Gedicht der Woche

26.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Guter Rat

An einem Sommermorgen 
Da nimm den Wanderstab, 
Es fallen deine Sorgen 
Wie Nebel von dir ab. 

Des Himmels heitere Bläue 
Lacht dir ins Herz hinein, 
Und schließt, wie Gottes Treue, 
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe 
Und Halme von Segen schwer, 
Dir ist, als zöge die Liebe 
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget 
Als wie im Vaterhaus, 
Und über die Lerchen schwinget 
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane

19.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es lacht in dem steigenden Jahr dir

Es lacht in dem steigenden Jahr dir 
der Duft aus dem Garten noch leis. 
Flicht in dem flatternden Haar dir 
Eppich und Ehrenpreis.

Die wehende Saat ist wie Gold noch, 
vielleicht nicht so hoch mehr und reich. 
Rosen begrüßen dich hold noch, 
ward auch ihr Glanz etwas bleich.

Verschweigen wir, was uns verwehrt ist; 
geloben wir, glücklich zu sein,
wenn auch nicht mehr uns beschert ist
als noch ein Rundgang zu zwein.

Stefan George

12.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
In dumpfer Stube beisammen sind; 
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, 
Großmutter spinnet, Urahne gebückt 
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl - 
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Wie will ich spielen im grünen Hag, 
Wie will ich springen durch Tal und Höhn, 
Wie will ich pflücken viel Blumen schön; 
Dem Anger, dem bin ich hold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Da halten wir alle fröhlich Gelag, 
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; 
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid, 
Dann scheint die Sonne wie Gold!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Großmutter hat keinen Feiertag, 
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, 
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit; 
Wohl dem, der tat, was er sollt!" - 
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: "Morgen ists Feiertag, 
Am liebsten morgen ich sterben mag: 
Ich kann nicht singen und scherzen mehr, 
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer, 
Was tu ich noch auf der Welt?" - 
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hörens nicht, sie sehens nicht, 
Es flammet die Stube wie lauter Licht: 
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
Vom Strahl miteinander getroffen sind, 
Vier Leben endet ein Schlag - 
Und morgen ists Feiertag.

Gustav Schwab

 
 

5.Juni 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Barbarossa

Der alte Barbarossa, 
Der Kaiser Friederich, 
Im unterird'schen Schlosse 
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben, 
Er lebt darin noch jetzt; 
Er hat, im Schloss verborgen, 
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen 
Des Reiches Herrlichkeit 
Und wird einst wiederkommen 
Mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern, 
Darauf der Kaiser sitzt; 
Der Tisch ist marmelsteinern, 
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse, 
Er ist von Feuersglut, 
Ist durch den Tisch gewachsen, 
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume, 
Sein Aug' halb offen zwinkt, 
Und je nach langem Raume 
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben: 
"Geh hin vors Schloss, o Zwerg, 
Und sieh, ob noch die Raben 
Herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben 
Noch fliegen immerdar, 
So muss ich auch noch schlafen 
Verzaubert hundert Jahr."

Friedrich Rückert



29.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Grab im Busento

 Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder. 

Aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wider. 

Und den Fluss hinauf, hinunter zieh´n die Schatten tapfrer Goten, 
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben, 
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben. 

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette. 
Um die Strömung abzuleiten gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, 
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe, 
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe. 

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen. 
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern "Schlaf in deinen Heldenehren! 
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!" 

Sangen´s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere. 
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

August von Platen

 
 
 

22.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch 
In grünem Knospenschuh; 
„Er kam, er kam ja immer noch“ – 
Die Bäume nicken sichs zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum, 
Nun treiben sie Schuss auf Schuss; 
Im Garten der alte Apfelbaum 
Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz 
Und atmet noch nicht frei, 
Es bangt und sorgt: „Es ist erst März, 
Und März ist noch nicht Mai.“


O schüttle ab den schweren Traum 
Und die lange Winterruh 
Es wagt es der alte Apfelbaum, 
Herze, wags auch du.

Theodor Fontane 
 
 

15.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Pfingstlied

Pfingsten ist heut‘ , und die Sonne scheint, 
und die Kirschen blühn, und die Seele meint, 
sie könne durch allen Rauch und Duft 
aufsteigen in die goldne Luft.

Jedes Herz in Freude steht, 
von neuem Geist frisch angeweht. 
Und hoffnungsvoll aus Tür und Tor 
steckt’s einen grünen Zweig hervor.

Gustav Falke

 

 

8.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An meine Mutter

So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
Von Deiner Liebe, deiner treuen Weise;
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.
 
Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten darüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin:
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Annette von Droste-Hülshoff

 

 

1.Mai 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An den Mai

Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache die kleinen Veilchen blühn!
Wie möchte ich doch so gerne ein Veilchen wieder Sehn,
ach, lieber Mai, wie gerne einmal spazieren gehn!

Zwar Wintertage haben wohl auch der Freuden viel:
man kann im Schnee eins traben und treibt manch Abendspiel,
baut Häuserchen von Karten, spielt Blindekuh und Pfand,
auch gibt's wohl Schlittenfahrten aufs liebe freie Land

Doch wenn die Vögel singen und wir dann froh und flink
auf grünem Rasen springen, das ist ein ander Ding!
Jetzt muss mein Steckenpferdchen dort in dem Winkel stehen,
denn draußen in dem Gärtchen kann man vor Schmutz nicht gehn.

Am meisten aber dauert mich Lottchens Herzeleid,
das arme Mädchen lauert recht auf die Blumenzeit.
Umsonst hol ich ihr Spielchen zum Zeitvertreib herbei,
sie sitzt in ihrem Stühlchen wie's Hühnchen aus dem Ei.

Ach, wenn's doch erst gelinder und grüner draußen wär!
Komm, lieber Mai, wir Kinder, wir bitten gar zu sehr!
O komm und bring vor allem uns viele Veilchen mit,
bring auch viele Nachtigallen und schöne Kuckucks mit.

 

Christian Adolf Overbeck

 
 

24.April 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

April

April! April!
Der weiß nicht, was er will.
Bald lacht der Himmel klar und rein,
Bald schaun die Wolken düster drein,
Bald Regen und bald Sonnenschein!
Was sind mir das für Sachen,
Mit Weinen und mit Lachen
Ein solch Gesaus zu machen!
April! April!
Der weiß nicht, was er will.

O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!
Und schneit mir in den Blütenbaum,
In all den Frühlingswiegentraum!
Ganz greulich ist's, man glaubt es kaum:
Heut Frost und gestern Hitze,
Heut Reif und morgen Blitze;
Das sind so seine Witze.
O weh! O weh!
Nun kommt er gar mit Schnee!

Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!
Und kriegt der raue Wintersmann
Auch seinen Freund, den Nordwind, an
Und wehrt er sich, so gut er kann,
Es soll ihm nicht gelingen;
Denn alle Knospen springen,
Und alle Vöglein singen.
Hurra! Hurra!
Der Frühling ist doch da!

Heinrich Seidel