Gedicht der Woche

5.Mai. 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Türmerlied

Faust II

Zum Sehen geboren, 
Zum Schauen bestellt
Dem Turme geschworen 
Gefällt mir die Welt

Ich blick in die Ferne, 
Ich seh in der Näh
Den Mond und die Sterne, 
Den Wald und das Reh.

So seh ich in allen , 
Die ewige Zier, 
Und wie mirs gefallen, 
Gefall ich auch mir. 

Ihr glücklichen Augen, 
Was je ihr gesehn, 
Es sei, wie es wolle, 
Es war doch so schön!

J.W.v. Goethe 
 

28.April 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vogelschau

Weiße Schwalben sah ich fliegen.
Schwalben schnee- und silberweiß.
Sah sie sich im Winde wiegen,
In dem Winde hell und heiß.

Bunte Häher sah ich hüpfen.
Papagei und Kolibri
Durch die Wunderbäume schlüpfen
In dem Wald der Tusferi.

Große Raben sah ich flattern.
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am Grunde über Nattern
Im verzauberten Gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen.
Schnee- und silberweiße Schar.
Wie sie sich im Winde wiegen
In dem Winde kalt und klar!

Stefan George

21.April 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingssonne

Die Sonne geht im Osten auf, 
der Osterhas` beginnt den Lauf. 
Um seinen Korb voll Eier sitzen 
drei Häslein, die die Ohren spitzen. 
Der Osterhas` bringt just ein Ei - 
da fliegt ein Schmetterling herbei. 
Dahinter strahlt das blaue Meer 
mit Sandstrand vorne und umher. 
Der Osterhas` ist eben fertig - 
das Kurtchen auch schon gegenwärtig! 
Nesthäkchen findet - eins, zwei, drei, 
ein rot`, ein blau`, ein lila Ei. 
Ein Ei in jedem Blumenkelche! 
Seht, seht, selbst hier, 
selbst dort sind welche! 
Ermüdet leicht im Morgenschein 
schlief Kurtchen auf der Wiese ein. 
Die Glocken läuten bim, bam, baum 
und Kurtchen lächelt zart im Traum. 
Di di didl dum dei, 
wir tanzen mit unsern Hasen 
umfasst, zwei und zwei, 
auf schönem, grünen Rasen.

Christian Morgenstern

14.April 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Frühling ist die schönste Zeit!

Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?
Da grünt und blüht es weit und breit
Im goldnen Sonnenschein.

Am Berghang schmilzt der letzte Schnee,
Das Bächlein rauscht zu Tal,
Es grünt die Saat, es blinkt der See
Im Frühlingssonnenstrahl.

Die Lerchen singen überall,
Die Amsel schlägt im Wald!
Nun kommt die liebe Nachtigall
Und auch der Kuckuck bald.

Nun jauchzet alles weit und breit,
Da stimmen froh wir ein:
Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?

Annette von Droste-Hülshoff

7.April 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Wurzeln des Übels

Mein Kind, das ist der Grund des Übels:
Ich kann bei dir nicht stündlich sein;
sonst kämst du nicht auf den Gedanken,
dass Küssen könnte sündlich sein.

Das Gegenteil will ich beweisen;
doch soll die Wirkung gründlich sein,
so muss vor allem das Verfahren
sowohl geheim als mündlich sein.

Heinrich Leuthold

31.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die Schaukel

Auf meiner Schaukel in die Höh,
was kann es Schöneres geben!
So hoch, so weit: die ganze Chaussee
und alle Häuser schweben.

Weit über die Gärten hoch, juchhee,
ich lasse mich fliegen, fliegen;
und alles sieht man, Wald und See,
ganz anders stehn und liegen.

Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?
Im Himmel! ich glaube, ich falle!
Das tut so tief, so süß dann weh,
und die Bäume verbeugen sich alle.

Und immer wieder in die Höh,
und der Himmel kommt immer näher;
und immer süßer tut es weh
der Himmel wird immer höher.

Richard Dehmel

24.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingsankunft
 
Grüner Schimmer spielet wieder
Drüben über Wies' und Feld.
Frohe Hoffnung senkt sich nieder
Auf die stumme trübe Welt.
Ja, nach langen Winterleiden
Kehrt der Frühling uns zurück,
Will die Welt in Freude kleiden,
Will uns bringen neues Glück.
Seht, ein Schmetterling als Bote
Zieht einher in Frühlingstracht,
Meldet uns, daß alles Tote
Nun zum Leben auferwacht.
Nur die Veilchen schüchtern wagen
Aufzuschau'n zum Sonnenschein;
Ist es doch, als ob sie fragen
»Sollt' es denn schon Frühling sein?«
Seht, wie sich die Lerchen schwingen
In das blaue Himmelszelt!
Wie sie schwirren, wie sie singen
Über uns herab ins Feld!
Alles Leid entflieht auf Erden
Vor des Frühlings Freud' und Lust
Nun, so soll's auch Frühling werden,
Frühling auch in unsrer Brust!
 
Hoffmann von Fallersleben

17.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Von dem großen Elefanten

Kennst du den großen Elefanten,
du weißt, den Onkel von den Tanten,
den ganz ganz großen, weißt du, der -
der immer so macht, hin und her. 

Der lässt dich nämlich vielmals grüßen, 
er hat mit seinen eignen Füßen
hineingeschrieben in den Sand:
Grüß mir Sophiechen Windelband! 

Du darfst mir ja nicht drüber lachen.
Wenn Elefanten so was machen,
so ist dies selten, meiner Seel!
Weit seltner als bei dem Kamel.

Christian Morgenstern

 

 

10.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Früher Frühling

Zwischen Februar und März 
liegt die große Zeitenwende, 
und, man spürt es allerwärts, 
mit dem Winter geht's zu Ende. 
Schon beim ersten Sonnenschimmer 
steigt der Lenz in's Wartezimmer. 
Keiner weiß, wie es geschah 
und auf einmal ist er da.

Manche Knospe wird verschneit 
zwar im frühen Lenz auf Erden. 
Alles dauert seine Zeit, 
nur Geduld, es wird schon werden. 
Folgt auch noch ein rauher Schauer, 
lacht der Himmel um so blauer. 
Leichter schlägt des Menschen Herz 
zwischen Februar und März.

Fred Endrikat

3.März 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Dunkel war's, der Mond schien helle
 
Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur.
Als ein Wagen blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss'ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh' lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Auf  ’ne grüne Bank sich setzte,
Die rot angestrichen war.

Volksgut