
Denn in meinem hellen Zimmer
klang so hell der Glockenschlag,
dass ich schon im Traume wusste:
heute wird ein heller Tag.

Als ich durch die Scheiben staunte,
wie die Welt so froh beschneit,
wurde mir die ganze Seele 
glänzend weiß und hell und weit.

Börries von Münchhausen

26.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Schreien

Einst ging ich meinem Mädchen nach
Tief in den Wald, in den Wald hinein,
Und fiel ihr um den Hals, und „ach“
Droht sie, „ich werde schrein.“
Da rief ich trotzig:“ Ha! ich will
Den töten, der uns stört!“
„Still“, lispelt sie, „Geliebter, still!
Dass ja dich niemand hört.“

Goethe