Gedicht der Woche

20.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

 

Hans der Schwärmer

Hans Töffel liebt Schön Doris sehr, 
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr. 
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie, 
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie. 
Im Kreise liest er Gedichte vor, 
Schön Doris steht unten am Gartentor: 
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen, 
Wie wollt ich ihn herzen, den lieben Jungen. 
Hans Töffel liest oben Gedichte. 
 
Am andern Abend, der blöde Tor, 
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor, 
Was Schön Doris wirklich sehr verdrießt, 
Da er immer weiter und weiter liest. 
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht; 
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht. 
Schön Doris steht unten in Rosendüften 
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften. 
Hans Töffel liest oben Gedichte. 
 
Am andern Abend ist großes Fest, 
Viel Menschen sind eng aneinandergepresst. 
Heut muss ers doch endlich sehn, der Poet, 
Wenn Schön Doris sacht aus der Türe geht. 
Der Junker Hans Jürgen, der merkt es gleich; 
Die Linden duften, die Nacht ist so weich. 
Und unten im stillen, dunkeln Garten 
Braucht heute Schön Doris nicht lange zu warten.  
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Detlev von Liliencron

13.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Herbst

Star und Storch sind fortgeflogen, 
und man haucht schon in die Hände. 
Nie mehr kommt der Regenbogen; 
langsam geht das Jahr zu Ende.

Struppig stehn die Stoppelfelder, 
wo die stolzen Drachen steigen. 
Nun durchstreift der Herbst die Wälder, 
zählt die Früchte an den Zweigen.

Aus dem großen Farbentiegel 
malt er bunter alle Blätter, 
spricht mit Eichhorn, Reh und Igel, 
bringt uns klares, kühles Wetter.

Lieber Herbst, lass diese Tage 
nicht zu rasch vorübertreiben; 
und dem bösen Winter sage, 
er soll noch am Nordpol bleiben.

Suse Wintgen

 
 

6.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Columbus

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

Georg Heym

 
 

29.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

 

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.

Barthold Heinrich Brockes

 

 

 

22.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Glückliche Fahrt

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel wird helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer,
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!

J.W.v. Goethe

 

 

15.September

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An vollen Büschelzweigen

An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh nur hin!
Lass dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich;
Ein Ast, der schaukelnd wallet,
Wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von innen
Und schwillt der braune Kern;
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt, und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoß.

Johann Wolfgang von Goethe


8.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sonniger Nachmittag


Ein Ast wiegt mich im tiefen Blau. 
Im tollen, herbstlichen Blattgewirr 
Flimmern Falter, berauscht und irr. 
Axtschläge hallen in der Au.

In roten Beeren verbeißt sich mein Mund 
Und Licht und Schatten schwanken im Laub.
Stundenlang fällt goldener Staub 
Knisternd in den braunen Grund.

Die Drossel lacht aus den Büschen her 
Und toll und laut schlägt über mir 
Zusammen das herbstliche Blattgewirr -
Früchte lösen sich leuchtend und schwer.

Georg Trakl 
 
 

1.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz 

25.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Ich liebe dich

Ich liebe dich, weil ich dich lieben muss 
Ich liebe dich, weil ich nicht anders kann 
Ich liebe dich nach einem Himmelsschluss 
Ich liebe dich durch einen Zauberbann. 

Dich liebe ich, wie die Rose ihren Strauch 
Dich liebe ich, wie die Sonne ihren Schein 
Dich liebe ich, weil du bist mein Lebenshauch 
Dich liebe ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Friedrich Rückert

 

 

18.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Spruch des Konfuzius

Dreifach ist der Schritt der Zeit: 
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, 
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, 
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt 
Ihren Schritt, wenn sie verweilt. 
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt 
Ihren Lauf, wenn sie enteilt. 
Keine Reu, kein Zaubersegen 
Kann die Stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise 
Endigen des Lebens Reise, 
Nimm die Zögernde zum Rat, 
Nicht zum Werkzeug deiner Tat. 
Wähle nicht die Fliehende zum Freund, 
Nicht die Bleibende zum Feind.

Friedrich Schiller