Gedicht der Woche

Luftveränderung

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Als Gedicht der Woche heute ein Werk von Kurt Tucholsky, geschrieben 1924.

Luftveränderung

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre,
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh-:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

 

 

Kindergedichte

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kindergedichte sind nicht nur etwas für Kinder. Kindergedichte sind durchaus auch Gedichte für Erwachsene , um mal wieder aus der Sichtweise eines Kindes die Welt zu sehen. Man nimmt dann alltägliche Dinge ganz anders wahr. Leider kann ich nicht viele dieser wunderschönen Kindergedichte auf meine Seite aufnehmen, weil sie noch dem Copyright unterliegen. Manchmal habe ich aber die Erlaubnis der Autoren bekommen, diese Gedichte online zu stellen. Eines dieser Gedichte ist folgendes.

Wann Freunde wichtig sind

Freunde sind wichtig
zum Sandburgenbauen,
Freunde sind wichtig
wenn andre dich hauen,
Freunde sind wichtig
zum Schneckenhaussuchen,
Freunde sind wichtig
zum Essen von Kuchen.

Vormittags, abends,
im Freien, im Zimmer ...
Wann Freunde wichtig sind?
Eigentlich immer!

aus: Georg Bydlinski, Wasserhahn und Wasserhenne
© 2002 Dachs Verlag GmbH, Wien

Ich denke, (nicht nur) der letzten Zeile können auch wir Erwachsene ohne Bedenken zustimmen!


Maikatzen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bei der Suche nach möglichen Gedichten zum Mai, deren es ja in Hülle und Fülle gibt, stieß ich mal wieder auf das folgende Gedicht von Theodor Storm. Es hat zwar nur am Rand mit dem Frühlingsmonat zu tun, aber es sind halt Maikätzchen. Und da ich eine Katzennärrin bin, habe ich dieses Gedicht zum Gedicht der Woche gewählt.

Ja, die Menschlichkeit und Gutmütigkeit des Erzählers muss man schon anerkennen, schließlich wurden ja fünf  weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen vom Tod durch Ertränken gerettet. Wie könnte man auch!

Aber nun ist ein Jahr vorbei und aus den süßen Kätzchen wurde – wie sollte es anders sein-  eine große Katzenschar: Nicht 10 , nicht 20, nein, lesen  Sie nur nach! Es ist köstlich!

Ich wünsche Ihnen eine schöne Maiwoche!

Von Katzen

Vergangnen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber - Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche -
Die wollte von den Sechsen fünf ertränken,
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! - der Himmel segne
Mir meine Menschlichkeit!
Die lieben Kätzchen
Sie wuchsen auf und schritten binnen Kurzem
Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
Sie wuchsen auf, und Nachts vor ihrem Fenster
Probierten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,
Ich aber pries mich selbst und meine Menschlichkeit.
Ein Jahr ist um und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitags ist's! - Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,
In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die alte gar - nein, es ist unaussprechlich.,
Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!
Und jede, jede von den sieben Katzen
Hat sieben, denkt euch ! sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut
Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;
Ersäufen will sie alle neunundvierzig!
Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon -
Oh, Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!

Die Beiden

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Eines der Gedichte, die ich immer wieder gern lese, ist dieses von Hugo von Hofmannsthal.

Wie wunderbar hat er ausgedrückt, was die Liebe mit einem anstellt, die Liebe, die gerade am Entstehen ist. Eine Situation, die ähnlich  sicher die meisten Menschen bei sich selbst erlebt haben.

Viel Genuss beim Lesen!

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand -
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand-,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, dass es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Dass keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

Ostern

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Dieses Jahr ist Ostern sehr spät und der Frühling ist schon mit aller Macht gekommen. Wenn wir Glück haben, können die Kinder am Ostersonntagmorgen vielleicht wirklich im Freien nach den bunten Eiern suchen. Wo der Osterhase sie nur überall versteckt hat?

Friedrich Güll hat vor ca. 150 Jahren auch schon Ostereier gefunden.

 

Häslein

Lasst uns schauen, was liegt im Nest
so rund und glatt und fest:
Eier, blau und grün und scheckig,
Eier, rot und gelb und fleckig!
Häslein in dem grünen Wald,
ich hab dich lieb und dank dir halt,
Häslein mit dem langen Ohr,
dank dir tausendmal davor!

Häslein mit dem schnellen Bein,
sollst recht schön bedanket sein!
Nächste Ostern bringt die Mutter
wieder dir ein gutes Futter,
dass du möchtest unseretwegen
wieder so viel Eier legen.

Allen Freunden der Gedichtsuche wünsche ich ein frohes Osterfestund viele bunte Ostereier.

Frühlingsglaube

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Warm ist es jetzt schon, jetzt Anfang April, 23 Grad- fast ein Sommertag! Eigentlich kann man es gar nicht glauben, dass der Winter- der ja dieses Jahr eigentlich keiner war – uns endgültig den Rücken zugekehrt hat. Und doch ist es so: Allerorten blühen die Blumen, die Bäume. Es ist tatsächlich schon Frühling.

Auch Ludwig Uhland hat an den Frühling geglaubt, geglaubt, dass er jedes Jahr aufs Neue kommt, und das in Lyrik umgesetzt. Sein bekanntes Gedicht „Frühlingsglaube“ steht heute als Gedicht der Woche.

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiss der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.


Christian Morgenstern

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Hundert Jahre ist es am 31.März her, dass Christian Morgenstern an Tuberkulose starb. Er hatte sich  als Kind bei seiner Mutter angesteckt, die ebenfalls dieser Krankheit erlegen war.

Geboren wurde er am 6. Mai 1871 in München. Während seine Eltern Landschaftsmaler waren, widmet sich Morgenstern bald schon dem Schreiben. Schon während seiner Schulzeit verfasste er kleinere Satiren und Gedichte. Schließlich wird das Schreiben zu seinem Beruf. Immer wieder muss er seine Arbeit wegen gesundheitlicher Probleme unterbrechen und Sanatorien aufsuchen. 1905 erscheinen die „Galgenlieder“.  1910 heiratet er Margareta Gosebruch von Liechtenstern. Durch sie kommt er mit den anthroposophischen Werken Rudolf Steiners  in Berührung.

Christian Morgenstern stirbt am 31. März 1914 in Meran. Seine Urne steht im Goetheanum in Dornach.

Mein persönliches Lieblingsgedicht von Morgenstern ist das Möwenlied:

Das Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Sofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.


Märztag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Passend zum Monat heute ein Märzgedicht von Detlev vonLiliencron:

Märztag

Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
Überall ein erstes Frühlingslärmen.

Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.

Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
Wollt es halten, musst es schwimmen lassen.

 

 

Marie von Ebner-Eschenbach

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Eines meiner Lieblingsgedichte ist ein kleines, ein kurzes Gedicht. Es stammt von der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach.

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
dass man so lieb es haben kann?
Was liegt darin? Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.

Sie schrieb zahlreiche Novellen und Erzählungen, z.B. Krambambuli. Im Jahre 1900 wurde sie erster weiblicher Ehrendoktor der Wiener Universität. Marie von Ebner-Eschenbach starb am 12.März 1916 mit 85 Jahren in Wien.

Sie hinterließ viele Aphorismen. Hier sind einige davon:

- Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

- Die Leute, denen man nie widerspricht, sind entweder die, welche man am meisten liebt, oder die, welche man am geringsten achtet.

- Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun.

- Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst einmal eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.

- Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.


Schelm von Bergen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Während eines Faschingsballs tanzt die adlige Gesellschaft mit Masken verkleidet gemeinsam mit dem gemeinen Volk. Die Herzogin ist besonders fröhlich und ausgelassen und bittet ihren Tänzer schließlich die Maske abzunehmen. Doch dieser sträubt sich dagegen. Da reißt sie ihm die Maske vom Gesicht und in der ausgelassenen Fastnachtsgesellschaft verbreitet sich Entsetzen,  denn der Tänzer ist der  Scharfrichter von Bergen, ein Verfemter, dessen Gesellschaft gemieden wird.  Doch der Herzog selbst zeigt sich besonnen und findet eine Möglichkeit, Ehre und Heiterkeit wieder herzustellen - er schlägt den Henker kurzerhand noch auf dem Ball zum Ritter.

Hier nun die Ballade Heinrich Heines, der sich an einer alten Sage orientiert hat.

 

Schelm von Bergen

Im Schloss zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lacht laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behändig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorüberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,
Der närrische Brummbass brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.

„Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muss nach Hause gehen“ –
Die Herzogin lacht: „Ich lass dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.“

„Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen“ -
Die Herzogin lacht: „Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.“

„Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehör ich“ -
Die Herzogin lacht: „Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.“

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riss zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam - die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
„Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.“

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein.
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.