Gedicht der Woche

18.März 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 2)

Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht, 
Wenn ich mein Werk getan 
Und niemand mehr im Hause wacht, 
Die Stern' am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut 
Als Lämmer auf der Flur; 
In Rudeln auch, und aufgereiht 
Wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön; 
Ich seh’ die große Herrlichkeit 
Und kann mich satt nicht sehn ...

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust: 
“Es gibt was Bessers in der Welt 
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin, 
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn: 
Und sehne mich darnach.

Matthias Claudius

11.März 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühling übers Jahr

Das Beet, schon lockert 
Sichs in die Höh, 
Da wanken Glöckchen 
So weiß wie Schnee; 
Safran entfaltet 
Gewaltge Glut, 
Smaragden keimt es 
Und keimt wie Blut. 
Primeln stolzieren 
So naseweis, 
Schalkhafte Veilchen, 
Versteckt mit Fleiß; 
Was such noch alles 
Da regt und webt, 
Genug, der Frühling, 
Er wirkt und lebt.

Goethe

4.März 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Erste Lerche

Zwischen
Gräben und grauen Hecken,
den Rockkragen hoch,
beide Hände in den Taschen,
schlendere ich
durch den frühen
Märzmorgen.

Falbes Gras,
blinkende Lachen und schwarzes Brachland,
so weit ich sehen kann.

Dazwischen,
mitten in den weißen Horizont hinein,
wie erstarrt,
eine Weidenreihe.

Ich bleibe stehen.

Nirgends ein Laut.  Noch nirgends Leben.
Nur die Luft und die Landschaft.

Und sonnenlos
wie den Himmel
fühle ich
mein Herz.

Plötzlich - ein Klang!

Ein zager, zarter zitternder Jubel,
der,
langsam,
immer höher
steigt!

Ich suche in den Wolken.

Über mir,
wirbelnd, schwindend, flatterdrehig, flügelselig, kaum entdeckbar,
pünktchenschwarz,
schmetternd,
durch
immer heller strömendes Licht,
die
erste Lerche!

 Arno Holz

25.Februar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winter

Weg und Wiese zugedeckt, 
Und der Himmel selbst verhangen, 
Alle Berge sind versteckt, 
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht, 
Die sich vor den Tag geschoben, 
Die der Sonne glühe Pracht 
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot: 
Sonne, Mond und lichte Sterne? 
Ruht das wirkende Gebot, 
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum? 
Sind verschüttet alle Wege? 
Grau und eng die Welt und stumm. 
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Otto Julius Bierbaum

18.Februar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Schneeflocke

Du bist eine weiße Flocke, 
Ein himmelentsprungenes Kind 
Und wirbelst - licht und selig 
Dahin durch Wolken und Wind. 
Du bist eine weiße Flocke - 
Du stirbst der Flocken Tod: 
Nach kurzem Sonnengruße 
In Straßenstaub und Kot...

Felix Dörmann

11.Februar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Seufzer

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.
Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.

Christian Morgenstern

4.Februar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Man kann nicht bergauf kommen

Man kann nicht bergauf kommen,
ohne bergan zu gehen.
Und obwohl Steigen beschwerlich ist,
so kommt man doch dem Gipfel immer näher,
und mit jedem Schritt
wird die Aussicht umher freier und schöner.
Und oben ist oben!

Matthias Claudius

28.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An Fouqué

Kann nicht reden, kann nicht schreiben,
Kann nicht sagen, wie mir ist!
Mir ist wohl und bang im Herzen,
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.

Mit der Arbeit will's nicht vorwärts.
Wie so leer es um mich ist.
Wie so voll ist's mir im Herzen!
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.

Kann nur fühlen, kann nicht wissen,
Kann nicht sagen, was es ist,
Könnt ich singen, liebes Leben,
Würden Töne Kunde geben,
Wie es mir im Herzen ist.

Adalbert von Chamisso

21.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die erste alte Tante sprach

Die erste alte Tante sprach: 
Wir müssen nun auch dran denken, 
Was wir zu ihrem Namenstag 
Dem guten Sophiechen schenken.

Drauf sprqch die zweite Tante kühn: 
Ich schlage vor, wir entscheiden 
Uns für ein Kleid in Erbsengrün, 
Das mag Sophiechen nicht leiden.

Der dritten Tante war das recht: 
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken! 
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht 
Und muss sich auch noch bedanken.

Wilhelm Busch

14.Januar 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Aranka

Ich fühle deine Knie an meinen,
und deine krause Nase
muß irgendwo in meinem Haare weinen.
Du bist wie eine blaue Vase,
und deine Hände blühn wie Astern,
die schon vom Geben zittern.
Wir lächeln beide unter den Gewittern
von Liebe, Leid - und Lastern.

Wolfgang Borchert