Gedicht der Woche

Dezember

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nun ist er da, der Dezember und mit ihm die vielen Weihnachtsmärkte landauf landab. Mitunter findet man auf manch einem tatsächlich einen Maronimann, wie ihn Otfried Preußler in seinem Buch „Die kleine Hexe“ beschrieben hat.  Auch für Rainer Maria Rilke gehörten die Maroni  zum Winter. Wenn die Maronifrau die Kastanien an der Ecke briet, hatte der Winter begonnen.

An der Ecke

Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
die an der Ecke stets Kastanien briet.
Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
seit vielen Jahren es durchzieht.

Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
die Tüten müssen rein sein, und das Licht
an ihrem Stand muss immer helle scheinen,
und von dem Ofen mit den krummen Beinen
verlangt sie streng die heiße Pflicht.

So trefflich schmort auch keine die Maroni.
Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
und alle kennt sie - bis zum Tramwaypony;
sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni ...
Und leise summt ihr Herd sein Lied.

Ich wünsche Ihnen eine stimmungsvolle Adventszeit.

Komm in den totgesagten park

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zum Abschluss des Monats November ein Gedicht von Stefan George. Es lohnt sich genauer zu lesen.  Man entdeckt im totgesagten Park mancherlei, was Freude macht bzw. machen kann und - tatsächlich auch im November noch  - Farben überall. Man muss nur mit offenen Augen gehen.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade -
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau -
Die späten rosen welkten noch nicht ganz -
Erlese küsse sie und flicht den kranz -

Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben -
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

In diesem Sinne-  allen eine schöne letzte Novemberwoche mit vielen Farben!

Der Handschuh

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute ist der Geburtstag eines der größten und bekanntesten deutschen Dichter - Friedrich Schiller. Er  wurde am 10.November 1758 in Marbach am Neckar geboren. Es wäre müßig, Neues von ihm und seinem Leben erzählen zu wollen. Stattdessen habe ich ein Gedicht gewählt, eine seiner unvergleichlichen Balladen: „Der Handschuh“. Sie entstand 1797. In jenem  Jahr stand er in einem freundschaftlichen Wettstreit mit Goethe – ein Wettstreit  um die besseren Balladen. Veröffentlicht wurde „Der Handschuh“ erstmals 1798 in dem von Schiller herausgegebenen „Musenalmanach“.

Die Ballade soll auf einer wahren Geschichte beruhen, die sich im 16.Jahrhundert am Hofe des französischen Königs Franz I. zugetragen haben soll.  

Es ist übrigens immer wieder eine Wonne, diese Ballade einmal laut (vor)zu lesen.

Der Handschuh

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor.
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird's still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu'n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis'
Wendet sich Fräulein Kunigund:
„Herr Ritter, ist Eure Lieb' so heiß,
Wie Ihr mir's schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.“

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbar'n Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehens die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
„Den Dank, Dame, begehr' ich nicht,“
Und verläßt sie zur selben Stunde.

Es gibt übrigens ein besonders liebevoll illustriertes Kinderbuch zu dieser Ballade.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Lied aus Stille

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Eines meiner Lieblingsgedichte, das so wunderbar in diese Jahreszeit passt, wurde von Eva Strittmatter geschrieben.

Es gelingt ihr, in diesem Gedicht die Stimmung dieses Monats November einzufangen, ohne dass die Traurigkeit einen einfängt. Das Licht aus Stille begleitet uns durch den kommenden Winter.

Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter wurde als Eva Braun 1930 in Neuruppin geboren. Nach dem Abitur begann sie an der Humboldt-Universität in  Berlin Germanistik, Romanistik und Pädagogik zu studieren.  Aus erster Ehe, die jedoch nur kurze Zeit währte, hatte sie einen Sohn. 1956 heiratete sie den Schriftsteller Erwin Strittmatter mit dem sie drei weitere Söhne hatte.

