Gedicht der Woche

20.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Frühlingslied

Mit geheimnisvollen Düften
Grüßt vom Hang der Wald mich schon,
Über mir in hohen Lüften
Schwebt der erste Lerchenton.

In den süßen Laut versunken
Wall' ich hin durchs Saatgefild,
Das noch halb vom Schlummer trunken
Sanft dem Licht entgegenschwillt.

Welch ein Sehnen! welch ein Träumen!
Ach, du möchtest vorm Verglühn
Mit den Blumen, mit den Bäumen,
Altes Herz, noch einmal blühn.

Emanuel Geibel

 
 
 

13.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Der Jasminstrauch

Grün ist der Jasminenstrauch 
abends eingeschlafen. 
Als ihn, mit des Morgens Hauch, 
Sonnenlichter trafen, 
ist er schneeweiß aufgewacht, 
"Wie geschah mir in der Nacht?" 
Seht, so geht es Bäumen, 
die im Frühling träumen!

Friedrich Rückert 
 
 

6.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Liebesfeier

An ihren bunten Liedern klettert  
Die Lerche selig in die Luft; 
Ein Jubelchor von Sängern schmettert 
Im Walde, voller Blüt und Duft.  

Da sind, soweit die Blicke gleiten, 
Altäre festlich aufgebaut, 
Und all die tausend Herzen läuten 
Zur Liebesfeier dringend laut.  

Der Lenz hat Rosen angezündet 
An Leuchtern von Smaragd im Dom; 
Und jede Seele schwillt und mündet 
Hinüber in den Opferstrom.

Nikolaus Lenau


29.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ausfahrt

Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen,
vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel, mit Singen
erhebt seine Schwingen;
ich fahr' in die Welt!

Mir ist zum Geleite
in lichtgold'nem Kleide
Frau Sonne bestellt;
sie wirft meinen Schatten
Auf blumige Matten.
ich fahr' in die Welt!

Mein Hutschmuck die Rose,
Mein Lager im Moose,
der Himmel mein Zelt!
Mag lauern und trauern,
Wer will, hinter Mauern;
ich fahr' in die Welt!

Viktor von Scheffel

22.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingsbote

Der Frühling weiß zu finden 
Mich tief in Stadt und Stein, 
Gießt mir ins Herz den linden 
Fröhlichen Hoffnungsschein.

Manch' grüne Wipfel lauschen 
Zwischen den Dächern vor, 
Ein Lerchenklang durch's Rauschen 
Der Stadt schlägt am mein Ohr. 

Ein Schmetterling als Bote 
Flattert im Wind vorbei, 
Hinschwebend über das todte 
Steinerne Einerlei.

Heinrich Seidel

 
 

15.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, 
Er flattert sehr und kann nicht heim. 
Ein schwarzer Kater schleicht herzu, 
Die Krallen scharf, die Augen gluh. 
Am Baum hinauf und immer höher 
Kommt er dem armen Vogel näher. 
Der Vogel denkt: Weil das so ist 
Und weil mich doch der Kater frisst, 
So will ich keine Zeit verlieren, 
Will noch ein wenig quinquilieren 
Und lustig pfeifen wie zuvor. 
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch

8.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

Max Dauthendey

1.April 2018 - Ostersonntag

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche 
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; 
Im Tale grünet Hoffnungsglück; 
Der alte Winter, in seiner Schwäche, 
Zog sich in raue Berge zurück. 
Von dorther sendet er, fliehend, nur 
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises 
In Streifen über die grünende Flur; 
Aber die Sonne duldet kein Weißes; 
Überall regt sich Bildung und Streben, 
Alles will sie mit Farben beleben; 
Doch an Blumen fehlt's im Revier, 
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen 
Nach der Stadt zurückzusehen. 
Aus dem hohlen finstern Tor 
Dringt ein buntes Gewimmel hervor. 
Jeder sonnt sich heute so gern. 
Sie feiern die Auferstehung des Herrn, 
Denn sie sind selber auferstanden. 
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, 
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, 
Aus Druck von Giebeln und Dächern, 
Aus der Straßen quetschender Enge; 
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht 
Sind sie alle ans Licht gebracht. 
Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge 
durch die Gärten und Felder zerschlägt, 
Wie der Fluss, in Breit' und Länge, 
So manchen lustigen Nachen bewegt, 
Und bis zum Sinken überladen 
Entfernt sich dieser letzte Kahn. 
Selbst von des Berges fernen Pfaden 
Blinken uns farbige Kleider an. 
Ich höre schon des Dorfs Gerümmel, 
Hier ist des Volkes wahrer Himmel, 
Zufrieden jauchzet groß und klein; 
Hier bin ich Mensch hier darf ich sein.

Johann Wolfgng von Goethe 
 

25.März 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An den Frühling

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!

Ei! ei! da bist ja wieder!
Und bist so lieb und schön!
Und freun wir uns so herzlich,
Entgegen dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?
Ei, Lieber, denke doch!
Dort liebte mich das Mädchen,
Und 's Mädchen liebt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen
Erbettelt' ich von dir -
Ich komm und bettle wieder,
Und du? - du gibst es mir?

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!
 
Friedrich Schiller

18.März 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 2)

Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht, 
Wenn ich mein Werk getan 
Und niemand mehr im Hause wacht, 
Die Stern' am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut 
Als Lämmer auf der Flur; 
In Rudeln auch, und aufgereiht 
Wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön; 
Ich seh’ die große Herrlichkeit 
Und kann mich satt nicht sehn ...

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust: 
“Es gibt was Bessers in der Welt 
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin, 
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn: 
Und sehne mich darnach.

Matthias Claudius