Gedicht der Woche

12.Juli 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mein Herz, ich will dich fragen

Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag'? -
„Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher kommt Liebe? -
„Sie kömmt und sie ist da!“
Und sprich, wie schwindet Liebe? -
„Die war's nicht, der's geschah!"

Und was ist reine Liebe? -
„Die ihrer selbst vergisst!"
Und wann ist Lieb' am tiefsten? -
„Wenn sie am stillsten ist!“

Und wann ist Lieb' am reichsten? -
„Das ist sie, wenn sie gibt!“
Und sprich, wie redet Liebe? -
„Sie redet nicht, sie liebt!“

Friedrich Halm

5.Juli 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommernacht

Laue, stille Sommernacht,
Rings ein feierliches Schweigen,
Und am mondbeglänzten See
Tanzen Elfen ihren Reigen.

Unnennbares Sehnen schwillt
Mir das Herz. In jungen Jahren
Hab ich nie der Liebe Lust,
Nie der Liebe Glück erfahren.

Schmeichelnd spielt die linde Luft
Um die Stirne, um die Wangen.
Und es fasst mit Allgewalt
Mich ein selig-süßes Bangen.

Blaue Augen, blondes Haar
Soll ich bald mein eigen nennen?
Und der Ehe Hochgefühl
Soll ich aus Erfahrung kennen.

In der lauen Sommernacht
Wird sie dann im Bette sitzen,
„Männchen“, fragt sie, „sag mir doch,
Musst du auch so grässlich schwitzen?“

Ludwig Thoma

28.Juni2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sommer

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen,
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gedrückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn;
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gestellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Detlev von Liliencron

21.Juni 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Sonnenwende

Es fiel ein Blütenregen
herab auf Wald und Feld,
ein Netz von Sonnenstrahlen
umspinnt die grüne Welt;
das flammt und blüht und duftet
und höhnt den Glockenschlag,
als ging er nie zu Ende,
der süße, goldene Tag ...

O Tag der Sonnenwende,
vollblühende Rosenzeit,
du hast mir ins Herz geduftet
berauschende Seligkeit!
Das pocht und glüht und zittert
und bebt im Vollgenuss,
als ging er nie zu Ende,
der süße, erste Kuss -

O Tag der Sonnenwende -

Clara Müller-Jahnke

14.Juni 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Junisonne

Junisonne,
Sommersonne
Stehn auf ihrer Höhe schon;
Deiner Fahnen
Leises Mahnen
Wohl vernehm ich’s, bunter Mohn.

Sinnend steh’ ich,
Träumend seh’ ich
Weit ins Land vom Wiesensaum;
Winde weben,
Blüten beben –
Und das Leben ist ein Traum.

Karl Gerok

7. Juni 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Und wird die Welt

Und wird die Welt auch noch so alt,
der Mensch, er bleibt ein Kind!
Zerschlägt sein Spielzeug mit Gewalt,
wie eben Kinder sind!

Wann alles erst in klein zerstückt
und nichts mehr zu verderben,
so sucht er wieder - neubeglückt -
und spielt dann mit den Scherben.

Carl Spitzweg

31.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

Joachim Ringelnatz

24.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mit zwei Worten

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,  
"London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.  
"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,  
bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.  

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.  
Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,  
suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,  
nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt....  

"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,  
und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.  
"Tausend Gilbert gibt's in London!" Doch sie sucht und wird nicht matt  
"Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.  

"Gilbert!" - "Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?"  
"Gilbert!" - Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein,  
den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein,  
dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein."  

"Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.  
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,  
über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.  
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

Conrad Ferdinand Meyer

17.Mai 2015

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt, -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift -
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Christian Morgenstern

 

10.Mai 2015 - Muttertag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An meine Mutter

So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
Von Deiner Liebe, deiner treuen Weise;
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten darüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin:
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Annette von Droste-Hülshoff