Gedicht der Woche

7.Juni 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
In dumpfer Stube beisammen sind; 
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, 
Großmutter spinnet, Urahne gebückt 
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl - 
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Wie will ich spielen im grünen Hag, 
Wie will ich springen durch Tal und Höhn, 
Wie will ich pflücken viel Blumen schön; 
Dem Anger, dem bin ich hold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Da halten wir alle fröhlich Gelag, 
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; 
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid, 
Dann scheint die Sonne wie Gold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Großmutter hat keinen Feiertag, 
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, 
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit; 
Wohl dem, der tat, was er sollt!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Am liebsten morgen ich sterben mag: 
Ich kann nicht singen und scherzen mehr, 
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer, 
Was tu ich noch auf der Welt?" - 
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hörens nicht, sie sehens nicht, 
Es flammet die Stube wie lauter Licht: 
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
Vom Strahl miteinander getroffen sind, 
Vier Leben endet ein Schlag - 
Und morgen ists Feiertag.

Gustav Schwab

31.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wenn des Frühlings Wachen ziehen

Wenn des Frühlings Wachen ziehen,
Lerche frisch die Trommel rührt,
Ach! dann möchte ich mitziehen,
ach! da werd ich bald verführt.
Handgeld, Druck und Kuß zu nehmen,
und ich kann mich gar nicht schämen.

Wie die Waffen helle blinken,
helle Knospen brechen auf,
Un die Federbüsche winken
von Kastanien oben auf.
Blühen, duften, wehen, fallen,
und ich muß so lockend schallen.

Wie gefährlich sind die Zeiten,
wenn die Bäume schlagen aus,
Und ich warne euch bei Zeiten,
eh Salat euch schießet aus;
Kinder, ihr müßt ihn bestehen,
die im Grünen sich ergehen.

Schwinge nur die bunten Fahnen,
Apfelblüt in Morgenlust;
Ja, ich schwöre dir, und wir bahnen
gleichen Weg in freier Brust;
Was im Frühling treu verbunden,
wächst zusamm für alle Stunden.

Achim von Arnim

24.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai 
Als alle Knospen sprangen, 
Da ist in meinem Herzen 
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai, 
Als alle Vögel sangen, 
Da hab ich ihr gestanden 
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine

17.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ludwig Hölty


10.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Neuer Frühling

Die Gartenzäune werden frisch gestrichen,
es riecht nach Farbe und nach Lenzbeginn,
und was der Wind bewahrt vom Winterlichen,
verliert allmählich Wichtigkeit und Sinn.
 
Die schönen Frauen wagen sich ins Freie,
zu leicht bekleidet schon und frieren sehr;
die schönste lotst mit heisrem Wollustschreie
ihr Hündchen durch den tödlichen Verkehr.
 
Die Omnibus-Chauffeure schmettern heiter
ein Lied, wie Sieger strahlend, hoch vom Bock.
Ein Roß geht närrisch durch mit seinem Reiter.
Buntscheckig sprüht der neue Häuserblock.
 
Sogar das Elendsviertel will sich  schmücken:
an trüben Fenstern grüßt ein junges Grün,
und meine Hoffnung baut sich Blumenbrücken
zur Sommerinsel, wo die Rosen blühn.
 
Max Herrmann-Neiße

3.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Von allen Zweigen

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.

Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

Ricarda Huch

26.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Auf einer Meierei

Auf einer Meierei, 
da war einmal ein braves Huhn
das legte, wie die Hühner tun
an jedem Tag ein Ei
und kakelte, mirakelte
mirakelte, spektakelte
spektakelte, mirakelte
als ob´s ein Wunder sei

Es war ein Teich dabei.
Darin ein braver Karpfen saß,
der stillvergnügt sein Futter fraß,
der hörte das Geschrei,
wie's kakelte, mirakelte,
mirakelte, spektakelte,
spektakelte, mirakelte,
als ob's ein Wunder sei.

Da sprach der Karpfen: "Ei!
Alljährlich leg ich 'ne Million
und rühm mich des mit keinem Ton.
Wenn ich um jedes Ei
so kakelte, mirakelte,
mirakelte, spektakelte,
spektakelte, mirakelte,
was gäb's für ein Geschrei!"

Heinrich Seidel

19.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

April

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum -
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
 
Theodor Storm

12.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 
Wenn's Frühling wird

Die ersten Keime sind, die zarten, 
im goldnen Schimmer aufgesprossen; 
schon sind die ersten der Karossen 
                                    im Baumgarten. 

Die Wandervögel wieder scharten 
zusamm sich an der alten Stelle, 
und bald stimmt ein auch die Kapelle 
                                      im Baumgarten. 

Der Lenzwind plauscht in neuen Arten 
die alten, wundersamen Märchen, 
und draußen träumt das erste Pärchen 
                                    im Baumgarten. 

Rainer Maria Rilke

 

 

5.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Was der Frühling alles tun muss

Erst die Sonne höher heben,
dann die Gräser grün anstreichen,
allen, die auf Erden leben,
brüderlich die Hände reichen,
 
Schlangen häuten, Schatten schwärzen,
Felder kämmen, auch die Wiesen,
sorgen, dass Kastanienkerzen
brennen, Weidenruten schießen,
 
für die Vögel Noten schreiben
und die Rosenblätter zählen,
mit den Kindern Unfug treiben,
Wäldern neue Farben wählen,
 
Käfern ihre Panzer putzen,
Zäunen guten Morgen sagen,
Tau als Schmuck für Gras benutzen,
Licht in Mauselöcher tragen,
 
weil die Bienen gern was hätten,
Honig in die Blüten stecken,
alle Katzenfelle glätten - 
und die Kinder morgens wecken!
 
Ja der Frühling hat zu tun,
und was machen wir denn nun?
 
Frantisek Halas