Gedicht der Woche

6.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vineta

Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
Klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen alten Wunderstadt.

In der Fluten Schoß hinabgesunken,
Blieben unten ihre Trümmer stehn,
Ihre Zinnen lassen goldne Funken
Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.

Und der Schiffer, der den Zauberschimmer
Einmal sah im hellen Abendroth,
Nach derselben Stelle schifft er immer,
Ob auch rings umher die Klippe droht.

Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde
Klingt es mir, wie Glocken, dumpf und matt.
Ach, sie geben wunderbare Kunde
Von der Liebe, die geliebt es hat.

Eine schöne Welt ist da versunken,
Ihre Trümmer bleiben unten stehn,
Lassen sich als goldne Himmelsfunken
Oft im Spiegel meiner Träume sehn.

Und dann möcht' ich tauchen in die Tiefen,
Mich versenken in den Wiederschein,
Und mir ist, als ob mich Engel riefen
In die alte Wunderstadt herein.

Wilhelm Müller

29.Juni 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewusstes Ich,
Beschau das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Gottfried Keller

22.Juni2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Kornfeld

Was ist schöner als ein Feld,
wenn die Halme, all die schlanken,
leise schwanken
und ein Halm den anderen hält?

Wenn im Korn die Blumen blühn,
leuchtend rot und blau dazwischen,
und sich mischen
lieblich in das sanfte Grün?

Wenn es flüsternd wogt und wallt,
Lerchen sich daraus erheben,
drüber schweben,
und ihr Lied herniederschallt?

Dann den schmalen Pfad zu gehen
Durch das Korn, welch eine Wonne!
Nur die Sonne,
nur die Lerche kann uns sehn.

Johannes Trojan

Was ist Liebe?

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Liebesgedichte gibt es unzählige: schöne und kitschige, innige und eher sachliche. Über die Liebe erzählen kann fast jeder, oder meint es zumindest. Aber was ist Liebe? Kann man es erklären?

Hierzu ein Gedicht von Friedrich Halm.

Mein Herz, ich will dich fragen

Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag'? -
„Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher kommt Liebe? -
„Sie kommt und sie ist da!"
Und sprich, wie schwindet Liebe? -
„Die war's nicht, der's geschah!"

Und was ist reine Liebe? -
„Die ihrer selbst vergisst!"
Und wann ist Lieb' am tiefsten? -
„Wenn sie am stillsten ist!"

Und wann ist Lieb' am reichsten? -
„Das ist sie, wenn sie gibt!"
Und sprich, wie redet Liebe? -
„Sie redet nicht, sie liebt!"


Sommer!

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer ist da, rechtzeitig zum Pfingstwochenende! Da möchte man doch tatsächllich, wie in dem so passenden folgenden Gedicht von Joachim Ringelnatz die Wölkchen vom Himmer zupfen und  es sich in der Frühlingswiese bequem machen.


Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil's wohltut, weil's frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

Ich wünsche allen Gedichtsuchefreunden und -innen ein genussvolles Wochenende!

Wiedererfreuen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sonntag – Sonnentag! Also rauf aufs Fahrrad und in die Pedale getreten, und dann kommen wir an die ersten Felder. Das Getreide steht schon hoch und mitten drin roter Klatschmohn, weiße Margeriten und leuchtendblaue Feldblumen. Und ich bin wieder begeistert- jedes Jahr aufs Neue, wenn ich diese Blumen so zusammen sehe. Ich liebe diesen Anblick! Da geht mir das Herz auf!

Und obwohl es doch jedes Jahr immer wieder geschieht, und obwohl ich das einen Sommer lang immer wieder sehe- ich kann mich jedes Mal neu daran erfreuen. Und genau dieses „Wiedererfreuen“ an bekannten Dingen spricht Cäsar Flaischlen in seinem Gedicht Sonnenkraft an.  Ich wünsche Ihnen immer wieder neues Freuen an bekannten Dingen!

Sonnenkraft

Und immer wieder sinkt der Winter
und immer wieder wird es Frühling
und immer immer wieder stehst du
und freust dich an dem ersten Grün
und wenn die kleinen Veilchen blühn,
und immer wieder ist es schön
und macht es jung und macht es froh,
und ob du's tausendmal gesehn:
wenn hoch in lauen blauen Lüften
die ersten Schwalben lustig zwitschern ...
immer wieder ... jedes Jahr ...
sag, ist das nicht wunderbar?!

