Gedicht der Woche

10.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt, 
Und manche Tanne ahnt, wie balde 
Sie fromm und lichterheilig wird. 
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen 
Streckt sie die Zweige hin bereit 
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen 
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

 
 

3.Dezember 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Heller Morgen

Als ich schläfrig heut erwachte,
- und es war die Kirchenzeit –
hörte ich’s am Glockenklange,
dass es über Nacht geschneit.
 
Denn in meinem hellen Zimmer
klang so hell der Glockenschlag,
dass ich schon im Traume wusste:
heute wird ein heller Tag.

Als ich durch die Scheiben staunte,
wie die Welt so froh beschneit,
wurde mir die ganze Seele 
glänzend weiß und hell und weit.

Börries von Münchhausen

26.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Schreien

Einst ging ich meinem Mädchen nach
Tief in den Wald, in den Wald hinein,
Und fiel ihr um den Hals, und „ach“
Droht sie, „ich werde schrein.“
Da rief ich trotzig:“ Ha! ich will
Den töten, der uns stört!“
„Still“, lispelt sie, „Geliebter, still!
Dass ja dich niemand hört.“

Goethe

19.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Glück, das glatt ...

Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,
Tauscht in Sekunden seine Pfade,
Ist heute mir, dir morgen hold
Und treibt die Narrenrund im Rade.
Lass fliehn, was sich nicht halten lässt;
Den leichten Schmetterling lass schweben,
Und halte nur dich selber fest:
Du hältst das Schicksal und das Leben.

Ernst Moritz Arndt

12.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Herbstlaub

Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder,
schon wird es düster, rau und kalt.
Das Herbstlaub fällt, es mahnt uns wieder,
die Zeit entflieht, wir werden alt.

Noch einmal möchte es fern umsäumen
die Liebe meines Herzensraum,
An deinem Herzen lass mich träumen,
O gönne mir den Frühlingstraum.

 Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder
und bleicher wird der Sonne Schein.
Die Vöglein singen Abschiedslieder,
verödet stehen Flur und Hain.

Da rauscht es in des Waldes Räumen,
ein Flüstern geht von Baum zu Baum
An deinem Herzen lass mich träumen
O, gönne mir den Frühlingstraum.

Heinrich Pfeil

5.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.
Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
 
Clara Müller-Jahnke

29.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!
 
Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Christian Morgenstern

22.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Beherzigung

Feiger Gedanken 
bängliches Schwanken, 
weibisches Zagen, 
ängstliches Klagen 
wendet kein Elend, 
macht dich nicht frei.

Allen Gewalten 
zum Trutz sich erhalten, 
nimmer sich beugen, 
kräftig sich zeigen 
rufet die Arme 
der Götter herbei.

Goethe

15.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstgefühl

Müder Glanz der Sonne! 
Blasses Himmelblau! 
Von verklungner Wonne 
Träumet still die Au.


An der letzten Rose 
Löset lebenssatt 
Sich der letzte lose, 
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben 
Schleicht sich durch den Hain! 
Auch Vergehn'n und Sterben 
Deucht mir süß zu sein.

Karl Gerok

8.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Auf dem Wasser

Über mir ein unermesslich Blauen
Keines Vogels Zug, kein Wolkengrauen
Während meines Bootes dünne Planken
Ob des Sees grünem Abgrund schwanken.
Drunten wacht der Tod. In lichten Weiten
Träumt die Ewigkeit von fernen Zeiten.
Hier im leichten Kahn ein kurzes Schweben
zwischen nichts und nichts
- ein Menschenleben.

 
Heinrich Bulthaupt