Gedicht der Woche

2.November2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst im Fluss

Der Strom trug das ins Wasser gestreute
Laub der Bäume fort.
Ich dachte an alte Leute
Die auswandern ohne ein Klagewort.

Die Blätter treiben und trudeln,
Gewendet von Winden und Strudeln
Gezügig, und sinken dann still.

Wie jeder, der Großes erlebte,
Als er an Größerem bebte,
Schließlich tief ausruhen will.

Joachim Ringelnatz

26.Oktober 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstlied

Hu hu! Wie kommt der Wind so kalt
Schon über die Stoppel gelaufen!
Wie färbet sich so gelb der Wald,
Und wie versammeln sich so bald
Die Schwalben zum Abzug in Haufen!

 Die Wiese dampft, der Brocken braut
Und schüttelt, Schauer auf Schauer
Den Regen ab; durch Nebel schaut
Die Sonn herab, wie eine Braut
Gehüllet in düstere Trauer.

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

 

 

19. Oktober 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstfeuer

Rings in allen Gärten,
die im Tale sind,
rauchen nun die Feuer,
und der Herbst beginnt.

Fern ist nun der Sommer
und der Blumenduft.
Rote Feuer lodern.
Rauch steigt in die Luft.

Lobt den Lauf des Jahres
und den Wechsel auch!
Blumen bringt der Sommer
und der Herbst den Rauch!

Robert Louis Stevenson



12.Oktober 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

5.Oktober 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Riesenspielzeug

Burg Niedeck ist im Elsass der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.

Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauern, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

"Ei! artig Spielding!", ruft sie, "das nehm ich mit nach Haus."
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt;

Und eilt mit freud'gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
"Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn."

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
"Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freude; lass sehen, was es sei."

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
"Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht.
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot:
Denn wäre nicht der Bauer, so hätten wir kein Brot.
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!"

Burg Niedeck ist im Elsass der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Adalbert von Chamisso

 

28.September 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

September

September, er wills mit der ganzen Kraft,
Dem störrischen Hochmut der Leidenschaft,
Das Fliehende will er noch halten.
Doch hüpfen die Äpfel vom Baum ihm fort,
Die Goldbirnen stürzen, das Gras verdorrt,
Die Flüsse und Weiher erkalten.

Die Wolken sind auch schon so weiß nicht mehr,
Und Pilzgeruch bringen die Nebel her
Auf regenfeucht schleppenden Füßen.
Den Brombeersucher, den mag er nicht,
Drum schärft er den Dolch, der die Hand zersticht:
Die Gier soll der Räuber nur büßen!

Nur manchmal, am Mittag, im weißen Glast,
Da tut er, als wär er der Sommer fast,
Da fühlt er sich noch wie ein Junger.
Da hat er noch Gold und ein Knabenherz,
Und treibt mit der Muhme, der Schlange, Scherz,
Und gibt ihr die Maus für den Hunger.

Nie schrie dann im Hof so verliebt der Hahn,
Es fangen die Blumen zu brennen an,
In Feuer stehn ringsum die Gärten.
Jetzt sammelt im Weine sich süß die Glut,
Drum heben die Winzer voll Dank den Hut
Vor ihm, den sie immer verehrten.

Doch nach einer regendurchtobten Nacht,
Scheel sieht er die nasse, vergilbte Pracht,
Zerrauft und wie Besen die Schober.
Da weiß er, nun gilt es nach Haus zu gehn,
Und ohne sich noch einmal umzusehn
Überlässt er die Welt dem Oktober.

Georg Britting

21.September 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Abendgefühl

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz?

Freude wie Kummer,
Fühl ich, zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz wie ein Schlummerlied vor.

Friedrich Hebbel

14.September 2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heute ist der Geburtstag von Theodor Storm. Deswegen als Gedicht der Woche dieses Gedicht von ihm:

Dämmerstunde

Im Nebenzimmer saßen ich und du;
Die Abendsonne fiel durch die Gardinen;
Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh,
Vom roten Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid'; ich wusste mir kein Wort,
Das in der Stunde Zauber mochte taugen;
Nur nebenan die Alten schwatzten fort –
Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.

7. September2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nun werden wir sie bald wieder am Himmel sehen, bunt und leicht- die Drachen steigen wieder. Vor mehr als hundert Jahren hat ihr Anblick die Sehnsucht der Menschen nach dem Fliegen geweckt. Auch die von Victor Blüthgen.

Ach wer das doch könnte!

Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!

Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluss, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da fasst ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Allen Freunden der Gedichtsuche wünsche ich einen sonnigen Septembertag!

31.August_2014

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr' und Felder reichlich gönnen.
 
Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest.

Christian Morgenstern