Gedicht der Woche

22.November 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

 

Im Park
 
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise--ich atmete kaum--
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
 
Joachim Ringelnatz

 

 

15.November 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Blätterfall

Leise, windverwehte Lieder, 
mögt ihr fallen in den Sand! 
Blätter seid ihr eines Baumes, 
welcher nie in Blüte stand. 

Welke, windverwehte Blätter, 
Boten, naher Winterruh, 
fallet sacht! Ihr deckt die Gräber 
mancher toten Hoffnung zu.

Heinrich Leuthold

 
 
 

8.November 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Freude

Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern
Ein Leben lang.
 
Joachim Ringelnatz

1.November 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nebeltag

Nun weicht er nicht mehr von der Erde,
Der graue Nebel, unbewegt;
Er deckt das Feld und deckt die Herde,
Den Wald und was im Wald sich regt.

Er fällt des Nachts in schweren Tropfen
Durchs welke Laub von Baum zu Baum,
Als wollten Elfengeister klopfen
Den Sommer wach aus seinem Traum.

Der aber schläft, von kühlen Schauern
Tief eingehüllt, im Totenkleid.
O welch ein stilles, sanftes Trauern
Beschleicht das Herz in dieser Zeit!

Im Grund der Seele winkt es leise,
Und vom dahingeschwundnen Glück
Beschwört in ihrem Zauberkreise
Erinnrung uns den Traum zurück.

Hermann von Lingg

 
 
 

25.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

Goethe

18.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich halte ihr die Augen zu

Ich halte ihr die Augen zu
Und küß sie auf den Mund;
Nun läßt sie mich nicht mehr in Ruh,
Sie fragt mich um den Grund.

Von Abend spät bis Morgens fruh,
Sie fragt zu jeder Stund:
Was hältst du mir die Augen zu,
Wenn du mir küßt den Mund?

Ich sag ihr nicht, weshalb ichs tu,
Weiß selber nicht den Grund.
Ich halte ihr die Augen zu
Und küß ihr auf den Mund.

Heinrich Heine

11.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vor lauter Lauschen und Staunen

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, 
du mein tieftiefes Leben; 
dass du weißt, was der Wind dir will, 
eh noch die Birken beben. 

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach, 
lass deine Sinne besiegen. 
Jedem Hauche gib dich, gib nach, 
er wird dich lieben und wiegen. 

Und dann meine Seele sei weit, sei weit, 
dass dir das Leben gelinge, 
breite dich wie ein Federkleid 
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke


4.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Morgenlied

Kein Stimmlein noch schallt von allen
In frühester Morgenstund,
Wie still ist's noch in den Hallen
Durch den weiten Waldesgrund.

Ich stehe hoch überm Tale
Stille vor großer Lust,
Und schau nach dem ersten Strahle,
Kühl schauernd in tiefster Brust.

Wie sieht da zu dieser Stunde
So anders das Land herauf,
Nichts hör ich da in der Runde
Als von fern der Ströme Lauf.

Und ehe sich alle erhoben
Des Tages Freuden und Weh,
will ich, Herr Gott, dich loben
Hier einsam in stiller Höh. -

Nun rauschen schon stärker die Wälder,
Morgenlicht funkelt herauf,
Die Lerche singt über den Feldern,
Schöne Erde, nun wache auf!

Joseph von Eichendorff

27.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst

Rot wird das Laub am wilden Wein;
die Luft geht schon so herbstlich kühl.
Das Eichhorn sagt: „Jetzt fahr ich ein;
schon lose sitzt die Nuss am Stiel.“

Dem Sperling geht's nicht schlecht; er speist 
den ganzen Tag, bald hier, bald dort. .
Er sagt: "Die Schwalb' ist schon verreist,
gut, dass sie fort! Gut, dass sie fort!"

Im Garten um den Rosenstrauch,
da klingt ganz anders das Gered'!
Ein Blümlein spricht: "Merkt ihr's nicht auch? 
Es wird so trüb, so still und öd?

Das Bienchen flog doch sonst so flink
bei uns umher - wo ist es nun? 
Weiß eines was vom Schmetterling?
Der hatt' sonst hier so viel zu tun."

Ein zweites sagt: "Eh man's gedacht, 
kommt schon die Nacht und weilt so lang.
Wie lieblich war doch einst die Nacht!
Nun ist sie gar unheimlich bang.

Wie muss man warten morgens früh, 
bis dass die Sonn' guckt übern Zaun! 
Ach, und ganz anders wärmte sie,
als sie noch gern uns mochte schaun!"

Ein drittes drauf: "Mir sinkt der Mut;
der Morgentau, der ist so kalt!" 
Die Spinne sagt: "Es wird noch gut!"
Ach, wenn's nur würd'! Und würd's doch bald!

Nur einmal noch so, wie es war,
nur ein paar sonn'ge Tage noch!
's wird nicht mehr viel - ich seh es klar;
und leben, leben möcht' man doch!

Johannes Trojan

20.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Ecce Homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.
 
Friedrich Nietzsche