Gedicht der Woche

Ein Lied aus Stille

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Eines meiner Lieblingsgedichte, das so wunderbar in diese Jahreszeit passt, wurde von Eva Strittmatter geschrieben.

Es gelingt ihr, in diesem Gedicht die Stimmung dieses Monats November einzufangen, ohne dass die Traurigkeit einen einfängt. Das Licht aus Stille begleitet uns durch den kommenden Winter.

Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter wurde als Eva Braun 1930 in Neuruppin geboren. Nach dem Abitur begann sie an der Humboldt-Universität in  Berlin Germanistik, Romanistik und Pädagogik zu studieren.  Aus erster Ehe, die jedoch nur kurze Zeit währte, hatte sie einen Sohn. 1956 heiratete sie den Schriftsteller Erwin Strittmatter mit dem sie drei weitere Söhne hatte.

Seit 1954 war Eva Strittmatter freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte vier Bände mit Gedichten und sechs mit Prosa. 1957 zog sie mit ihrem Mann nach Schulzenhof im Brandenburgischen in der Nähe von Dollgow. Dort starb sie im Januar 2011 und wurde auf dem dortigen Friedhof neben ihrem Mann beigesetzt.

Lügenmärchen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:
ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,
sie flogen gar ferne -
sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,
die Füße wohl gegen die Sterne.

Ein Amboss und ein Mühlstein
die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,
sie schwammen gar leise -
ein Frosch verschlang alle beid’
zu Pfingsten wohl auf dem Eise.

Es wollten vier einen Hasen fangen,
sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,
der erste konnte nicht sehen,
der zweite war stumm, der dritte war taub,
der vierte konnte nicht gehen.

Nun denke sich einer, wie dieses geschah:
Als nun der Blinde den Hasen sah
auf grüner Wiese grasen,
da rief’s der Stumme dem Tauben zu,
und der Lahme erhaschte den Hasen.

Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land
es hatte die Segel gen Wind gespannt
und segelt’ im vollen Laufen -
da stieß es an einen hohen Berg,
da tät das Schiff ersaufen.

In Straßburg stand ein hoher Turm,
der trotzete Regen, Wind und Sturm
und stand fest über die Maßen,
den hat der Kuhhirt mit einem Horn
eines Morgens umgeblasen.

Ein altes Weib auf dem Rücken lag,
sein Maul wohl hundert Klaftern weit auftat,
’s ist wahr und nicht erlogen,
drin hat der Storch fünfhundert Jahr
seine Jungen groß gezogen.

So will ich hiermit mein Liedlein beschließen,
und sollt’s auch die werte Gesellschaft verdrießen,
will trinken und nicht mehr lügen:
bei mir zu Land sind die Mücken so groß,
als hier die größesten Ziegen.

Geschrieben hat dies Ernst Moritz Arndt, der 1769 auf Rügen geboren wurde. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Freiheitskämpfer und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und wird von vielen  als einer der bedeutendsten Lyriker der Epoche der Freiheitskriege angesehen. Arndt starb hochbetagt 1860 in Bonn.

Farben

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute einmal ein Gedicht einer noch lebenden Lyrikerin, von Susanne Ulrike Maria Albrecht. Sie wurde 1967 in Zweibrücken geboren und absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Von ihr sind schon zahlreiche Anthologien und Erzählungen erschienen.

Farben

Dein Geheimnis,
will ich nicht wissen
Mitten in der Nacht
bricht die Dunkelheit
Es sind Schattierungen
aller Farben
wie sie bunter und
leuchtender
nicht sein können
Taghell
Überall Regenbogen
Sonnendurchflutete
Pracht
Verrat es nicht


Das Lied der Deutschen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sein Verfasser war der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der es 1841 im politischen Exil auf der Insel Helgoland schrieb. Heute wird die dritte Strophe als deutsche Nationalhymne gesungen.

Zu der Zeit, als dieses Lied entstand, bestand das Deutsche Reich aus 39 kleinen Staaten, die alle ihre eigene Hymne sangen. Ein einheitliches Lied aller Deutschen fehlte. Gegen diese Uneinigkeit dichtete Hoffmann von Fallersleben dieses Lied. Er schrieb es auf die Melodie der österreichischen Kaiserhymne, die damals sehr bekannt war.

