Gedicht der Woche

21.September 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Abendgefühl

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz?

Freude wie Kummer,
Fühl ich, zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz wie ein Schlummerlied vor.

Friedrich Hebbel

14.September 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute ist der Geburtstag von Theodor Storm. Deswegen als Gedicht der Woche dieses Gedicht von ihm:

Dämmerstunde

Im Nebenzimmer saßen ich und du;
Die Abendsonne fiel durch die Gardinen;
Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh,
Vom roten Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid'; ich wusste mir kein Wort,
Das in der Stunde Zauber mochte taugen;
Nur nebenan die Alten schwatzten fort –
Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.

7. September2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nun werden wir sie bald wieder am Himmel sehen, bunt und leicht- die Drachen steigen wieder. Vor mehr als hundert Jahren hat ihr Anblick die Sehnsucht der Menschen nach dem Fliegen geweckt. Auch die von Victor Blüthgen.

Ach wer das doch könnte!

Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!

Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluss, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da fasst ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Allen Freunden der Gedichtsuche wünsche ich einen sonnigen Septembertag!

31.August_2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr' und Felder reichlich gönnen.
 
Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest.

Christian Morgenstern

24.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die jubelnd nie

Die jubelnd nie den überschäumten Becher
gehoben in der heiligen Mitternacht,
und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
zur Sünde lockend, sprühend zugelacht –

die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
und freudig nie dem Strudel sich vertraut –
o sie sind klug, sie bringen‘s weit im Leben ...
Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!

Otto Erich  Hartleben

 

17.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Natur

Hab’ heut’ vor mir des Weges gehn
eine Gnädige mit ihrem Knäblein gesehn –
hochelegant, das Bürschlein zumal
geschnitten aus dem Modejournal,
nun hielten Madam just Lektion,
dozierten vom feinen Anstandston:
da müsse nicht Schritt und Tritt allein,
auch Wort und Blick gemessen sein –
drum solle sich’s endlich mal menagieren,
zum Beispiel nicht so mit den Armen vagieren –
man müsse ja sonst glauben, dass er
so ein hergelaufener Junge wär,
man müsse sich sonst ja ordentlich schämen
ihn wieder mit spazieren zu nehmen.

Das Bürschlein – fünf Jahre mocht’s, denk’ ich, zählen –
schien auch die Sache ziemlich zu quälen:
es trippelte sittsam und still fürbaß
und dachte betrübt an dies und das,
zerknickt, schien’s, von dem Herzeleid
ob seiner schlimmen Verworfenheit.
Und als des Wegs eine Pfütze kam,
die endlich sein Auge in Anspruch nahm,
wandt’s, eingedenk de Lehren, sich
zur Mutter und fragte bescheidentlich:
„Darf ich mich mal in die Pfütze legen?“

Da dacht’ ich: o lust’ge – Mutter Natur,
lass du sie ängsteln und pfuschen nur
mit ihrer Lackier- und Verkleisterung
du wirst ein Mensch – Glückauf, mein Jung’!

Ferdinand Avenarius

10.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Er trägt einen Bienenkorb als Hut
blau weht sein Mantel aus Himmelsseide,
die roten Füchse im gelben Getreide
kennen ihn gut.
Sein Bart ist voll Grillen. Die seltsamsten Mären
summt er der Sonne vor, weil sie's mag,
und sie kocht ihm dafür jeden Tag
Honig und Beeren.

Christine Busta

3.August2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sonne im August

Gleich einer Symphonie in Grün
durchpulst von Licht und Duft und Glanz
ziehn Wiesen sich und Hügel hin
erfüllt von buntem Blumentanz.

Die Wege liegen lang im Wind,
und alle Birken neigen sich.
Und wenn die Gärten verlassen sind,
dann sind sie es nur für mich.

Die Bänke stehen wartend da,
die Gräser wiegen her und hin,
und manchmal scheint der Himmel nah,
und lange Vogelschwärme ziehn.

Und alles ist tief eingetaucht
in Lächeln und in Einsamkeit.
Mit Gold ist alles angehaucht,
und eine Elster schreit.

Selma Meerbaum-Eisinger

27.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.
 
Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.
 
... Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.

Alfred Lichtenstein

20.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommerglück

Blütenschwere Tage
In Düften und Gluten rings,
Mein Herz tanzt wie auf Flügeln
Eines trunkenen Schmetterlings.

Die Rosen über den Mauern,
Der Birnbaum darüber her,
Alles so reich und schwer
In sehnenden Sommerschauern.

Das juligelbe Land
Mit dem träumenden Wälderschweigen
Fern am duftigen Rand,
Darüber die Wolken steigen -

O, wie sag ich nur,
Was alles mein Wünschen ins Weite führt!
Mich hat des Glücks eine leuchtende Spur
Mit zitternder Schwinge berührt.

 

Gustav Falke