Gedicht der Woche

16.Mai2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Schatzgräber
 
Ein Winzer, der am Tode lag,
rief seine Kinder an und sprach:
In unserm Weinberg liegt ein Schatz;
grabt nur danach ! - An welchem Platz ?
Schrie alles laut den Vater an. -
Grabt nur ! - O weh ! Da starb der Mann.
 
Kaum war der Alte beigeschafft,
da grub man nach aus Leibeskraft.
Mit Hacke, Karst und Spaten ward
der Weinberg um und um gescharrt.
Da war kein Kloß, der ruhig blieb;
man warf die Erde gar durchs Sieb
Und zog die Harken kreuz und quer
nach jedem Steinchen hin und her.
Allein, da ward kein Schatz verspürt,
und jeder fühlt sich angeführt.
 
Doch kaum erschien das nächste Jahr,
so nahm man mit Erstaunen wahr,
dass jede Rebe dreifach trug.
Da wurden erst die Söhne klug
und gruben nun jahrein, jahraus
des Schatzes immer mehr heraus.
 
Gottfried August Bürger

9.Mai 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Einen Menschen wissen

Einen Menschen wissen,
der dich ganz versteht,
der in Bitternissen
immer zu dir steht,
der auch deine Schwächen liebt
weil du bist sein;
dann mag alles brechen
du bist nie allein.
 
Paula Dehmel

2.Mai 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingserde

Zur Rechten das Meer,
im Antlitz das Fjeld,
zu Häupten der Himmel,
zu Füßen die Welt.

Im Regen die See,
das Fjeld noch im Schnee,
der Himmel voll Gewölk –
doch der Grund, wo ich steh:
Frühlingserde.

Christian Morgenstern

25.April 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Birkenlegendchen

Birke, du schwankende, schlanke,
wiegend am blassgrünen Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag

Gott stand und formte der Pflanzen
endlos wuchernd Geschlecht,
schuf die Eschen zu Lanzen,
Weiden zum Schildegeflecht.

Gott schuf die Nessel zum Leide,
Alraunenwurzeln zum Scherz,
Gott schuf die Rebe zur Freude,
Gott schuf die Distel zum Schmerz.

Mitten in Arbeit und Plage
hat er ganz leise gelacht,
als an den sechsten der Tage,
als er an Eva gedacht.

Sinnend in göttlichen Träumen
gab seine Schöpfergewalt
von den mannhaften Bäumen
einem die Mädchengestalt.

Göttliche Hände im Spiele
lockten ihr blonden das Haar,
daß ihre Haut ihm gefiele,
seiden und schimmernd sie war.

Biegt sie und schmiegt sie im Winde
fröhlich der Zweigelein Schwarm,
wiegt sie, als liegt ihr ein Kinde
frühlingsglückselig im Arm.

Birke, du mädchenhaft schlanke,
schwankend am grünenden Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag!

Börries von Münchhausen

 
 

18.April 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Buch des Lebens

Hass, als Minus und vergebens,
Wird vom Leben abgeschrieben.
Positiv im Buch des Lebens
Steht verzeichnet nur das Lieben.
Ob ein Minus oder Plus
Uns verblieben, zeigt der Schluss.

Wilhelm Busch

11.April 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ans Ziel

Gestern ein Rieseln
Im weichen Eise,
Heute ein Bach
Auf der Frühlingsreise,
Gestern ein Kind
Mit Schleif und Band,
Heute Jungfrau
Im Festgewand; -
Wohin? Wer weiß?
Und wem der Preis?
Frage die Biene,
Wohin sie fliegt,
Frage die Hoffnung,
Wo Eden liegt.

Johann Georg Fischer


4.April 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Osterei

Hei, juchhei! Kommt herbei! 
Suchen wir das Osterei! 
Immerfort, hier und dort 
und an jedem Ort !

Ist es noch so gut versteckt, 
endlich wird es doch entdeckt. 
Hier ein Ei ! Dort ein Ei! 
Bald sind's zwei und drei!

Wer nicht blind, der gewinnt 
einen schönen Fund geschwind. 
Eier blau, rot und grau 
kommen bald zur Schau.

Und ich sag's, es bleibt dabei, 
gern such ich ein Osterei: 
Zu gering ist kein Ding, 
selbst kein Pfifferling.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

28.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ans Ziel

Gestern ein Rieseln
Im weichen Eise,
Heute ein Bach
Auf der Frühlingsreise,
Gestern ein Kind
Mit Schleif und Band,
Heute Jungfrau
Im Festgewand; -
Wohin? Wer weiß?
Und wem der Preis?
Frage die Biene,
Wohin sie fliegt,
Frage die Hoffnung,
Wo Eden liegt.

Johann Georg Fischer

21.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Märzbeginn

Ich lieb im Lenz die grauen, kühlen Tage:
Stillfröstelnd ruht die Welt, die wintersatte;
ein grüner Hauch verklärt die kahle Matte,
ein Glanz den dürren Knospenbaum im Hage. 

Als müsse jegliches Geräusch sich dämpfen!
Blanksaub're Wege, und spielfrohe Kinder,
und Veilchensucher...Sommer nicht, noch Winter;
Rasttage vor den harten Frühlingskämpfen.

In diese Stimmung passen Sonntagsklänge,
wie sie den Knaben feierlich umklungen:
Ich seh'noch drüben die Kurrendejungen,'
hör' vor der Schmiede die Choralgesänge.

Auf weißen Sand, den bis zur Tür man streute,
Großvater stand und ich; er summte leise:
"Komm, heil'ger Geist" - das Haupt gebückt, das greise;
aus off'nen Fenstern lauschten Nachbarsleute.

Die schwarze Schar zog weiter. Kinder kamen,
in jeder Faust ein Schlüsselblumen-Sträußchen;
und Bratenduft quoll rückwärts aus dem Häuschen.
Großvater stand und nickte: Amen! Amen! 

 Viktor Blüthgen

13.März 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zerstoben sind die Wolkenmassen...

Zerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn’ ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,
Das Aug' ist klar, der Sinn ist frei,
Und was nur je mein Herz entzückte,
Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh' betroffen,
Geblendet schier von all dem Licht:
Das alte, liebe, böse Hoffen –
Die Seele lässt es einmal nicht.

Theodor Fontane