Gedicht der Woche

17.Juli 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel 
Die Erde still geküsst, 
Dass sie im Blütenschimmer 
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder, 
Die Ähren wogten sacht, 
Es rauschten leis die Wälder, 
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte 
Weit ihre Flügel aus, 
Flog durch die stillen Lande, 
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

10.Juli 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Des Sängers Fluch

Es stand in alten Zeiten ein Schloss, so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.


Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich,
Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich;
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.


Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar,
Der ein' in goldnen Locken, der andre grau von Haar;
Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmuckem Ross,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoss.


Der Alte sprach zum Jungen: "Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton!
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz."


Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl,
Der König furchtbar prächtig wie blut'ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.


Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll,
Dass reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll;
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.


Sie singen von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu' und Heiligkeit,
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.


Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotz'ge Krieger, sie beugen sich vor Gott;
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.


"Ihr habt mein Volk verführet; verlockt ihr nun mein Weib?"
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib;
Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt.
Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.


Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm.
Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm;
Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Ross,
Er bind't ihn aufrecht feste, verlässt mit ihm das Schloss.


Doch vor dem hohen Thore, da hält der Sängergreis,
Da fasst er seine Harfe, sie, aller Harfen Preis,
An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt;
Dann ruft er, dass es schaurig durch Schloss und Gärten gellt:


"Weh euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang,
Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!


Weh euch, ihr duft'gen Gärten im holden Maienlicht!
Euch zeig' ich dieses Toten entstelltes Angesicht,
Dass ihr darob verdorret, dass jeder Quell versiegt,
Dass ihr in künft'gen Tagen versteint, verödet liegt.


Weh dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut'gen Ruhms!
Dein Name sei vergessen, in ew'ge Nacht getaucht,
Sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!"


Der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört,
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört;
Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht;
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.


Und rings statt duft'ger Gärten ein ödes Heideland,
Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,
Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;
Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch!

Ludwig Uhland

 
 
 

3.Juli 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Wiegenlied bei Mondenschein zu singen

So schlafe nun du Kleine!
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine,
Und süß die Ruh.
 
Auch kommt der Schlaf geschwinder,
Und sonder Müh:
Der Mond freut sich der Kinder,
Und liebet sie.
 
Er liebt zwar auch die Knaben,
Doch Mädchen mehr,
Gießt freundlich schöne Gaben
Von oben her
 
Auf sie aus, wenn sie saugen,
Recht wunderbar;
Schenkt ihnen blaue Augen
Und blondes Haar.
 
Alt ist er wie ein Rabe,
Sieht manches Land;
Mein Vater hat als Knabe
Ihn schon gekannt.
 
Und bald nach ihren Wochen
Hat Mutter mal
Mit ihm von mir gesprochen:
Sie saß im Tal
 
In einer Abendstunde,
Den Busen bloß,
Ich lag mit offnem Munde
In ihrem Schoss.
 
Sie sah mich an, für Freude
Ein Tränchen lief,
Der Mond beschien uns beide,
Ich lag und schlief;
 
Da sprach sie! "Mond, oh! scheine,
Ich hab sie lieb,
Schein Glück für meine Kleine!"
Ihr Auge blieb
 
Noch lang am Monde kleben,
Und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben,
Als hörte er.
 
Und denkt nun immer wieder
An diesen Blick,
Und scheint von hoch hernieder
Mir lauter Glück.
 
Er schien mir unterm Kranze
Ins Brautgesicht,
Und bei dem Ehrentanze;
Du warst noch nicht.
 
Matthias Claudius
 

26.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Guter Rat

An einem Sommermorgen 
Da nimm den Wanderstab, 
Es fallen deine Sorgen 
Wie Nebel von dir ab. 

