Gedicht der Woche

20.März 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Meeresleuchten

Aus des Meeres dunklen Tiefen 
Stieg die Venus still empor, 
Als die Nachtigallen riefen 
In dem Hain, den sie erkor.

Und zum Spiegel, voll Verlangen, 
Glätteten die Wogen sich, 
Um ihr Bild noch aufzufangen, 
Da sie selbst auf ewig wich.

Lächelnd gönnte sie dem feuchten 
Element den letzten Blick, 
Davon blieb dem Meer sein Leuchten
Bis auf diesen Tag zurück.

Friedrich Hebbel

13.März 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vorfühling in Schönbrunn

Schwimmendes Frühlicht und Reif im Schatten.
Damals war Sommer, lange ist's her.
Kunstvolle Schnörkel auf stillen Rabatten,
nackte Erde, braun in dem matten
Grün der Parkette, und blumenleer.

Schwarz in dem strengen Schnitt der Alleen
knorplig verkrüppeltes Astgeschling.
- Ewig verklungenem Kinderflehen:
"Mutter, ich möcht die Giraffen sehen ..."
schwebte zur Seite ein Schmetterling.

Marmornes Fischweib, der Flut entwunden,
- golden huschten die Fische darin -
schützt mit den Armen den Blick der runden
Steinaugen, sinnlos und stolz gebunden
in die Gebärde seit Anbeginn.

Grotte des Meergotts. Heilige Rosse
spielen versteint auf geschwungenem Wall.
Muschel und Dreizack, Felsen und Flosse,
- blau stand der Himmel über dem Schlosse,
wunderbar blau wie nur dazumal.

Gelbe Pilaster vor bräunlichem Grunde.
Adelig schwingt sich die Treppe hinan.
Herren im Weißhaar gehn ihre Runde,
schmächtige Sonne, flüchtige Stunde,
zart und zerbrechlich wie Filigran.

Zart und zerbrechlich, wie nun von droben
die Gloriette herniedergrüßt.
Fürstlicher Traum, in den Himmel gehoben,
lass mit den Augen des Knaben dich loben,
dem du ein Wunder gewesen bist.

Drüben im Kammergarten hantieren
Gärtner mit Leiter, Säge und Scher',
Knospen glänzen und Amseln probieren.
Hier ging vor Zeiten der Kaiser spazieren,
aber der Kaiser ist auch nicht mehr.

Kinder spielen mit Ball und Reifen
mütterbewacht in der stillen Allee.
Frühling wird, kann es das Herz nicht begreifen?
Marmorweiß stehen die Götter in weißen
Tuniken, zeitlos in Wonne und Weh.

Eden aus helleren Kindheitstagen,
immer noch da, und so namenlos fern !
Eben hat fein eine Glocke geschlagen -
Ach, auf dem blauen Matrosenkragen
prangten dem Knaben drei schneeweiße Stern ...

Josef Weinheber

6.März 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

John Maynard

"Wer ist John Maynard?" 
"John Maynard war unser Steuermann, 
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann, 
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, 
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn. 
John Maynard."

---
Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee, 
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee; 
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo - 
Die Herzen aber sind frei und froh, 
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun 
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun, 
Und plaudernd an John Maynard heran 
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?" 
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund: 
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei - 
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei, 
"Feuer!" war es, was da klang, 
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang, 
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh, 
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt, 
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt, 
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht, 
Am Steuer aber lagert sich´s dicht, 
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?" 
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht, 
Der Kapitän nach dem Steuer späht, 
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann, 
Aber durchs Sprachrohr fragt er an: 
"Noch da, John Maynard?" 
"Ja,Herr. Ich bin." 
"Auf den Strand! In die Brandung!" 
"Ich halte drauf hin." 
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!" 
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. -

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's 
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!" 
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein, 
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein. 
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so. 
Rettung: der Strand von Buffalo!
---
Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt. 
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
---
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n 
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n, 
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt, 
Ein Dienst nur, den sie heute hat: 
Zehntausend folgen oder mehr, 
Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab, 
Mit Blumen schließen sie das Grab, 
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein 
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein: 
"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand 
Hielt er das Steuer fest in der Hand, 
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, 
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn. 
John Maynard."

Theodor Fontane

28.Februar 2026

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
da geht ein Mühlenrad.
Mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat

Sie hat mir Treu´ versprochen,
Gab mir ein´ Ring dabei
Sie hat die Treu´ gebrochen,
das Ringlein sprang entzwei

Ich möcht als Spielmann reisen
Wohl in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und geh von Haus zu Haus

Ich möcht' als Reiter fliegen
Wohl in die blut'ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör' ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will;
Ich möcht' am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.

Joseph von Eichendorff

 

 
 

21.Februar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Weichensteller

Und nun noch der Schnellzug nach Charleroi!
In fünf Minuten schon ist er da! -
Er trottet hinaus zum äußersten End',
Die letzte Weiche zu stellen behänd.
Im Schnee seine Schritte knarren,
Die Nacht ist kalt zum Erstarren!


Bald lädt bei traulichem Lampenschein
Die warme Stube den Müden ein,
Und ein Kuss vergilt ihm des Tages Qual,
Ein liebendes Weib und ein einfach Mahl:
Dann werden am Bettchen sie stehen
Und das Bübchen schlummern sehen! -

Hei, wie der Ostwind eisig pfeift,
Wie's tief durchs wollene Wams ihm greift!
Eine rote Lampe! Nun ist er zur Stell'.
Nur schnell!
Fern sind zwei Lichter erschienen,
Schon stoßen und stampfen die Schienen.