Seit 1954 war Eva Strittmatter freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte vier Bände mit Gedichten und sechs mit Prosa. 1957 zog sie mit ihrem Mann nach Schulzenhof im Brandenburgischen in der Nähe von Dollgow. Dort starb sie im Januar 2011 und wurde auf dem dortigen Friedhof neben ihrem Mann beigesetzt.

Lügenmärchen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:
ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,
sie flogen gar ferne -
sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,
die Füße wohl gegen die Sterne.

Ein Amboss und ein Mühlstein
die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,
sie schwammen gar leise -
ein Frosch verschlang alle beid’
zu Pfingsten wohl auf dem Eise.

Es wollten vier einen Hasen fangen,
sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,
der erste konnte nicht sehen,
der zweite war stumm, der dritte war taub,
der vierte konnte nicht gehen.

Nun denke sich einer, wie dieses geschah:
Als nun der Blinde den Hasen sah
auf grüner Wiese grasen,
da rief’s der Stumme dem Tauben zu,
und der Lahme erhaschte den Hasen.

Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land
es hatte die Segel gen Wind gespannt
und segelt’ im vollen Laufen -
da stieß es an einen hohen Berg,
da tät das Schiff ersaufen.

In Straßburg stand ein hoher Turm,
der trotzete Regen, Wind und Sturm
und stand fest über die Maßen,
den hat der Kuhhirt mit einem Horn
eines Morgens umgeblasen.

Ein altes Weib auf dem Rücken lag,
sein Maul wohl hundert Klaftern weit auftat,
’s ist wahr und nicht erlogen,
drin hat der Storch fünfhundert Jahr
seine Jungen groß gezogen.

So will ich hiermit mein Liedlein beschließen,
und sollt’s auch die werte Gesellschaft verdrießen,
will trinken und nicht mehr lügen:
bei mir zu Land sind die Mücken so groß,
als hier die größesten Ziegen.

Geschrieben hat dies Ernst Moritz Arndt, der 1769 auf Rügen geboren wurde. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Freiheitskämpfer und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und wird von vielen  als einer der bedeutendsten Lyriker der Epoche der Freiheitskriege angesehen. Arndt starb hochbetagt 1860 in Bonn.

Farben

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute einmal ein Gedicht einer noch lebenden Lyrikerin, von Susanne Ulrike Maria Albrecht. Sie wurde 1967 in Zweibrücken geboren und absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Von ihr sind schon zahlreiche Anthologien und Erzählungen erschienen.

Farben

Dein Geheimnis,
will ich nicht wissen
Mitten in der Nacht
bricht die Dunkelheit
Es sind Schattierungen
aller Farben
wie sie bunter und
leuchtender
nicht sein können
Taghell
Überall Regenbogen
Sonnendurchflutete
Pracht
Verrat es nicht


Das Lied der Deutschen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sein Verfasser war der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der es 1841 im politischen Exil auf der Insel Helgoland schrieb. Heute wird die dritte Strophe als deutsche Nationalhymne gesungen.

Zu der Zeit, als dieses Lied entstand, bestand das Deutsche Reich aus 39 kleinen Staaten, die alle ihre eigene Hymne sangen. Ein einheitliches Lied aller Deutschen fehlte. Gegen diese Uneinigkeit dichtete Hoffmann von Fallersleben dieses Lied. Er schrieb es auf die Melodie der österreichischen Kaiserhymne, die damals sehr bekannt war.

Bereits zur Revolutionszeit 1848 wurde dieses Lied, damals noch alle drei Strophen, gerne gesungen. Zum ersten Mal erklang es offiziell am Ort seiner Entstehung als die Insel Helgoland 1890 von den Briten feierlich den Deutschen übergeben wurde. Das erlebte Fallersleben allerdings nicht mehr, er war 1874 gestorben. 1922 erklärte der damalige Reichspräsident Friedrich Ebert das Lied zur deutschen Nationalhymne.

