Gedicht der Woche

5.März 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winter ade

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Aber dein Scheiden macht,
Daß mir das Herze lacht!
Winter ade!
Scheiden tut weh

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergeß ich dein,
Kannst immer ferne sein.
Winter ade!
Scheiden tut weh.

Winter ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckkuck aus!
Winter ade!
Scheiden tut weh.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


 

 

 

26.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Überall

Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn Du einen Schneck behauchst
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Joachim Ringelnatz

19.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vom Schlaraffenland

Kommt, wir wollen uns begeben
jetzo ins Schlaraffenland
seht da ist ein lustig Leben
und das Trauern unbekannt
seht da lässt sich billig zechen
und umsonst recht lustig sein
Milch und Honig fließt in Bächen,
aus den Felsen quillt der Wein
 
Alle Speisen gut geraten,
und das Finden fällt nicht schwer
Gäns und Enten gehen gebraten
überall im Land umher
Mit dem Messer auf dem Rücken
läuft gebraten jedes Schwein
Oh wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein.
 
Und von Kuchen, Butterwecken,
sind die Zweige voll und schwer
Feigen wachsen in den Hecken,
Ananas im Busch umher
Keiner darf sich mühen und bücken,
alles stellt von selbst sich ein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Und die Straßen allerorten,
jeder Weg und jede Bahn
sind gebaut aus Zuckertorten,
und Bonbons und Marzipan
Und von Brezeln sind die Brücken,
aufgeführt gar hübsch und fein
Oh, wie ist es zum entzücken,
Ei, wer möchte dort nicht sein
 
Ja, das mag ein schönes Leben,
und ein herrlich Ländchen sein
Mancher hat sich hinbegeben,
aber keiner kam hinein
ja, und habt ihr keine Flügel,
nie gelangt ihr bis ans Tor
denn es liegt ein breiter Hügel
ganz von Pflaumenmus davor.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


12.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich und Du

Wir träumten voneinander 
Und sind davon erwacht. 
Wir leben, um uns zu lieben, 
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume, 
Aus deinem trat ich hervor, 
Wir sterben, wenn sich Eines 
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern 
Zwei Tropfen, rein und rund, 
Zerfließen in Eins und rollen 
Hinab in des Kelches Grund.

 

Friedrich Hebbel

5.Februar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Stein

Ein kleines Steinchen rollte munter 
Von einem hohen Berg herunter. 
Und als es durch den Schnee so rollte, 
Ward es viel größer als es wollte. 
Da sprach der Stein mit stolzer Miene: 
“Jetzt bin ich eine Schneelawine". 
Er riss im Rollen noch ein Haus 
Und sieben große Bäume aus. 
Dann rollte er ins Meer hinein, 
Und dort versank der kleine Stein.

Joachim Ringelnatz

 
 
 

29.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut, 
Es wurde dir beschieden. 
Du triumphierst und jubelst laut: 
„Jetzt hab ich endlich Frieden!“

Ach, Freundchen, rede nicht so wild, 
Bezähme deine Zunge! 
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, 
Kriegt augenblicklich Junge.

 Wilhem Busch
 
 

22.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Eislauf

Der See ist zugefroren
Und hält schon seinen Mann.
Die Bahn ist wie ein Spiegel
Und glänzt uns freundlich an.
 
Das Wetter ist so heiter,
Die Sonne scheint so hell.
Wer will mit mir ins Freie?
Wer ist mein Mitgesell?
 
Da ist nicht viel zu fragen:
Wer mit will, macht sich auf.
Wir geh'n hinaus ins Freie,
Hinaus zum Schlittschuhlauf.
 
Was kümmert uns die Kälte?
Was kümmert uns der Schnee?
Wir wollen Schlittschuh laufen
Wohl auf dem blanken See.
 
Da sind wir ausgezogen
Zur Eisbahn alsobald,
Und haben uns am Ufer
Die Schlittschuh angeschnallt.
 
Das war ein lustig Leben
Im hellen Sonnenglanz!
Wir drehten uns und schwebten,
Als wär's ein Reigentanz.
 
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

15.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Wort

Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil, 
Und ist es einmal deinem Bogen 
In Tändeln oder Ernst entflogen, 
Erschrecken muss dich seine Eil'.

Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand 
Entschlüpft; wer mag es wiederfinden? 
Und dennoch wuchert's in den Gründen 
Und treibt die Wurzeln durch das Land.

Gleicht dem verlornen Funken, der 
Vielleicht erlischt am feuchten Tage, 
Vielleicht am milden glimmt im Hage, 
Am dürren schwillt zum Flammenmeer.

Und Worte sind es doch, die einst 
So schwer in deine Schale fallen, 
Ist keins ein nichtiges von allen, 
Um jedes hoffst du oder weinst.

O einen Strahl der Himmelsau, 
Mein Gott, dem Zagenden und Blinden! 
Wie soll er Ziel und Acker finden? 
Wie Lüfte messen und den Tau?

Allmächt'ger, der das Wort geschenkt, 
Doch seine Zukunft uns verhalten, 
Woll' selber deiner Gabe walten, 
Durch deinen Hauch sei sie gelenkt!

Richte den Pfeil dem Ziele zu, 
Nähre das Körnlein schlummertrunken! 
Erstick' ihn oder fach' den Funken! 
Denn was da frommt, das weißt nur du.

Annette von Droste-Hülshoff

8.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wenn es Winter wird
 
Der See hat eine Haut bekommen, 
so dass man fast drauf gehen kann, 
und kommt ein großer Fisch geschwommen, 
so stößt er mit der Nase an. 
Und nimmst du einen Kieselstein 
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr 
und titscher - titscher - titscher - dirr . . . 
Heißa, du lustiger Kieselstein! 

Er zwitschert wie ein Vögelein 
und tut als wie ein Schwälblein fliegen - 
doch endlich bleibt mein Kieselstein 
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen. 

Da kommen die Fische haufenweis 
und schaun durch das klare Fenster von Eis 
und denken, der Stein wär etwas zum Essen; 
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen, 
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, 
sie machen sich nur die Nasen kalt. 

Aber bald, aber bald 
werden wir selbst auf eignen Sohlen 
hinausgehn können und den Stein wiederholen.
 
Christian Morgenstern
 
 

1.Januar 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
dir was Gutes schenken,
sage Dank und nimm es hin
ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt,
doch vor allen Dingen
das, worum du dich bemühst
möge dir gelingen.

Wilhelm Busch