Gedicht der Woche

28.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Uralter Worte kundig

Uralter Worte kundig kommt die Nacht;
Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande,
Sie wechselt die Gestalten und Gewande
Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.

Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht
Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande.
Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande
Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.

Ich halte Dich und bin von Dir umschlossen,
Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus;
So fühl ich Dich in Fleisch und Blut gegossen,

Von Deinem Leib und Leben meins umkleidet.
Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus,
Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.

Ricarda Huch

21. Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

14.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er flimmert blau und roth und weiß,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus,
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe. 

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind'
Im Sonnenstral bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Flaum
Wie leichter Blüthenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten;
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lauter blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalles Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der muntre Sperling pickt vertraut
Die Körner vor der Scheune. 
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! Auf festgediegner Bahn
Klimm' ich den Hügel schnell hinan,
Und blicke froh ins Weite,
Und preise den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.

Johann Gaudenz von Salis-Sewis

7.Februar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Gang im Schnee

Nun rieseln weiße Flocken unsre Schritte ein. 
Der Weidenstrich läßt fröstelnd letzte Farben sinken, 
Das Dunkel steigt vom Fluß, um den versprengte Lichter blinken, 
Mit Schnee und bleicher Stille weht die Nacht herein.

Nun ist in samtnen Teppichen das Land verhüllt, 
Und unsre Worte tasten auf und schwanken nieder 
Wie junge Vögel mit verängstetem Gefieder – 
Die Ebene ist grenzenlos mit Dämmerung gefüllt.

Um graue Wolkenbündel blüht ein schwacher Schein, 
Er leuchtet unserm Pfad in nachtverhängte Weite, 
Dein Schritt ist wie ein fremder Traum an meiner Seite – 
Nun rieseln weiße Flocken unsre Sehnsucht ein.

Ernst Stadler

31.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Gefunden

Ich ging im Walde 
So für mich hin, 
Und nichts zu suchen, 
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich 
Ein Blümchen stehn, 
Wie Sterne leuchtend, 
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen 
Da sagt' es fein: 
Soll ich zum Welken 
Gebrochen sein?

Ich grub's mit allen 
Den Würzlein aus, 
Zum Garten trug ich's 
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder 
Am stillen Ort; 
Nun zweigt es immer 
Und blüht so fort.

Johann Wolfgang von Goethe

24.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen 
die Deckel purpurn in Damast; 
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, -
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Rainer Maria Rilke

17.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Selbstkritik hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich. 
Gesetzt den Fall, ich tadle mich: 
So hab ich erstens den Gewinn, 
Dass ich so hübsch bescheiden bin; 
Zum zweiten denken sich die Leut, 
Der Mann ist lauter Redlichkeit; 
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen 
Vorweg den andern Kritiküssen; 
Und viertens hoff ich außerdem 
Auf Widerspruch, der mir genehm. 
So kommt es denn zuletzt heraus, 
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch

10.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, 
die sich über die Dinge ziehn. 
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, 
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, 
und ich kreise Jahrtausende lang; 
und ich weiß noch nicht: 
bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

 
 

3.Januar 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Regen

Der Regen geht als eine alte Frau  
mit stiller Trauer durch das Land.  
Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau,  
und manchmal hebt sie ihre Hand  

und klopft verzagt an Fensterscheiben,  
wo die Gardinen heimlich flüstern.  
Das Mädchen muß im Hause bleiben  
und ist doch gerade heut so lebenslüstern!  

Da packt der Wind die Alte bei den Haaren,  
und ihre Tränen werden wilde Kleckse.  
Verwegen läßt sie ihre Röcke fahren  
und tanzt gespensterhaft wie eine Hexe!

 Wolfgang Borchert

 

27.12.2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Beschränkung

Kannst Du das Schönste nicht erringen,
so mag das Gute Dir gelingen.
Ist nicht der große Garten Dein,
wird doch ein Blümchen für Dich sein.
 
Nach Großem drängt`s Dich in der Seele?
Daß sie im Kleinen nur nicht fehle!
Tu heute recht -so ziemt es Dir;
der Tag kommt, der Dich lohnt dafür !
 
So geht es Tag für Tag; doch eben
aus Tagen, Freund, besteht das Leben.
Gar viele sind, die das vergessen;
man muß es nicht nach Jahren messen.
 
Eduard Bauernfeld