Gedicht der Woche

24.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die jubelnd nie

Die jubelnd nie den überschäumten Becher
gehoben in der heiligen Mitternacht,
und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
zur Sünde lockend, sprühend zugelacht –

die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
und freudig nie dem Strudel sich vertraut –
o sie sind klug, sie bringen‘s weit im Leben ...
Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!

Otto Erich  Hartleben

 

17.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Natur

Hab’ heut’ vor mir des Weges gehn
eine Gnädige mit ihrem Knäblein gesehn –
hochelegant, das Bürschlein zumal
geschnitten aus dem Modejournal,
nun hielten Madam just Lektion,
dozierten vom feinen Anstandston:
da müsse nicht Schritt und Tritt allein,
auch Wort und Blick gemessen sein –
drum solle sich’s endlich mal menagieren,
zum Beispiel nicht so mit den Armen vagieren –
man müsse ja sonst glauben, dass er
so ein hergelaufener Junge wär,
man müsse sich sonst ja ordentlich schämen
ihn wieder mit spazieren zu nehmen.

Das Bürschlein – fünf Jahre mocht’s, denk’ ich, zählen –
schien auch die Sache ziemlich zu quälen:
es trippelte sittsam und still fürbaß
und dachte betrübt an dies und das,
zerknickt, schien’s, von dem Herzeleid
ob seiner schlimmen Verworfenheit.
Und als des Wegs eine Pfütze kam,
die endlich sein Auge in Anspruch nahm,
wandt’s, eingedenk de Lehren, sich
zur Mutter und fragte bescheidentlich:
„Darf ich mich mal in die Pfütze legen?“

Da dacht’ ich: o lust’ge – Mutter Natur,
lass du sie ängsteln und pfuschen nur
mit ihrer Lackier- und Verkleisterung
du wirst ein Mensch – Glückauf, mein Jung’!

Ferdinand Avenarius

10.August 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Er trägt einen Bienenkorb als Hut
blau weht sein Mantel aus Himmelsseide,
die roten Füchse im gelben Getreide
kennen ihn gut.
Sein Bart ist voll Grillen. Die seltsamsten Mären
summt er der Sonne vor, weil sie's mag,
und sie kocht ihm dafür jeden Tag
Honig und Beeren.

Christine Busta

3.August2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sonne im August

Gleich einer Symphonie in Grün
durchpulst von Licht und Duft und Glanz
ziehn Wiesen sich und Hügel hin
erfüllt von buntem Blumentanz.

Die Wege liegen lang im Wind,
und alle Birken neigen sich.
Und wenn die Gärten verlassen sind,
dann sind sie es nur für mich.

Die Bänke stehen wartend da,
die Gräser wiegen her und hin,
und manchmal scheint der Himmel nah,
und lange Vogelschwärme ziehn.

Und alles ist tief eingetaucht
in Lächeln und in Einsamkeit.
Mit Gold ist alles angehaucht,
und eine Elster schreit.

Selma Meerbaum-Eisinger

27.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.
 
Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.
 
... Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.

Alfred Lichtenstein

20.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommerglück

Blütenschwere Tage
In Düften und Gluten rings,
Mein Herz tanzt wie auf Flügeln
Eines trunkenen Schmetterlings.

Die Rosen über den Mauern,
Der Birnbaum darüber her,
Alles so reich und schwer
In sehnenden Sommerschauern.

Das juligelbe Land
Mit dem träumenden Wälderschweigen
Fern am duftigen Rand,
Darüber die Wolken steigen -

O, wie sag ich nur,
Was alles mein Wünschen ins Weite führt!
Mich hat des Glücks eine leuchtende Spur
Mit zitternder Schwinge berührt.

 

Gustav Falke

13.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich bin der Juli

Grüß Gott! Erlaubt mir, dass ich sitze.
Ich bin der Juli, spürt ihr die Hitze?
Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll,
die Ähren sind zum Bersten voll;
reif sind die Beeren, die blauen und roten,
saftig sind Rüben und Bohnen und Schoten.

So habe ich ziemlich wenig zu tun,
darf nun ein bisschen im Schatten ruhn.
Duftender Lindenbaum,
rausche den Sommertraum!
Seht ihr die Wolke? Fühlt ihr die Schwüle?
Bald bringt Gewitter Regen und Kühle.

 

Paula Dehmel

6.Juli 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vineta

Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
Klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen alten Wunderstadt.

In der Fluten Schoß hinabgesunken,
Blieben unten ihre Trümmer stehn,
Ihre Zinnen lassen goldne Funken
Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.

Und der Schiffer, der den Zauberschimmer
Einmal sah im hellen Abendroth,
Nach derselben Stelle schifft er immer,
Ob auch rings umher die Klippe droht.

Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde
Klingt es mir, wie Glocken, dumpf und matt.
Ach, sie geben wunderbare Kunde
Von der Liebe, die geliebt es hat.

Eine schöne Welt ist da versunken,
Ihre Trümmer bleiben unten stehn,
Lassen sich als goldne Himmelsfunken
Oft im Spiegel meiner Träume sehn.

Und dann möcht' ich tauchen in die Tiefen,
Mich versenken in den Wiederschein,
Und mir ist, als ob mich Engel riefen
In die alte Wunderstadt herein.

Wilhelm Müller

29.Juni 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewusstes Ich,
Beschau das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Gottfried Keller

22.Juni2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Kornfeld

Was ist schöner als ein Feld,
wenn die Halme, all die schlanken,
leise schwanken
und ein Halm den anderen hält?

Wenn im Korn die Blumen blühn,
leuchtend rot und blau dazwischen,
und sich mischen
lieblich in das sanfte Grün?

Wenn es flüsternd wogt und wallt,
Lerchen sich daraus erheben,
drüber schweben,
und ihr Lied herniederschallt?

Dann den schmalen Pfad zu gehen
Durch das Korn, welch eine Wonne!
Nur die Sonne,
nur die Lerche kann uns sehn.

Johannes Trojan