Des Himmels heitere Bläue 
Lacht dir ins Herz hinein, 
Und schließt, wie Gottes Treue, 
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe 
Und Halme von Segen schwer, 
Dir ist, als zöge die Liebe 
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget 
Als wie im Vaterhaus, 
Und über die Lerchen schwinget 
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane

19.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es lacht in dem steigenden Jahr dir

Es lacht in dem steigenden Jahr dir 
der Duft aus dem Garten noch leis. 
Flicht in dem flatternden Haar dir 
Eppich und Ehrenpreis.

Die wehende Saat ist wie Gold noch, 
vielleicht nicht so hoch mehr und reich. 
Rosen begrüßen dich hold noch, 
ward auch ihr Glanz etwas bleich.

Verschweigen wir, was uns verwehrt ist; 
geloben wir, glücklich zu sein,
wenn auch nicht mehr uns beschert ist
als noch ein Rundgang zu zwein.

Stefan George

12.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
In dumpfer Stube beisammen sind; 
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, 
Großmutter spinnet, Urahne gebückt 
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl - 
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Wie will ich spielen im grünen Hag, 
Wie will ich springen durch Tal und Höhn, 
Wie will ich pflücken viel Blumen schön; 
Dem Anger, dem bin ich hold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Da halten wir alle fröhlich Gelag, 
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; 
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid, 
Dann scheint die Sonne wie Gold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Großmutter hat keinen Feiertag, 
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, 
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit; 
Wohl dem, der tat, was er sollt!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Am liebsten morgen ich sterben mag: 
Ich kann nicht singen und scherzen mehr, 
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer, 
Was tu ich noch auf der Welt?" - 
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hörens nicht, sie sehens nicht, 
Es flammet die Stube wie lauter Licht: 
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
Vom Strahl miteinander getroffen sind, 
Vier Leben endet ein Schlag - 
Und morgen ists Feiertag.

Gustav Schwab

 
 

5.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Barbarossa

Der alte Barbarossa, 
Der Kaiser Friederich, 
Im unterird'schen Schlosse 
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben, 
Er lebt darin noch jetzt; 
Er hat, im Schloss verborgen, 
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen 
Des Reiches Herrlichkeit 
Und wird einst wiederkommen 
Mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern, 
Darauf der Kaiser sitzt; 
Der Tisch ist marmelsteinern, 
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse, 
Er ist von Feuersglut, 
Ist durch den Tisch gewachsen, 
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume, 
Sein Aug' halb offen zwinkt, 
Und je nach langem Raume 
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben: 
"Geh hin vors Schloss, o Zwerg, 
Und sieh, ob noch die Raben 
Herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben 
Noch fliegen immerdar, 
So muss ich auch noch schlafen 
Verzaubert hundert Jahr."

Friedrich Rückert



29.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Grab im Busento

 Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder. 

Aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wider. 

Und den Fluss hinauf, hinunter zieh´n die Schatten tapfrer Goten, 
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben, 
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben. 

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette. 
Um die Strömung abzuleiten gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, 
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe, 
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe. 

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen. 
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern "Schlaf in deinen Heldenehren! 
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!" 

Sangen´s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere. 
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

August von Platen

 
 
 

22.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch 
In grünem Knospenschuh; 
„Er kam, er kam ja immer noch“ – 
Die Bäume nicken sichs zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum, 
Nun treiben sie Schuss auf Schuss; 
Im Garten der alte Apfelbaum 
Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz 
Und atmet noch nicht frei, 
Es bangt und sorgt: „Es ist erst März, 
Und März ist noch nicht Mai.“


O schüttle ab den schweren Traum 
Und die lange Winterruh 
Es wagt es der alte Apfelbaum, 
Herze, wags auch du.

Theodor Fontane 
 
 

15.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Pfingstlied

Pfingsten ist heut‘ , und die Sonne scheint, 
und die Kirschen blühn, und die Seele meint, 
sie könne durch allen Rauch und Duft 
aufsteigen in die goldne Luft.

Jedes Herz in Freude steht, 
von neuem Geist frisch angeweht. 
Und hoffnungsvoll aus Tür und Tor 
steckt’s einen grünen Zweig hervor.

Gustav Falke