Diese stille Kraft der Seele:
immer neu sich aufzuringen
aus dem Banne trüber Winter,
aus dem Schatten grauer Nächte,
aus der Tiefe in die Höhe ...
sag, ist das nicht wunderbar?!
diese stille Kraft der Seele,
immer wieder
sich zur Sonne zu befrein,
immer wieder stolz zu werden,
immer wieder froh zu sein.

Luftveränderung

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Als Gedicht der Woche heute ein Werk von Kurt Tucholsky, geschrieben 1924.

Luftveränderung

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre,
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh-:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

 

 

Kindergedichte

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kindergedichte sind nicht nur etwas für Kinder. Kindergedichte sind durchaus auch Gedichte für Erwachsene , um mal wieder aus der Sichtweise eines Kindes die Welt zu sehen. Man nimmt dann alltägliche Dinge ganz anders wahr. Leider kann ich nicht viele dieser wunderschönen Kindergedichte auf meine Seite aufnehmen, weil sie noch dem Copyright unterliegen. Manchmal habe ich aber die Erlaubnis der Autoren bekommen, diese Gedichte online zu stellen. Eines dieser Gedichte ist folgendes.

Wann Freunde wichtig sind

Freunde sind wichtig
zum Sandburgenbauen,
Freunde sind wichtig
wenn andre dich hauen,
Freunde sind wichtig
zum Schneckenhaussuchen,
Freunde sind wichtig
zum Essen von Kuchen.

Vormittags, abends,
im Freien, im Zimmer ...
Wann Freunde wichtig sind?
Eigentlich immer!

aus: Georg Bydlinski, Wasserhahn und Wasserhenne
© 2002 Dachs Verlag GmbH, Wien

Ich denke, (nicht nur) der letzten Zeile können auch wir Erwachsene ohne Bedenken zustimmen!


Maikatzen

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bei der Suche nach möglichen Gedichten zum Mai, deren es ja in Hülle und Fülle gibt, stieß ich mal wieder auf das folgende Gedicht von Theodor Storm. Es hat zwar nur am Rand mit dem Frühlingsmonat zu tun, aber es sind halt Maikätzchen. Und da ich eine Katzennärrin bin, habe ich dieses Gedicht zum Gedicht der Woche gewählt.

Ja, die Menschlichkeit und Gutmütigkeit des Erzählers muss man schon anerkennen, schließlich wurden ja fünf  weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen vom Tod durch Ertränken gerettet. Wie könnte man auch!

Aber nun ist ein Jahr vorbei und aus den süßen Kätzchen wurde – wie sollte es anders sein-  eine große Katzenschar: Nicht 10 , nicht 20, nein, lesen  Sie nur nach! Es ist köstlich!

Ich wünsche Ihnen eine schöne Maiwoche!

Von Katzen

Vergangnen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber - Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche -
Die wollte von den Sechsen fünf ertränken,
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! - der Himmel segne
Mir meine Menschlichkeit!
Die lieben Kätzchen
Sie wuchsen auf und schritten binnen Kurzem
Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
Sie wuchsen auf, und Nachts vor ihrem Fenster
Probierten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,
Ich aber pries mich selbst und meine Menschlichkeit.
Ein Jahr ist um und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitags ist's! - Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,
In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die alte gar - nein, es ist unaussprechlich.,
Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!
Und jede, jede von den sieben Katzen
Hat sieben, denkt euch ! sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut
Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;
Ersäufen will sie alle neunundvierzig!
Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon -
Oh, Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!

Die Beiden

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Eines der Gedichte, die ich immer wieder gern lese, ist dieses von Hugo von Hofmannsthal.

Wie wunderbar hat er ausgedrückt, was die Liebe mit einem anstellt, die Liebe, die gerade am Entstehen ist. Eine Situation, die ähnlich  sicher die meisten Menschen bei sich selbst erlebt haben.

Viel Genuss beim Lesen!

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand -
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand-,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, dass es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Dass keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.