Nach dem Missbrauch des Liedes durch die Nationalsozialisten wurde das Deutschlandlied nach dem Zweiten Weltkrieg verboten.

Ab 1952 wurde bei staatlichen Anlässen die dritte Strophe gesungen, ohne dass diese Hymne offiziell proklamiert worden war.

Erst seit 1991 ist die dritte Strophe nun offiziell die „Nationalhymne für das deutsche Volk“.

Hoffmann von Fallersleben hat übrigens viele Gedichte geschrieben, die als Volkslieder sehr bekannt wurden und immer noch sind, z.B. Morgen kommt der WeihnachtsmannSumm, summ summ, Bienchen, summ herum und Wer hat die schönsten Schäfchen?

Altweibersommer

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nächste Woche soll uns ja der September noch einmal schöne Tage bescheren, den sogenannten Altweibersommer.

Doch hat dieser Begriff nichts mit alten Frauen zu tun, das Wort „weiben“ stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutete das Knüpfen von Spinnweben. Viele kleine Spinnen lassen sich von lauen Winden an ihren Spinnfäden durch die Luft treiben. Wenn dann in den Septembernächten die Temperatur stark abkühlt, kann man in der Morgensonne die vom Tau benetzten Spinnweben deutlich erkennen. Die glitzernden Fäden erinnern an die langen, silbergrauen Haare älterer Frauen, deswegen spricht der Volksmund von Altweibersommer.

Christliche Legenden berichten, dass diese Silberfäden, die zu dieser Zeit durch die Luft wehen, aus dem Mantel Marias stammen, den sie bei ihrer Himmelfahrt trug.

Andernorts erklärt man die silbrigen Fäden mit dem Werk von Elfen oder Nornen. Diese nordischen Göttinnen spinnen den Schicksalsfaden eines jeden Menschen bis zu seinem Tode.

Zu diesem Altweibersommer passt gut folgendes Gedicht von Wilhelm Busch.

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

 

Theodor Storm

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Heute ist der Geburtstag von Theodor Storm. Er wurde als Hans Theodor Woldsen Storm am 14.9.1817 in Husum als erstes Kind des Justizrates Johann Casimir Storm und dessen Frau Lucie geboren.

Als 15-jähriger Schüler schrieb Storm seine ersten Gedichte. Nach seinem Jurastudium in Kiel kehrte er 1843 nach Husum zurück und eröffnete eine Anwaltskanzlei. 1846 heiratete er seine  Cousine Constanze Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor. Nach der Geburt der Tochter Gertrud im Jahre 1865 starb Constanze Storm. Der Gedichtzyklus Tiefe Schatten bringt Storms Trauer darüber zum Ausdruck.

1866 heiratete Storm in zweiter Ehe die 38-jährige Dorothea Jensen, mit der eine Tochter hatte.

Im Mai 1880 trat Storm in den vorzeitigen Ruhestand und zog nach Hademarschen, wo er am 4. Juli 1888 an Magenkrebs starb. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof „St. Jürgen“ in Husum.

Die bekanntesten Gedichte Storms sind wohl Die StadtMeeresstrand und natürlich Knecht Ruprecht. Unsterblich hat er sich aber auch durch seine Novellen Immensee und Der Schimmelreiter gemacht.

Aus dem Gedicht Stroms An meine Söhne stammt:

Was du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen;
Aber hüte deine Seele
Vor dem Karrieremachen.


Willkommen und Abschied

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

28.August, der Geburtstag Goethes.

Deswegen natürlich ein Gedicht von ihm hier im Blog. Es ist eines der Gedichte, die wir damals in der Schule besprachen  und lernten. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir dieses Gedicht damals analysiert und interpretiert haben, aber damals wie heute fesselt mich die Sprache Goethes. Nur wenige Beispiele daraus:

"Der Abend wiegte schon die Erde"

"Die Winde schwangen leise Flügel"

"Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!"

Letzteres wünsch ich uns allen!

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht:
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!