Gedicht der Woche

26.Januar 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sei dennoch unverzagt!

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren! 
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid, 
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid, 
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren; 
nimm dein Verhängnis an. Lass alles unbereut. 
Tu, was getan muss sein, und eh man dir's gebeut. 
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke 
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an: 
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke. 
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, 
dem ist die weite Welt und alles untertan.

Paul Fleming

 

19.Januar 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Hab Sonne Im Herzen

Hab Sonne im Herzen,
ob's stürmt oder schneit.
Ob der Himmel voll Wolken,
die Erde voll Streit!
Hab Sonne im Herzen,
dann komme, was mag,
das leuchtet voll Licht dir
den dunkelsten Tag!

Hab ein Lied auf den Lippen,
mit fröhlichem Klang
und macht auch des Alltags
Gedränge dich bang!
Hab ein Lied auf den Lippen,
dann komme, was mag,
das hilft dir verwinden
den einsamsten Tag!

Hab ein Wort auch für andre
in Sorg und in Pein
und sag, was dich selber
so frohgemut lässt sein:
Hab ein Lied auf den Lippen,
verlier nie den Mut,
hab Sonne im Herzen,
und alles wird gut!
 
Cäsar Flaischlen
 
 

12.Januar 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Wiegenlied für meinen Jungen

Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen regnet's Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
dass der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen tun's in Garben -
Herrr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, huh,
deckt dir beide Augen zu -

deckt die Flügel sacht zusammen,
daß du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden - -
So, nun schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!

 Richard Dehmel
 
 

29.Dezember 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Zum neuen Jahr

Wie heimlicher Weise 
Ein Engelein leise 
Mit rosigen Füßen 
Die Erde betritt, 
So nahte der Morgen. 
Jauchzt ihm, ihr Frommen, 
Ein heilig Willkommen, 
Ein heilig Willkommen! 
Herz, jauchze du mit! 

In Ihm sei's begonnen, 
Der Monde und Sonnen 
An blauen Gezelten 
Des Himmels bewegt. 
Du, Vater, du rate! 
Lenke du und wende! 
Herr, dir in die Hände 
Sei Anfang und Ende, 
Sei alles gelegt!

Eduard Mörike

22.Dezember 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muss ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl´s ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm

15.Dezember 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bäume leuchtend, Bäume blendend

Bäume leuchtend, Bäume blendend, 
überall das Süße spendend, 
in dem Glanze sich bewegend, 
Alt und junges Herz erregend. 
Solch ein Fest ist uns bescheret, 
Mancher Gaben Schmuck verehret; 
staunend schauen wir auf und nieder, 
Hin und her und immer wieder. 
Aber Fürst, wenn dir`s begegnet 
Und ein Abend dich so segnet, 
daß als Lichter, daß als Flammen 
Vor dir glänzen all zusammen. 
Alles, was du ausgerichtet, 
Alle, die du dir verpflichtet: 
Mit erhöhten Geistesblicken 
Fühltest herrliches Entzücken.

J.W.v. Goethe

8.Dezember 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Christkinds getreuer Knecht

Von grünen Tannen ganz umstellt,
Liegt still ein Haus am End der Welt.
Darinnen haust auf seine Art
Ein alter Mann mit langem Bart.
Wenn's Winter wird, da gibt's zu tun;
Da kann er nur am Abend ruhn.
Und wenn's die ersten Flocken schneit,
Da lächelt er: Bald ist's soweit.
Und eines Abends schwebt ganz sacht
Ein Engel wieder durch die Nacht.

Er schwebt, umglänzt von goldnem Schein,
Auf's Häuschen zu und geht hinein.
"He Alter" - ruft er - "sei bereit;
Die Zeit ist da, es ist soweit!"
Der Engel aber dass Ihr's wisst,
Kein andrer als das Christkind ist.
Ihm dient der Alte treu und recht;
Knecht Ruprecht ist's des Christkinds Knecht

Längst fertig sind die Sachen all;
Der Esel wartet schon im Stall.
Der gute Graue, dick vom Ruh'n,
Bekommt nun tüchtig was zu tun.
Zwei größe Säcke bis zum Rand
Gefüllt - so geht's ins Menschenland.

Am nächsten Tag klopft's bei euch an.
Du kriegst 'nen Schreck ...
Der Weihnachtsmann!

Emil Weber

1.Dezember 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End,
Auch ich schreib meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.

Gottfried Keller

24.November 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet, 
Hat es der Dichter schwer, 
Der Sommer ist geendet, 
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen? 
Die meisten Requisiten sind vereist. 
Man muss schon in die eigene Seele dringen 
- Jedoch, da haperts meist.
 
Man sitzt besorgt auf seinen Hintern, 
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch, 
- Da hilft das eben nichts, da muss man eben überwintern 
Wie Frosch und Lurch.

Klabund


17.November 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus, 
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus; 
alles fällt in  Sinnen.

Leiser wird die Hand,  der Mund,
stiller die Gebärde.  
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern