Gedicht der Woche

29.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

 

Alter Bauer am Abend


Dies ist am Abend seine Art:
Er sitzt allein und stumm.
Rauch wölkt sich grau aus grauem Bart.
Der Tag war heiß. Der Tag war hart.
Der Tag ist um.

Das Haus liegt still. Der Hof ist leer.
Vom Anger schwingt sich fern
Ein leises Mädchenlachen her,
Verklingt und schweigt. Und ist nicht mehr.
Der erste Stern.

Im Stalle raschelt noch ein Huhn.
Ein Füllen wiehert bang.
Der Alte lässt die Hände ruhn.
Sie hatten Tag um Tag zu tun.
Ein Tag ist lang.

Schwielig die Haut. Die Haare greis.
So friedlich fließt das Blut.
Die Jahre waren hart und heiß.
Der Bauer neigt die Stirn. Er weiß:
Herr, es war gut.

Ein Wind springt in das Land hinaus.
Vom Turme schlägt es acht.
Der Alte klopft die Pfeife aus
Und geht bedächtig in das Haus.
Bald kommt die Nacht.

Joachim Lange

22.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand;
dämpft mir alle Glut.

Ein verirrter Schwimmer schwebt
durch den Wald zum Fluss,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuss.

Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss´ ich dich.

Richard Dehmel

15.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vogelschau

Weiße Schwalben sah ich fliegen.
Schwalben schnee- und silberweiß.
Sah sie sich im Winde wiegen,
In dem Winde hell und heiß.

Bunte Häher sah ich hüpfen.
Papagei und Kolibri
Durch die Wunderbäume schlüpfen
In dem Wald der Tusferi.

Große Raben sah ich flattern.
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am Grunde über Nattern
Im verzauberten Gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen.
Schnee- und silberweiße Schar.
Wie sie sich im Winde wiegen
In dem Winde kalt und klar!

Stefan George 
 
 

8.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Auf Bergeshöhe

Überm Staub und Lärm der Gassen,
Wind und Wolken zugesellt,
Fühl ich tröstend mich umfassen
Eine makellose Welt.

Seine Flügel senkt mein Sehnen,
Alle Wünsche gehn zur Ruh,
Und die Quelle meiner Tränen
Schließt sich sacht von selber zu.

Ricarda Huch

1.Juli 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Badelied

Auf Freunde herunter das heiße Gewand
Und tauchet in kühlende Flut
Die Glieder, die matt von der Sonne gebrannt,
Und holet von neuem euch Mut. 

Die Hitze erschlaffet, macht träge uns nur,
Nicht munter und tätig und frisch,
Doch Leben gibt uns und der ganzen Natur
Die Quelle im kühlen Gebüsch.

Vielleicht dass sich hier auch ein Mädchen gekühlt
Mit rosichten Wangen und Mund,
Am niedlichen Leibe dies Wellchen gespielt,
Am Busen so weiß und so rund. 

Und welches Entzücken! dies Wellchen bespült
Auch meine entkleidete Brust.
O! wahrlich, wer diesen Gedanken nur fühlt,
Hat süße entzückende Lust.

Novalis 
 

24.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Johannisfeuer

Auf den Bergen reiten Feuer,
Werfen sich wie Ungeheuer
In die Nachtluft, in den Raum;
Flammen stehen hell als Baum,
Rote Flügel sich entfachen,
Aus den Bergen fliegen Drachen,
Nichts hält mehr den Berg im Zaum.
Flammen sich wie Lieder wiegen —
Sonne hat die Nacht erstiegen.

Max Dauthendey

17.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
 
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
 
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt !
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Friedrich Hölderlin

10.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

Albin Zollinger

3.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

König Sommer

Nun fallen leise die Blüten ab,
Und die jungen Früchte schwellen.
Lächelnd steigt der Frühling ins Grab
Und tritt dem Sommer die Herrschaft ab,
Dem starken, braunen Gesellen.

König Sommer bereist sein Land
Bis an die fernsten Grenzen,
Die Ähren küssen ihm das Gewand,
Er segnet sie alle mit reicher Hand,
Wie stolz sie nun stehen und glänzen.

Es ist eine Pracht unterm neuen Herrn,
Ein sattes Genügen, Genießen,
Und jedes fühlt sich im innersten Kern
So reich und tüchtig. Der Tod ist so fern,
Und des Lebens Quellen fließen.

König Sommer auf rotem Ross
Hält auf der Mittagsheide,
Müdigkeit ihn überfloss,
Er träumt von einem weißen Schloss
Und einem König in weißem Kleide.

Gustav Falke

 
 
 

20.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Frühlingslied

Mit geheimnisvollen Düften
Grüßt vom Hang der Wald mich schon,
Über mir in hohen Lüften
Schwebt der erste Lerchenton.

In den süßen Laut versunken
Wall' ich hin durchs Saatgefild,
Das noch halb vom Schlummer trunken
Sanft dem Licht entgegenschwillt.

Welch ein Sehnen! welch ein Träumen!
Ach, du möchtest vorm Verglühn
Mit den Blumen, mit den Bäumen,
Altes Herz, noch einmal blühn.

Emanuel Geibel