Gedicht der Woche

16.Januar 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Einstweilen

Die alte Welt ist ein altes Haus 
und furchtbar ungemütlich, 
der Nordwind pustet die Lichter aus – 
ich wollte, wir lägen mehr südlich!

Ich wollte ... Puh Teufel, wie das zieht! 
Der Hagel prallt an die Scheiben; 
drum singt nur einstweilen das tröstliche Lied: 
Es kann ja nicht immer so bleiben!

Arno Holz

2.Januar 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?

Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.

Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.

Joachim Ringelnatz

19.Dezember 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich wünsche mir zum Heiligen Christ

Ich wünsche mir zum Heiligen Christ 
einen Kopf, der keine Vokabeln vergisst, 
einen Fußball, der keine Scheibe zerschmeißt - 
und eine Hose, die nie zerreißt. 

Ich wünsche mir zum Heiligen Christ 
eine Oma, die nie ihre Brille vermisst, 
einen Nachbarn, den unser Spielen nicht stört - 
und einen Wecker, den niemand hört. 

Ich wünsche mir zum Heiligen Christ 
eine Schule, die immer geschlossen ist, 
eine Mutter, die keine Fragen stellt - 
und einen Freund, der die Klappe hält.

Doch weil ich das alles nicht kriegen kann, 
überlass ich die Sache dem Weihnachtsmann.

Erika Wildgrube-Ulrici

 
 
 

12.Dezember 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Schneeflocken

Wende ich den Kopf nach oben:
Wie die weißen Flocken fliegen,
Fühle ich mich selbst gehoben
Und im Wirbeltanze wiegen.

Dicht und dichter das Gewimmel;
Eine Flocke bin auch ich. -
Wieviel Flocken braucht der Himmel,
Eh die Erde langsam sich
Weiß umhüllt.

Klabund

28.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vor dem Winter

Kein Himmel in der Frühe,
nach halben Schritten wird es still,
und wie das Blatt vom Baume fiel,
verzuckt ein Lichtlein ohne Will,
grämt sich und hat nicht Mühe.

Es will der Tag nicht raten.
Als löste sich von unserm Mund
das Blatt, so sind die Worte wund.
Im Nebel rinnen Stund um Stund,
verrinnen unsre Taten.

 Allein in letzter Höhe
steht noch ein Blatt und zittert bald
und wird im Sterben voll Gestalt;
ein Wind als wie ein Messer kalt
nimmt auch das letzte Blatt.

Konrad Weiß

21.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? 
Es ist der Vater mit seinem Kind; 
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, 
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm. -

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? - 
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? 
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? - 
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! 
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; 
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand; 
Meine Mutter hat manch' gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, 
Was Erlenkönig mir leise verspricht? - 
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind! 
In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? 
Meine Töchter sollen dich warten schön; 
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn 
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort 
Erlkönigs Tochter am düstern Ort? - 
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau; 
Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." - 
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! 
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, 
Er hält in Armen das ächzende Kind, 
Erreicht den Hof mit Mühe und Not; 
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang v. Goethe

14.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Kuss

Es regnet - doch sie merkt es kaum,
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert:
Im Kuß versank die Welt im Traum.
Ihr Kleid ist naß und ganz zerknittert

und so verächtlich hochgeschoben,
als wären ihre Knie für alle da.
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben,
der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.

So tief hat sie noch nie gefühlt -
so sinnlos selig müssen Tiere sein!
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt -
Laternen spinnen sich drin ein.

Wolfgang Borchert

7.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut, 
Es wurde dir beschieden. 
Du triumphierst und jubelst laut: 
„Jetzt hab ich endlich Frieden!“

Ach, Freundchen, rede nicht so wild, 
Bezähme deine Zunge! 
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, 
Kriegt augenblicklich Junge.

Wilhelm Busch

31.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Oktober

Oktober schüttelt das Laub vom Baum 
und gibt es den Winden zu eigen.
Die führen es fort im weiten Raum, 
weit fort von den trauernden Zweigen. 
 
Die stehen jetzt da mit kahlem Haupt:
Wer hat uns beraubt, wer hat uns entlaubt? 
Wo sind die Blätter, die lieben, geblieben?
 
Doch die, vom wirbelnden Winde getrieben, 
haben längst vergessen, wo sie gesessen.

Rudolf Löwenstein


24.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kalt und schneidend
 
Kalt und schneidend
Weht der Wind, 
Und mein Herz ist bang und leidend
Deinetwegen süßes Kind! 
 
Deinetwegen, 
Süße Macht, 
Ist mein Tagwerk ohne Segen
Und ist schaflos meine Nacht. 
 
Stürme tosen 
Winterlich, 
Aber blühten auch schon Rosen,
Was sind Rosen ohne dich?
 
Hermann von Lingg