Bereits zur Revolutionszeit 1848 wurde dieses Lied, damals noch alle drei Strophen, gerne gesungen. Zum ersten Mal erklang es offiziell am Ort seiner Entstehung als die Insel Helgoland 1890 von den Briten feierlich den Deutschen übergeben wurde. Das erlebte Fallersleben allerdings nicht mehr, er war 1874 gestorben. 1922 erklärte der damalige Reichspräsident Friedrich Ebert das Lied zur deutschen Nationalhymne.

Nach dem Missbrauch des Liedes durch die Nationalsozialisten wurde das Deutschlandlied nach dem Zweiten Weltkrieg verboten.

Ab 1952 wurde bei staatlichen Anlässen die dritte Strophe gesungen, ohne dass diese Hymne offiziell proklamiert worden war.

Erst seit 1991 ist die dritte Strophe nun offiziell die „Nationalhymne für das deutsche Volk“.

Hoffmann von Fallersleben hat übrigens viele Gedichte geschrieben, die als Volkslieder sehr bekannt wurden und immer noch sind, z.B. Morgen kommt der WeihnachtsmannSumm, summ summ, Bienchen, summ herum und Wer hat die schönsten Schäfchen?

Altweibersommer

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nächste Woche soll uns ja der September noch einmal schöne Tage bescheren, den sogenannten Altweibersommer.

Doch hat dieser Begriff nichts mit alten Frauen zu tun, das Wort „weiben“ stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutete das Knüpfen von Spinnweben. Viele kleine Spinnen lassen sich von lauen Winden an ihren Spinnfäden durch die Luft treiben. Wenn dann in den Septembernächten die Temperatur stark abkühlt, kann man in der Morgensonne die vom Tau benetzten Spinnweben deutlich erkennen. Die glitzernden Fäden erinnern an die langen, silbergrauen Haare älterer Frauen, deswegen spricht der Volksmund von Altweibersommer.

Christliche Legenden berichten, dass diese Silberfäden, die zu dieser Zeit durch die Luft wehen, aus dem Mantel Marias stammen, den sie bei ihrer Himmelfahrt trug.

Andernorts erklärt man die silbrigen Fäden mit dem Werk von Elfen oder Nornen. Diese nordischen Göttinnen spinnen den Schicksalsfaden eines jeden Menschen bis zu seinem Tode.

Zu diesem Altweibersommer passt gut folgendes Gedicht von Wilhelm Busch.

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

 

Theodor Storm

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Heute ist der Geburtstag von Theodor Storm. Er wurde als Hans Theodor Woldsen Storm am 14.9.1817 in Husum als erstes Kind des Justizrates Johann Casimir Storm und dessen Frau Lucie geboren.

Als 15-jähriger Schüler schrieb Storm seine ersten Gedichte. Nach seinem Jurastudium in Kiel kehrte er 1843 nach Husum zurück und eröffnete eine Anwaltskanzlei. 1846 heiratete er seine  Cousine Constanze Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor. Nach der Geburt der Tochter Gertrud im Jahre 1865 starb Constanze Storm. Der Gedichtzyklus Tiefe Schatten bringt Storms Trauer darüber zum Ausdruck.

1866 heiratete Storm in zweiter Ehe die 38-jährige Dorothea Jensen, mit der eine Tochter hatte.

Im Mai 1880 trat Storm in den vorzeitigen Ruhestand und zog nach Hademarschen, wo er am 4. Juli 1888 an Magenkrebs starb. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof „St. Jürgen“ in Husum.

Die bekanntesten Gedichte Storms sind wohl Die StadtMeeresstrand und natürlich Knecht Ruprecht. Unsterblich hat er sich aber auch durch seine Novellen Immensee und Der Schimmelreiter gemacht.

Aus dem Gedicht Stroms An meine Söhne stammt:

Was du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen;
Aber hüte deine Seele
Vor dem Karrieremachen.


Willkommen und Abschied

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

28.August, der Geburtstag Goethes.

