Gedicht der Woche

Silvester 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Jahr ist nichts

Ein Jahr ist nichts, wenn man's verputzt,
ein Jahr ist viel, wenn man es nutzt.
Ein Jahr ist nichts; wenn man's verflacht;
ein Jahr war viel, wenn man es ganz durchdacht.
Ein Jahr war viel, wenn man es ganz gelebt;
in eigenem Sinn genossen und gestrebt.
Das Jahr war nichts, bei aller Freude tot,
das uns im Innern nicht ein Neues bot.
Das Jahr war viel, in allem Leide reich,
das uns getroffen mit des Geistes Streich.
Ein leeres Jahr war kurz, ein volles lang:
nur nach dem Vollen mißt des Lebens Gang,
ein leeres Jahr ist Wahn, ein volles wahr.
Sei jedem voll dies gute, neue Jahr.
 
Hanns von Gumppenberg

24.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen, 
still erleuchtet jedes Haus, 
Sinnend' geh ich durch die Gassen, 
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen 
buntes Spielzeug fromm geschmückt, 
Tausend Kindlein stehn und schauen, 
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern 
Bis hinaus ins freie Feld, 
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern! 
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen, 
Aus des Schnees Einsamkeit 
Steigt's wie wunderbares Singen- 
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff

17.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weihnachtsschnee

Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,
Es riecht nach Weihnachtstorten;
Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd
Und bäckt die feinsten Sorten.

Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,
Sonst nehmt den Operngucker:
Die große Himmelsbüchse, seht,
Tut Ruprecht ganz voll Zucker.

Er streut - die Kuchen sind schon voll -
Er streut - na, das wird munter:
Er schüttelt die Büchse und streut und streut
Den ganzen Zucker runter.

Ihr Kinder sperrt die Mäulchen auf,
Schnell! Zucker schneit es heute;
Fangt auf, holt Schüsseln - ihr glaubt es nicht?
Ihr seid ungläubige Leute!

Paula Dehmel

10.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt, 
Und manche Tanne ahnt, wie balde 
Sie fromm und lichterheilig wird. 
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen 
Streckt sie die Zweige hin bereit 
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen 
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

 
 

3.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heller Morgen

Als ich schläfrig heut erwachte,
- und es war die Kirchenzeit –
hörte ich’s am Glockenklange,
dass es über Nacht geschneit.
 
Denn in meinem hellen Zimmer
klang so hell der Glockenschlag,
dass ich schon im Traume wusste:
heute wird ein heller Tag.

Als ich durch die Scheiben staunte,
wie die Welt so froh beschneit,
wurde mir die ganze Seele 
glänzend weiß und hell und weit.

Börries von Münchhausen

26.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Schreien

Einst ging ich meinem Mädchen nach
Tief in den Wald, in den Wald hinein,
Und fiel ihr um den Hals, und „ach“
Droht sie, „ich werde schrein.“
Da rief ich trotzig:“ Ha! ich will
Den töten, der uns stört!“
„Still“, lispelt sie, „Geliebter, still!
Dass ja dich niemand hört.“

Goethe

19.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Glück, das glatt ...

Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,
Tauscht in Sekunden seine Pfade,
Ist heute mir, dir morgen hold
Und treibt die Narrenrund im Rade.
Lass fliehn, was sich nicht halten lässt;
Den leichten Schmetterling lass schweben,
Und halte nur dich selber fest:
Du hältst das Schicksal und das Leben.

Ernst Moritz Arndt

12.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Herbstlaub

Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder,
schon wird es düster, rau und kalt.
Das Herbstlaub fällt, es mahnt uns wieder,
die Zeit entflieht, wir werden alt.

Noch einmal möchte es fern umsäumen
die Liebe meines Herzensraum,
An deinem Herzen lass mich träumen,
O gönne mir den Frühlingstraum.

 Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder
und bleicher wird der Sonne Schein.
Die Vöglein singen Abschiedslieder,
verödet stehen Flur und Hain.

Da rauscht es in des Waldes Räumen,
ein Flüstern geht von Baum zu Baum
An deinem Herzen lass mich träumen
O, gönne mir den Frühlingstraum.

Heinrich Pfeil

5.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.
Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
 
Clara Müller-Jahnke

29.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!
 
Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Christian Morgenstern