Gedicht der Woche

30.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sommermittag

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk',
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
"Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut."

Theodor Storm

23.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.

Hoffmann von Fallersleben

16.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Storch und Spatz

Es hat der Storch sein Nest gebaut;
Und als er froh umher nun schaut,
Hoch über allen Häusern,
Da sitzt vor ihm en kleiner Spatz
Und bittet um ein wenig Platz
Zum Nestchen in den Reisern.

Da spricht der Storch : Mein Nest ist groß,
du bist ein kleines Vöglein bloß,
ich tu dir nichts zuleide,
du bist in gutem Schutz bei mir,
kein Mietgeld nehme ich von dir,
´s Platz da für uns beide.

Das Spätzlein dankt und baut sich an
Der Storch hat ihm kein Leid getan
Und hat ihn nicht verstoßen.
So wohnten beide lange Zeit
In Frieden und in Ewigkeit,
Der Kleine bei dem Großen.

Karl Enslin

9.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Aufatmen 2

Wie in süßen Morgenträumen
Liegt vor mir ein kleines Haus,
Blütenweiße Bäume strecken
Winkend ihre Äste aus.

Liebes, lang' entbehrtes Grüßen
Ist der Lerche jubelnd Lied,
Das wie klingend helles Strömen
Ob dem Haupte wirbelnd zieht.

Kleines Haus und Blütenbäume,
Ich versteh' den Zauber nicht;
Doch er spricht zum dunklen Herzen,
Und es wird d'rin wieder Licht!

Ada Christen

2.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Theodor Storm

26.Mai 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sternennacht

Von frischer Kühle angezogen
Verlass ich spät die Tür,
Da wölbt der tieferblaute Bogen
Sich lockend über mir.

Der Mond aus leiser Nebelhülle
Streut sachten Glanz umher,
Der Höhen reine Ätherfülle
Durchglüht ein Sonnenheer.

Ein jeder Stern an seiner Stelle,
O welche hehre Pracht,
Der Himmel strahlt in Zauberhelle,
Und doch ist tiefe Nacht.

Martin Greif

19.Mai 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün, 
Die kleinen Maienglocken blühn, 
Und Schlüsselblumen drunter; 
Der Wiesengrund 
Ist schon so bunt, 
Und malt sich täglich bunter. 

Drum komme, wem der Mai gefällt, 
Und schaue froh die schöne Welt 
Und Gottes Vatergüte, 
Die solche Pracht 
Hervorgebracht, 
Den Baum und seine Blüte!

Ludwig Hölty 

 

 

12.Mai 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Versteckens

Im Nachbarhof - o schöne Welt!
Mit Brettern, Stangen, Dielen,
Wie ist da alles vollgestellt,
Recht zum Versteckens spielen.

Da ist ein Hügel, ein Mauerloch,
Ein kleiner Stall für Schweine,
Des Hundes Hütte und dazu noch
Die lustigen, großen Steine.

Wie uns in stiller Seligkeit
Die Stunden da entschwinden -
Kein schönrer Fleck ist weit und breit
Auf dieser Welt zu finden!

In allen Winkeln groß und klein
Die einen sich verstecken,
Die andern suchen aus und ein
An allen End´ und Ecken.

Es folgen Hund und Vögelein
Dem fröhlichen Gewimmel.
O Kind, dir ist kein Raum zu klein,
Und jeder Raum ein Himmel!

Franz Bonn

 
 

5.Mai. 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Türmerlied

Faust II

Zum Sehen geboren, 
Zum Schauen bestellt
Dem Turme geschworen 
Gefällt mir die Welt

Ich blick in die Ferne, 
Ich seh in der Näh
Den Mond und die Sterne, 
Den Wald und das Reh.

So seh ich in allen , 
Die ewige Zier, 
Und wie mirs gefallen, 
Gefall ich auch mir. 

Ihr glücklichen Augen, 
Was je ihr gesehn, 
Es sei, wie es wolle, 
Es war doch so schön!

J.W.v. Goethe 
 

28.April 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vogelschau

Weiße Schwalben sah ich fliegen.
Schwalben schnee- und silberweiß.
Sah sie sich im Winde wiegen,
In dem Winde hell und heiß.

Bunte Häher sah ich hüpfen.
Papagei und Kolibri
Durch die Wunderbäume schlüpfen
In dem Wald der Tusferi.

Große Raben sah ich flattern.
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am Grunde über Nattern
Im verzauberten Gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen.
Schnee- und silberweiße Schar.
Wie sie sich im Winde wiegen
In dem Winde kalt und klar!

Stefan George