Gedicht der Woche

1.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die wandelnde Glocke

Es war ein Kind, das wollte nie 
Zur Kirche sich bequemen, 
Und sonntags fand es stets ein Wie, 
Den Weg ins Feld zu nehmen.

Die Mutter sprach: »Die Glocke tönt, 
Und so ist dir's befohlen, 
Und hast du dich nicht hingewöhnt, 
Sie kommt und wird dich holen.«

Das Kind, es denkt: Die Glocke hängt 
Da droben auf dem Stuhle. 
Schon hat's den Weg ins Feld gelenkt, 
Als lief' es aus der Schule.

Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, 
Die Mutter hat gefackelt. 
Doch welch ein Schrecken! Hinterher 
Die Glocke kommt gewackelt.

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; 
Das arme Kind im Schrecken, 
Es läuft, es kommt als wie im Traum: 
Die Glocke wird es decken.

Doch nimmt es richtig seinen Husch, 
Und mit gewandter Schnelle 
Eilt es durch Anger, Feld und Busch 
Zur Kirche, zur Kapelle.

Und jeden Sonn- und Feiertag 
Gedenkt es an den Schaden, 
Lässt durch den ersten Glockenschlag, 
Nicht in Person sich laden.

Johann Wolfgang von Goethe

 

24.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst

Nun kommen die letzten klaren Tage
Einer müderen Sonne.
Bunttaumelnde Pracht,
Blatt bei Blatt.
So heimisch raschelt
Der Fuß durchs Laub.
O du liebes, weitstilles Farbenlied!
Du zarte, umrißreine Wonne!
Komm!
Ein letztes Sonnenblickchen
Wärmt unser Heim.
Da wollen wir sitzen,
Still im Stillen,
Und in die müden Abendfarben sehn.
Da wollen wir beieinander sitzen
In Herbstmonddämmer hinein
Und leise
Verlorene Worte plaudern.
 
Johannes Schlaf

17.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Anders sein

Anders sein und anders scheinen,
anders reden, anders meinen,
alles loben, alles tragen,
allen heucheln, stets behagen,
allem Winde Segel geben,
Bös' und Guten dienstbar leben,
alles Tun und alles Dichten
bloß auf eignen Nutzen richten:
wer sich dessen will befleißen,
kann politisch heuer heißen.

Friedrich von Logau 

10.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ach, was soll der Mensch verlangen

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er’s treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

J.W. v. Goethe 

 

27.August 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

3.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande 
Tief in die Flut hinein: 
Gebirge und grüne Lande 
Und Trümmer im falben Schein 
Und zackige Türme im Grunde, 
Wie ich's oft im Traum mir gedacht, 
Wie dämmert alles da unten 
Als wie eine prächtige Nacht.

Seekönig auf seiner Warte 
Sitzt in der Dämmrung tief, 
Als ob er mit langem Barte 
Über seiner Harfe schlief; 
Da kommmen und gehen die Schiffe 
Darüber, er merkt es kaum, 
Von seinem Korallenriffe 
grüßt er sie wie im Traum.

Joseph von Eichendorff

20. August 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Für meine Söhne

Hehle nimmer mit der Wahrheit!
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
Doch, weil Wahrheit eine Perle,
Wirf sie auch nicht vor die Säue.

Blüte edelsten Gemütes
Ist die Rücksicht; doch zuzeiten
Sind erfrischend wie Gewitter
Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Wackrer heimatlicher Grobheit
Setze deine Stirn entgegen;
Artigen Leutseligkeiten
Gehe schweigend aus den Wegen.

Wo zum Weib du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte dich zu wert, um gastlich
In dem Hause zu verkehren.

Was du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen;
Aber hüte deine Seele
Vor dem Karrieremachen.

Wenn der Pöbel aller Sorte
Tanzet um die goldnen Kälber,
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.

Theodor Storm

13.August 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein, 
Tiefgrüne feuchte Reben
gucken ins Fenster herein.

Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
im Garten jagen spielend
die Buben den Mädchen nach.

Es knistert in den Büschen,
es zieht durch die helle Luft
das Klingen fallender Tropfen
Der Sommerregenduft.

Ada Christen

6.August 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Liebe war nicht geringe

Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blass
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wussten noch immer was.

Sie mussten sich lange quälen,
Doch schließlich kam's dazu,
Dass sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.

Wilhem Busch


30.Juli 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.

Heinrich Hoffmann von Fallersleben