Gedicht der Woche

7. Juni 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Und wird die Welt

Und wird die Welt auch noch so alt,
der Mensch, er bleibt ein Kind!
Zerschlägt sein Spielzeug mit Gewalt,
wie eben Kinder sind!

Wann alles erst in klein zerstückt
und nichts mehr zu verderben,
so sucht er wieder - neubeglückt -
und spielt dann mit den Scherben.

Carl Spitzweg

31.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

Joachim Ringelnatz

24.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mit zwei Worten

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,  
"London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.  
"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,  
bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.  

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.  
Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,  
suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,  
nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt....  

"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,  
und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.  
"Tausend Gilbert gibt's in London!" Doch sie sucht und wird nicht matt  
"Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.  

"Gilbert!" - "Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?"  
"Gilbert!" - Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein,  
den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein,  
dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein."  

"Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.  
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,  
über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.  
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

Conrad Ferdinand Meyer

17.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt, -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift -
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Christian Morgenstern

 

10.Mai 2015 - Muttertag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An meine Mutter

So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
Von Deiner Liebe, deiner treuen Weise;
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten darüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin:
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Annette von Droste-Hülshoff
 

3.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Frühling hat sich eingestellt

Der Frühling hat sich eingestellt;
Wohlan, wer will ihn sehn?
Der muss mit mir ins freie Feld,
Ins grüne Feld nun gehn.

Er hielt im Walde sich versteckt,
Dass niemand ihn mehr sah;
Ein Vöglein hat ihn aufgeweckt;
Jetzt ist er wieder da.

Jetzt ist der Frühling wieder da!
Ihm, folgt, wohin er geht,
Nur lauter Freude, fern und nah,
Und lauter Spiel und Lied.

Und allen hat er, groß und klein,
Was Schönes mitgebracht,
Und sollt's auch nur ein Sträußchen sein,
Er hat an uns gedacht.

Drum frisch hinaus ins freie Feld
ins grüne Feld hinaus
Der Frühling hat sich eingestellt
wer bliebe da zu Haus?

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

26.April 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Lichtlein auf der Wiese

Lichtlein auf der Wiese
blas' ich alle aus,
und es fliegen Sternchen
in die Welt hinaus,
schweben in der Sonne,
schweben auf und nieder.


Nächstes Jahr zur Frühlingszeit
gibt's neue Lichtlein
wieder. _
Doch zuerst, du wirst es sehn,
wird die Wiese, wird die Wiese
ganz in Gold, in Golde stehn.

E.Vogel

19.April 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Lächelnde Einsicht

Es hilft uns kein Gedeutel,
so nimm es, wie es fällt:
Der eine hat den Beutel,
der andre hat das Geld.

Es lässt sich nichts erklopfen:
Der eine hat den Wein,
der andre hat die Propfen.
Man muss zufrieden sein!

Theodor Fontane

12. April 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Schulreime

Hörst du's schlagen halber acht?
Gleich das Buch zurechtgemacht!
Schau, schon rudelt's, groß und klein,
dick und dünn zur Schul hinein.
Wills du gar der Letzte sein?

Schnell die Mappe übern Kopf
Und die Kappe auf den Schopf!
Und nun spring und lern' recht viel.
Wer sich tummelt, kommt ans Ziel.

Friedrich Güll

5.April 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der erste Ostertag

Fünf Hasen, die saßen
beisammen dicht.
Es macht ein jeder,
ein traurig Gesicht.

Sie jammern und weinen.
Die Sonn' will nicht scheinen!
Bei so vielem Regen.
Wie kann man da legen
den Kindern das Ei?
O weih, o weih!

Da sagte der König:
So schweigt doch ein wenig!
Lasst Weinen und Sorgen.
Wir legen sie morgen!

Heinrich Hoffmann