Gedicht der Woche

4.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es kann die Ehre dieser Welt

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.

Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Theodor Fontane

 

 
 

28.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land, 
Lehnt träumend an der Berge Wand, 
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor, 
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr 
Vom Tage, 
Vom heute gewesenen Tage. 

Das uralt alte Schlummerlied, 
Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; 
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, 
Der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch. 
Doch immer behalten die Quellen das Wort, 
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort 
Vom Tage, 
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

21.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Vormittag

Der Wind singt sein Schlaflied
mit träumendem Rauschen,
die Blätter umschmeichelt er weich.
Ich laß mich verführen, dem Liede zu lauschen,
und fühl' mich den Gräsern gleich.

Es schauern die Lüfte
und kühlen mein heißes,
in Sehnsucht gehülltes Gesicht.
Die ziehenden Wolken verstreuen ihr weißes,
der Sonne gestohlenes Licht.

Die alte Akazie
verrieselt ihr Schweigen
in zitterndem Blättergewirr.
Die Düfte der Erde erheben sich, steigen
und fallen dann wieder zu mir.

Selma Meerbaum-Eisinger

 

 

14.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wie schändlich du gehandelt

Wie schändlich du gehandelt, 
Ich hab es den Menschen verhehlet, 
Und bin hinausgefahren aufs Meer, 
Und hab es den Fischen erzählet.

Ich lass dir den guten Namen 
Nur auf dem festen Lande; 
Aber im ganzen Ozean 
Weiß man von deiner Schande.

Heinrich Heine

7.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weg

Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
führen Träume, bringen Schritte
durch den Wald dem Monde zu.

Durch Zypressen staunt er plötzlich,
dass ich ihm entgegengeh`.
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
wenn mich´s friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder
bringen mich zum Silbersee:
nur ein Nachen auf dem Wasser,
heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder
führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet,
und ich steige leicht empor.

Theodor Däubler

 

 

30.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sommermittag

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk',
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
"Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut."

Theodor Storm

23.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.

Hoffmann von Fallersleben

16.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Storch und Spatz

Es hat der Storch sein Nest gebaut;
Und als er froh umher nun schaut,
Hoch über allen Häusern,
Da sitzt vor ihm en kleiner Spatz
Und bittet um ein wenig Platz
Zum Nestchen in den Reisern.

Da spricht der Storch : Mein Nest ist groß,
du bist ein kleines Vöglein bloß,
ich tu dir nichts zuleide,
du bist in gutem Schutz bei mir,
kein Mietgeld nehme ich von dir,
´s Platz da für uns beide.

Das Spätzlein dankt und baut sich an
Der Storch hat ihm kein Leid getan
Und hat ihn nicht verstoßen.
So wohnten beide lange Zeit
In Frieden und in Ewigkeit,
Der Kleine bei dem Großen.

Karl Enslin

9.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Aufatmen 2

Wie in süßen Morgenträumen
Liegt vor mir ein kleines Haus,
Blütenweiße Bäume strecken
Winkend ihre Äste aus.

Liebes, lang' entbehrtes Grüßen
Ist der Lerche jubelnd Lied,
Das wie klingend helles Strömen
Ob dem Haupte wirbelnd zieht.

Kleines Haus und Blütenbäume,
Ich versteh' den Zauber nicht;
Doch er spricht zum dunklen Herzen,
Und es wird d'rin wieder Licht!

Ada Christen

2.Juni 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Theodor Storm