Gedicht der Woche

21.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Märzbeginn

Ich lieb im Lenz die grauen, kühlen Tage:
Stillfröstelnd ruht die Welt, die wintersatte;
ein grüner Hauch verklärt die kahle Matte,
ein Glanz den dürren Knospenbaum im Hage. 

Als müsse jegliches Geräusch sich dämpfen!
Blanksaub're Wege, und spielfrohe Kinder,
und Veilchensucher...Sommer nicht, noch Winter;
Rasttage vor den harten Frühlingskämpfen.

In diese Stimmung passen Sonntagsklänge,
wie sie den Knaben feierlich umklungen:
Ich seh'noch drüben die Kurrendejungen,'
hör' vor der Schmiede die Choralgesänge.

Auf weißen Sand, den bis zur Tür man streute,
Großvater stand und ich; er summte leise:
"Komm, heil'ger Geist" - das Haupt gebückt, das greise;
aus off'nen Fenstern lauschten Nachbarsleute.

Die schwarze Schar zog weiter. Kinder kamen,
in jeder Faust ein Schlüsselblumen-Sträußchen;
und Bratenduft quoll rückwärts aus dem Häuschen.
Großvater stand und nickte: Amen! Amen! 

 Viktor Blüthgen

13.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zerstoben sind die Wolkenmassen...

Zerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn’ ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,
Das Aug' ist klar, der Sinn ist frei,
Und was nur je mein Herz entzückte,
Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh' betroffen,
Geblendet schier von all dem Licht:
Das alte, liebe, böse Hoffen –
Die Seele lässt es einmal nicht.

Theodor Fontane

7.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

In dem Walde sprießt und grünt es 

In dem Walde sprießt und grünt es 
Fast jungfräulich lustbeklommen;
Doch die Sonne lacht herunter: 
Junger Frühling, sei willkommen!

Nachtigall! auch dich schon hör ich, 
Wie du flötest seligtrübe,
Schluchzend langgezogne Töne, 
Und dein Lied ist lauter Liebe!

Heinrich Heine

 
 

28.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Uralter Worte kundig

Uralter Worte kundig kommt die Nacht;
Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande,
Sie wechselt die Gestalten und Gewande
Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.

Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht
Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande.
Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande
Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.

Ich halte Dich und bin von Dir umschlossen,
Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus;
So fühl ich Dich in Fleisch und Blut gegossen,

Von Deinem Leib und Leben meins umkleidet.
Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus,
Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.

Ricarda Huch

21. Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

14.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er flimmert blau und roth und weiß,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus,
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe. 

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind'
Im Sonnenstral bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Flaum
Wie leichter Blüthenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten;
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lauter blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalles Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der muntre Sperling pickt vertraut
Die Körner vor der Scheune. 
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! Auf festgediegner Bahn
Klimm' ich den Hügel schnell hinan,
Und blicke froh ins Weite,
Und preise den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.

Johann Gaudenz von Salis-Sewis

7.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Gang im Schnee

Nun rieseln weiße Flocken unsre Schritte ein. 
Der Weidenstrich läßt fröstelnd letzte Farben sinken, 
Das Dunkel steigt vom Fluß, um den versprengte Lichter blinken, 
Mit Schnee und bleicher Stille weht die Nacht herein.

Nun ist in samtnen Teppichen das Land verhüllt, 
Und unsre Worte tasten auf und schwanken nieder 
Wie junge Vögel mit verängstetem Gefieder – 
Die Ebene ist grenzenlos mit Dämmerung gefüllt.

Um graue Wolkenbündel blüht ein schwacher Schein, 
Er leuchtet unserm Pfad in nachtverhängte Weite, 
Dein Schritt ist wie ein fremder Traum an meiner Seite – 
Nun rieseln weiße Flocken unsre Sehnsucht ein.

Ernst Stadler

31.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Gefunden

Ich ging im Walde 
So für mich hin, 
Und nichts zu suchen, 
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich 
Ein Blümchen stehn, 
Wie Sterne leuchtend, 
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen 
Da sagt' es fein: 
Soll ich zum Welken 
Gebrochen sein?

Ich grub's mit allen 
Den Würzlein aus, 
Zum Garten trug ich's 
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder 
Am stillen Ort; 
Nun zweigt es immer 
Und blüht so fort.

Johann Wolfgang von Goethe

24.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen 
die Deckel purpurn in Damast; 
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, -
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Rainer Maria Rilke

17.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Selbstkritik hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich. 
Gesetzt den Fall, ich tadle mich: 
So hab ich erstens den Gewinn, 
Dass ich so hübsch bescheiden bin; 
Zum zweiten denken sich die Leut, 
Der Mann ist lauter Redlichkeit; 
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen 
Vorweg den andern Kritiküssen; 
Und viertens hoff ich außerdem 
Auf Widerspruch, der mir genehm. 
So kommt es denn zuletzt heraus, 
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch