Gedicht der Woche

Die drei Spatzen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Beim Stöbern in den Gedichten zum Winter fiel mir mal wieder das Gedicht von Christian Morgenstern über die drei Spatzen in die Hände. Es gehört zu meinen Lieblingsgedichten, weil man sich beim Lesen oder Hören so richtig vorstellen kann, wie es den drei kleinen Burschen da draußen im Haselstrauch ergeht. Wie sie sich zusammenkuscheln, um sich vor dem Schnee zu schützen. Der Hans hat es am besten!!

Außerdem ist es eines der Gedichte, die ich tatsächlich auswendig kann! ;)

Deswegen also nun hier das Gedicht der Woche:

 

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.
 
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber, da schneit es, hu!
 
Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

 

 

Vollmond

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Vorgestern Abend strahlte ein wunderbarer Vollmond vom Himmel. Kein Wölkchen verdeckte ihn und sein Licht machte die Nacht hell. Ein Grund für mich, ein Gedicht über den Mond zum Gedicht der Woche zu wählen, und welches passt da besser, als eines der bekanntesten Gedichte Goethes : „An den Mond“.

Die erste Fassung dieses Gedichtes wurde um 1777 geschrieben und fand sich zwischen Goethes Briefen an Frau von Stein. Sie hat sechs Strophen.

Die späte Fassung ist evtl. nach Goethes Rückkehr aus Italien 1789 entstanden und umfasst nun neun Strophen.

Eine Gegenüberstellung beider Gedichte ist in der Freiburger Anthologie zu finden.

Hier die bekanntere, späte Fassung.

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluss!
Nimmer werd' ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuss
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!

Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Als Gedicht der Woche habe ich diesmal eines von Matthias Claudius gewählt. Es passt zur Jahreszeit und stand früher in jedem Lesebuch. Viel kennen es sicher auch als Volkslied. Geschrieben 1782 wurde es 1797 von Johann Friedrich Reichardt vertont.


Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er's;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und lässt's vorher nicht wärmen
und spottet über Fluss im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
hasst warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn's Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich' und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
dann will er sich tot lachen. –

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist' er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

Christine Busta

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Christine Busta war eine österreichische Lyrikerin, die für ihre Gedichte etliche Literaturpreise erhielt, u.a. den Georg-Trakl-Preis (1954), und  als eine der angesehensten Lyrikerinnen der österreichischen Literatur der Nachkriegszeit gilt. 

Christine Busta wurde am 23. April 1915 in Wien als uneheliches Kind geboren. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf. Früh schon musste sie die Erfahrung eines harten Existenzkampfes machen. Da die schwerkranke Mutter arbeitslos geworden war, sorgte die Tochter, die das Gymnasium besuchte, ab ihrem 14. Lebensjahr für den Lebensunterhalt mit Nachhilfestunden.

Ab 1933 studierte sie in Wien Germanistik und Anglistik, gab das Studium aber nach einem Nervenzusammenbruch auf und wurde Hilfslehrerin. Christine Busta heiratete 1940 den Musiker Maximilian Dimt, der seit 1944 vermisst ist.

Nach beruflichen Zwischenstationen als Dolmetscherin und Hotelangestellte arbeitete sie von 1950 bis1976 als Bibliothekarin. Ihre ersten Gedichte veröffentlichte sie 1946.  Ihr erster Gedichtband Jahr um Jahr erschien 1950. Von nun an publizierte sie regelmäßig Gedichtbände.

Bustas Gedichte zeichnen sich durch schlichte Formen der Lyrik aus. Sie hat eine wunderbare Art Stimmungen und Gefühle auszudrücken.  Christine Busta starb am 3. Dezember 1987 in Wien.

Muttersprache

Nicht, was die Mutter sagt,
beruhigt und tröstet die Kinder.
Sie verstehen´s zunächst noch gar nicht.

Wie sie es sagt,
der Tonfall, der Rhythmus,
die Monotonie der Liebe
in den wechselnden Lauten
öffnet die Sinne dem Sinn der Worte,
bringt uns ein in die Muttersprache.

Ein Gleiches
geschieht auch
im Gedicht.

Copyright: Christine Busta, Wenn du das Wappen der Liebe malst, Otto Müller Verlag, Salzburg 1995, 3. Auflage

 

Vorsätze

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Jetzt ist es wieder soweit: Jedes Jahr am Jahresende werden die Vorsätze fürs neue Jahr gefasst. Was möchte man nicht alles anpacken, ändern, zu Ende bringen.

Genauso oft stellt man allerdings an Silvester fest, dass nur wenig, wenn überhaupt, etwas von dem umgesetzt oder in Angriff genommen wurde, was man sich am Jahresanfang vorgenommen hatte.

Selbstverständlich haben sich auch die Dichter dieser Gepflogenheiten angenommen, sich ihre Gedanken dazu gemacht und sie in Reime gefasst. Ich habe zum Jahresende ein Gedicht von Friedrich Rückert ausgewählt:

 

Licht

Nun ist das Licht im Steigen,
Es geht ins neue Jahr.
Lass deinen Mut nicht neigen,
Es bleibt nicht wie es war.
So schwer zu sein, ist eigen
Dem Anfang immerdar,
Am Ende wird sichs zeigen,
Wozu das Ganze war.
Nicht zage gleich den Feigen
Und klag' in der Gefahr!
Schwing auf zum Sonnenreigen
Dich schweigend wie der Aar!
Und wenn du kannst nicht schweigen,
So klage schön und klar!

Weitere Gedichte zum Jahresende finden Sie hier: http://www.gedichtsuche.de/lesepfad/items/Jahreswechsel.html

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes, erfolgreiches und zufriedenes neues Jahr 2014!

Weihnachten

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zu meinen liebsten Weihnachtsgedichten gehört das folgende, das Joseph vonEichendorff um 1837 geschrieben hat.

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend' geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen-
O du gnadenreiche Zeit!

Mit diesem Gedicht wünsche ich allen Freunden der Gedichtsuche ein frohes und glückliches Weihnachtsfest!

Weihnachtsbäume

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Überall werden nun wieder Weihnachtsbäume aufgestellt und geschmückt, ein Ritual das hier bei uns zu Weihnachten gehört. Wann tatsächlich der erste Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, darüber streiten sich die Historiker. Sicher ist,dass sich dieser Brauch ab Mitte des 17.Jahrhunderts verbreitete. Hier nun ein Gedicht von Gustav Falke zum Weihnachtsbaum.

Weihnachtsbäume

Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
aus dem Wald in die Stadt herein.
Träumen sie ihre Waldesträume
wieder beim Laternenschein?


Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
von der Waldfrau, die Märchen webt,
was wir uns erst alles erdichten,
sie haben das alles wirklich erlebt.


Da steh'n sie nun an den Straßen und schauen
wunderlich und fremd darein,
als ob sie der Zukunft nicht trauen,
es muss doch was im Werke sein!


Freilich, wenn sie dann in den Stuben
im Schmuck der hellen Kerzen stehn,
und den kleinen Mädchen und Buben
in die glänzenden Augen sehn.


Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
ihnen das alles schon mal geträumt,
als sie noch im Wurzelbette
den stillen Waldweg eingesäumt.


Dann stehen sie da, so still und selig,
als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
als hätte sich ihnen doch allmählich
ihres Lebens Sinn enthüllt:


Als wären sie für Konfekt und Lichter
vorherbestimmt, und es müsste so sein,
und ihre spitzen Nadelgesichter
sehen ganz verklärt darein.


Allen Lesern wünsche ich einen gemütlichen dritten Advent.

Dezember

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nun ist er da, der Dezember und mit ihm die vielen Weihnachtsmärkte landauf landab. Mitunter findet man auf manch einem tatsächlich einen Maronimann, wie ihn Otfried Preußler in seinem Buch „Die kleine Hexe“ beschrieben hat.  Auch für Rainer Maria Rilke gehörten die Maroni  zum Winter. Wenn die Maronifrau die Kastanien an der Ecke briet, hatte der Winter begonnen.

An der Ecke

Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
die an der Ecke stets Kastanien briet.
Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
seit vielen Jahren es durchzieht.

Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
die Tüten müssen rein sein, und das Licht
an ihrem Stand muss immer helle scheinen,
und von dem Ofen mit den krummen Beinen
verlangt sie streng die heiße Pflicht.

So trefflich schmort auch keine die Maroni.
Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
und alle kennt sie - bis zum Tramwaypony;
sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni ...
Und leise summt ihr Herd sein Lied.

Ich wünsche Ihnen eine stimmungsvolle Adventszeit.

Komm in den totgesagten park

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zum Abschluss des Monats November ein Gedicht von Stefan George. Es lohnt sich genauer zu lesen.  Man entdeckt im totgesagten Park mancherlei, was Freude macht bzw. machen kann und - tatsächlich auch im November noch  - Farben überall. Man muss nur mit offenen Augen gehen.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade -
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau -
Die späten rosen welkten noch nicht ganz -
Erlese küsse sie und flicht den kranz -

Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben -
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

In diesem Sinne-  allen eine schöne letzte Novemberwoche mit vielen Farben!

Der Handschuh

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute ist der Geburtstag eines der größten und bekanntesten deutschen Dichter - Friedrich Schiller. Er  wurde am 10.November 1758 in Marbach am Neckar geboren. Es wäre müßig, Neues von ihm und seinem Leben erzählen zu wollen. Stattdessen habe ich ein Gedicht gewählt, eine seiner unvergleichlichen Balladen: „Der Handschuh“. Sie entstand 1797. In jenem  Jahr stand er in einem freundschaftlichen Wettstreit mit Goethe – ein Wettstreit  um die besseren Balladen. Veröffentlicht wurde „Der Handschuh“ erstmals 1798 in dem von Schiller herausgegebenen „Musenalmanach“.

Die Ballade soll auf einer wahren Geschichte beruhen, die sich im 16.Jahrhundert am Hofe des französischen Königs Franz I. zugetragen haben soll.  

Es ist übrigens immer wieder eine Wonne, diese Ballade einmal laut (vor)zu lesen.

Der Handschuh

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor.
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird's still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu'n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis'
Wendet sich Fräulein Kunigund:
„Herr Ritter, ist Eure Lieb' so heiß,
Wie Ihr mir's schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.“

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbar'n Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehens die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
„Den Dank, Dame, begehr' ich nicht,“
Und verläßt sie zur selben Stunde.

Es gibt übrigens ein besonders liebevoll illustriertes Kinderbuch zu dieser Ballade.