Der Zug! Es war die höchste Zeit!
Doch was ist das? Barmherzigkeit!
Der Hebel dreht sich im Bügel zu leicht,
Und wie er in Eile sich niederneigt,
Da hat es ganz leise geklungen,
Das eiserne Band ist zersprungen! -

Verzweifelt preßt er die Hand an die Stirn
Ein einz'ger Gedanke durchzuckt sein Hirn:
Der Zug! - Und braust er die falsche Bahn,
So ist es um ihn und die Menschen getan!
Denn kaum minutenlang weiter
Rast ihm entgegen ein zweiter! -

Da wirft sich zwischen die Schienen der Mann,
Presst dicht seinen Leib an das Eisen an
Und dehnt und stemmt sich mit Riesenkraft -
Ein gewaltiger Druck! Nun ist es geschafft!
Ob lebendig oder als Leiche,
Er liegt eine knöcherne Weiche! -

Er liegt und steht und hört nichts mehr.
Der Eilzug rasselt über ihn her.
Nur ein Haken im Weg, eine Bremse zu tief!
- Wie's heiß und kalt durch die Adern ihm lief! -
Was gilt nur dein Leben!
Du musst es für hundert geben! -

Ein Haken zu tief, eine Bremse im Weg!
Sekunden! Doch schlichen sie viel zu träg!
Und wenn er nur diesmal am Leben blieb -
O Gott! Wie hat er das Leben so lieb!
Da ist er vorbei geschnoben,
Und ferner hört er es toben! -

Nun naht es wieder und flackert und braust
Und ist an ihm vorbeigesaust:
Der zweite Zug, von Lichtern erhellt,
Voll Menschenglück - eine kleine Welt! -
Gerettet - Er lauscht in die Ferne,
- Und über ihm funkeln die Sterne! -

 
 Karl Freiherr von Berlepsch

14.Februar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
dass man so lieb es haben kann?
Was liegt darin? Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach

7.Februar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Februar

O wär im Februar doch auch,
Wie`s ander Orten ist der Brauch
Bei uns die Narrheit zünftig!
Denn wer, so lang das Jahr sich mißt,
Nicht einmal herzlich närrisch ist,
Wie wäre der zu andrer Frist
Wohl jemals ganz vernünftig.

Theodor Storm

31.Januar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Lügenmärchen

Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:
ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,
sie flogen gar ferne -
sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,
die Füße wohl gegen die Sterne.

Ein Amboss und ein Mühlstein
die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,
sie schwammen gar leise -
ein Frosch verschlang alle beid’
zu Pfingsten wohl auf dem Eise.

Es wollten vier einen Hasen fangen,
sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,
der erste konnte nicht sehen,
der zweite war stumm, der dritte war taub,
der vierte konnte nicht gehen.

Nun denke sich einer, wie dieses geschah:
Als nun der Blinde den Hasen sah
auf grüner Wiese grasen,
da rief’s der Stumme dem Tauben zu,
und der Lahme erhaschte den Hasen.

Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land
es hatte die Segel gen Wind gespannt
und segelt’ im vollen Laufen -
da stieß es an einen hohen Berg,
da tät das Schiff ersaufen.

In Straßburg stand ein hoher Turm,
der trotzete Regen, Wind und Sturm
und stand fest über die Maßen,
den hat der Kuhhirt mit einem Horn
eines Morgens umgeblasen.

Ein altes Weib auf dem Rücken lag,
sein Maul wohl hundert Klaftern weit auftat,
’s ist wahr und nicht erlogen,
drin hat der Storch fünfhundert Jahr
seine Jungen groß gezogen.

So will ich hiermit mein Liedlein beschließen,
und sollt’s auch die werte Gesellschaft verdrießen,
will trinken und nicht mehr lügen:
bei mir zu Land sind die Mücken so groß,
als hier die größesten Ziegen.

Ernst Moritz Arndt

 

24.Januar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Elternlied

Kinder laufen fort.
Lang her kanns noch gar nicht sein,
Kamen sie zur Tür herein,
Saßen zwistiglich vereint
Alle um den Tisch.

Kinder laufen fort.
Und es ist schon lange her.
Schlechtes Zeugnis kommt nicht mehr.
Stunden Ärgers, Stunden schwer:
Scharlach, Diphtherie!

Kinder laufen fort.
Söhne hangen Weibern an.
Töchter haben ihren Mann.
Briefe kommen, dann und wann,
Nur auf einen Sprung.

Kinder laufen fort.
Etwas nehmen sie doch mit.
Wir sind ärmer, sie sind quitt,
Und die Uhr geht Schritt für Schritt
Um den leeren Tisch.

Franz Werfel

17.Januar 2016

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der erste Schnee

Ei, du liebe, liebe Zeit,
ei, wie hat´s geschneit, geschneit!
Rings herum, wie ich mich dreh´ ,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken.

Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett.
Auf den Dächern um und um
nichts als Baumwoll´ rings herum.

Und der Schlot vom Nachbarhaus,
wie possierlich sieht er aus:
Hat ein weißes Müllerkäppchen,
hat ein weißes Müllerjöppchen!
Meint man nicht, wenn er so raucht,
dass er just sein Pfeifchen schmaucht?

Und im Hof der Pumpenstock
hat gar einen Zottelrock
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis an die Straße.
Und gar draußen vor dem Haus!
Wär´ nur erst die Schule aus!

Aber dann, wenn´ s noch so stürmt,
wird ein Schneemann aufgetürmt,
dick und rund und rund und dick,
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut ´nen Tiegel
und im Arm den langen Prügel
und die Füße tief im Schnee
und wir rings herum, juhe!

Ei, ihr lieben, lieben Leut´,
was ist heut´ das eine Freud´!

Friedrich Güll