Gedicht der Woche

17.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Von dem großen Elefanten

Kennst du den großen Elefanten,
du weißt, den Onkel von den Tanten,
den ganz ganz großen, weißt du, der -
der immer so macht, hin und her. 

Der lässt dich nämlich vielmals grüßen, 
er hat mit seinen eignen Füßen
hineingeschrieben in den Sand:
Grüß mir Sophiechen Windelband! 

Du darfst mir ja nicht drüber lachen.
Wenn Elefanten so was machen,
so ist dies selten, meiner Seel!
Weit seltner als bei dem Kamel.

Christian Morgenstern

 

 

10.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Früher Frühling

Zwischen Februar und März 
liegt die große Zeitenwende, 
und, man spürt es allerwärts, 
mit dem Winter geht's zu Ende. 
Schon beim ersten Sonnenschimmer 
steigt der Lenz in's Wartezimmer. 
Keiner weiß, wie es geschah 
und auf einmal ist er da.

Manche Knospe wird verschneit 
zwar im frühen Lenz auf Erden. 
Alles dauert seine Zeit, 
nur Geduld, es wird schon werden. 
Folgt auch noch ein rauher Schauer, 
lacht der Himmel um so blauer. 
Leichter schlägt des Menschen Herz 
zwischen Februar und März.

Fred Endrikat

3.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Dunkel war's, der Mond schien helle
 
Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur.
Als ein Wagen blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss'ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh' lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Auf  ’ne grüne Bank sich setzte,
Die rot angestrichen war.

Volksgut 

24.Februar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Willkommen und Abschied
 
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht: 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 
ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah.
 
Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, 
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut!
 
Dich sah ich, und die milde Freude 
Floss von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
 
Doch ach, schon mit der Morgensonne 
Verengt der Abschied mir das Herz: 
In deinen Küssen welche Wonne! 
In deinem Auge welcher Schmerz! 
Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
 
Johann Wolfgang von Goethe

17.Februar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wintertag

Über schneebedeckter Erde
Blaut der Himmel, haucht der Föhn – 
Ewig jung ist nur die Sonne, 
Sie allein ist ewig schön! 

Heute steigt sie spät am Himmel 
Und am Himmel sinkt sie bald – 
Wie das Glück und wie die Liebe – 
Hinter dem entlaubten Wald.

Conrad Ferdinad Meyer

10.Februar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Heimweg führte mich ...

Der Heimweg führte mich in dieser Nacht
Zum Parke, welcher voller Stille lag,
Und viele dürre Blätter raschelten.
Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen
Erschien es mir und war mir wohlbekannt
Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;
Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,
Zerrann es...

Walter Calé

3. Februr 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zuruf
 
Alles kann sich umgestalten!
Mag das dunkle Schicksal walten,
Mutig! auf der steilsten Bahn.
Trau dem Glück! Trau den Göttern!
Steig trotz Wogendrang und Wettern,
kühn, wie Cäsar, in den Kahn.
 
Lass den Schwächling angstvoll zagen!
Wer um Hohes kämpft, muss wagen!
Leben gelt’ es oder Tod!
Lass die Woge donnernd branden!
Nur bleib immer, magst du landen
oder scheitern, selbst Pilot!

 Friedrich von Matthison

 

27.Januar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zwei Heimgekehrte

Zwei Wanderer zogen hinaus zum Tor,
Zur herrlichen Alpenwelt empor.
Der eine ging, weil's Mode just,
Den andern trieb der Drang in der Brust.
 
Und als daheim nun wieder die zwei,
Da rückt die ganze Sippe herbei,
Da wirbelt's von Fragen ohne Zahl:
„Was habt ihr gesehn? Erzählt einmal!“
 
Der eine drauf mit Gähnen spricht:
„Was wir gesehn? Viel Rares nicht!
Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein!“
 
Der andere lächelnd dasselbe spricht,
Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Gesicht:
„Ei, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein!"
 
Anastasius Grün

20.Januar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Kuss

Es regnet - doch sie merkt es kaum,
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert:
Im Kuß versank die Welt im Traum.
Ihr Kleid ist naß und ganz zerknittert

und so verächtlich hochgeschoben,
als wären ihre Knie für alle da.
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben,
der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.

So tief hat sie noch nie gefühlt -
so sinnlos selig müssen Tiere sein!
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt -
Laternen spinnen sich drin ein.

Wolfgang Borchert

 

13.Januar 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Und wird die Welt

Und wird die Welt auch noch so alt,
der Mensch, er bleibt ein Kind!
Zerschlägt sein Spielzeug mit Gewalt,
wie eben Kinder sind!

Wann alles erst in klein zerstückt
und nichts mehr zu verderben,
so sucht er wieder - neubeglückt -
und spielt dann mit den Scherben.

Carl Spitzweg