Deswegen natürlich ein Gedicht von ihm hier im Blog. Es ist eines der Gedichte, die wir damals in der Schule besprachen  und lernten. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir dieses Gedicht damals analysiert und interpretiert haben, aber damals wie heute fesselt mich die Sprache Goethes. Nur wenige Beispiele daraus:

"Der Abend wiegte schon die Erde"

"Die Winde schwangen leise Flügel"

"Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!"

Letzteres wünsch ich uns allen!

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht:
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!


 

Hobby-Dichter

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“  schreibt Goethe in einem Gedicht. Manch einer traut sich zu, solche Fensterscheiben zu bemalen. Doch wie bringt man möglichst viele Menschen dazu, sie auch zu sehen?

In den Zeiten des WWW muss man sich nicht mehr wie noch vor einigen Jahrzehnten als Bittsteller an einen Verlag wenden oder an eine Zeitung, um eine Veröffentlichung zu erreichen. Heutzutage stellt man seine Gedichte in einem Gedichteforum ein und erfährt aus den Kommentaren der Leser, ob sie gelungen sind. Ein Gedichteforum, das von der Qualität her ein wenig aus dem Üblichen heraussticht, ist Gedichtewelten.

Dieses Forum ist sehr übersichtlich in verschiedene Kategorien eingeteilt. So findet man z.B. Jahreszeitengedichte ebenso wie die Einteilung in klassische und moderne Gedichte. Auch die Gedichtform Haiku, die aus dem Japanischen kommt und sich hierzulande immer größerer Beliebtheit erfreut, ist vertreten.

Schaut man sich einige der hier veröffentlichten Gedichte an, trifft man klassische Formen und moderne, schlichte Reime und überbordende Wortwahl z.B. goldgeflaggter Feuerbogen in den Sommergedichten. Nicht besser könnte man diese sommerlichen Tage beschreiben! Auch in den Gedichten zur Natur kann man immer wieder in der Sprache schwelgen: Ermattetes Licht gießt sich über Gärten.

 Es würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, alle Gedichte aufzuführen. Schauen und lesen Sie selbst!

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Stöbern in den Gedichtewelten! Wer weiß, vielleicht ist bald eines Ihrer Gedichte dort zu lesen?

Sommersonntag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Jetzt ist der Sommer da! Einer der ihn in einem Gedicht eingefangen hat, ist Arno Holz.

Mählich durchbrechende Sonne

Schönes,
grünes, weiches
Gras.

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber
Butterblumen!

Über mir ... warm ... der Himmel:

Ein
weites, schütteres,
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes
Weiß,
das mir die
Augen
langsam ... ganz ... langsam
schließt.

Wehende ... Luft ... kaum merklich
ein Duft, ein
zartes ... Summen.

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und
deutlich ... spüre ich ... wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.
Versunken
alles ... Nur noch
ich.
Selig!

 

Dem ist nichts hinzuzufügen! :)

Allen Leserrn und Besuchern der Gedichtsuche einen schönen Sommersonntag!

Kinderspiele

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Aus heiterem Himmel kam  mir heute ein Gedicht von Heinrich Heine in den Sinn, das ich jahrelang sehr geliebt habe, das aber irgendwann mal aus dem Fokus verschwunden war. Nun habe ich es wieder entdeckt.

Es ist das folgende Gedicht, das Heinrich Heine für seine Schwester Charlotte um 1823 schrieb:  Erinnerungen an ihre Kindheit.

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.

Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei -
Kikereküh! sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.

Die Kisten auf unserem Hofe
Die tapezierten wir aus,
Und wohnten drin beisammen,
Und machten ein vornehmes Haus.

Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling und Knickse
Und Komplimente genug.

Wir haben nach ihrem Befinden
Besorglich und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.

Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut,
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;

Wie Lieb und Treu und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld! ---

Vorbei sind die Kinderspiele,
Und Alles rollt vorbei - 
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb und Treu.

Nicht besser könnte man die Spiele der Kinder beschreiben, ihre Unbekümmertheit und  das Nachahmen der Welt der Erwachsenen. Unversehens tauchen beim Lesen dieses Gedichtes eigene Kindheitserinnerungen wieder auf.

Es gibt mehrere Vertonungen dieses Gedichtes. Mir gefällt besonders die Version, die Ester Ofarim 1972 aufnahm. Hier ist sie selbst vor 40 Jahren.