Gedicht der Woche

25.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

Goethe

18.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ich halte ihr die Augen zu

Ich halte ihr die Augen zu
Und küß sie auf den Mund;
Nun läßt sie mich nicht mehr in Ruh,
Sie fragt mich um den Grund.

Von Abend spät bis Morgens fruh,
Sie fragt zu jeder Stund:
Was hältst du mir die Augen zu,
Wenn du mir küßt den Mund?

Ich sag ihr nicht, weshalb ichs tu,
Weiß selber nicht den Grund.
Ich halte ihr die Augen zu
Und küß ihr auf den Mund.

Heinrich Heine

11.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vor lauter Lauschen und Staunen

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, 
du mein tieftiefes Leben; 
dass du weißt, was der Wind dir will, 
eh noch die Birken beben. 

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach, 
lass deine Sinne besiegen. 
Jedem Hauche gib dich, gib nach, 
er wird dich lieben und wiegen. 

Und dann meine Seele sei weit, sei weit, 
dass dir das Leben gelinge, 
breite dich wie ein Federkleid 
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke


4.Oktober 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Morgenlied

Kein Stimmlein noch schallt von allen
In frühester Morgenstund,
Wie still ist's noch in den Hallen
Durch den weiten Waldesgrund.

Ich stehe hoch überm Tale
Stille vor großer Lust,
Und schau nach dem ersten Strahle,
Kühl schauernd in tiefster Brust.

Wie sieht da zu dieser Stunde
So anders das Land herauf,
Nichts hör ich da in der Runde
Als von fern der Ströme Lauf.

Und ehe sich alle erhoben
Des Tages Freuden und Weh,
will ich, Herr Gott, dich loben
Hier einsam in stiller Höh. -

Nun rauschen schon stärker die Wälder,
Morgenlicht funkelt herauf,
Die Lerche singt über den Feldern,
Schöne Erde, nun wache auf!

Joseph von Eichendorff

27.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst

Rot wird das Laub am wilden Wein;
die Luft geht schon so herbstlich kühl.
Das Eichhorn sagt: „Jetzt fahr ich ein;
schon lose sitzt die Nuss am Stiel.“

Dem Sperling geht's nicht schlecht; er speist 
den ganzen Tag, bald hier, bald dort. .
Er sagt: "Die Schwalb' ist schon verreist,
gut, dass sie fort! Gut, dass sie fort!"

Im Garten um den Rosenstrauch,
da klingt ganz anders das Gered'!
Ein Blümlein spricht: "Merkt ihr's nicht auch? 
Es wird so trüb, so still und öd?

Das Bienchen flog doch sonst so flink
bei uns umher - wo ist es nun? 
Weiß eines was vom Schmetterling?
Der hatt' sonst hier so viel zu tun."

Ein zweites sagt: "Eh man's gedacht, 
kommt schon die Nacht und weilt so lang.
Wie lieblich war doch einst die Nacht!
Nun ist sie gar unheimlich bang.

Wie muss man warten morgens früh, 
bis dass die Sonn' guckt übern Zaun! 
Ach, und ganz anders wärmte sie,
als sie noch gern uns mochte schaun!"

Ein drittes drauf: "Mir sinkt der Mut;
der Morgentau, der ist so kalt!" 
Die Spinne sagt: "Es wird noch gut!"
Ach, wenn's nur würd'! Und würd's doch bald!

Nur einmal noch so, wie es war,
nur ein paar sonn'ge Tage noch!
's wird nicht mehr viel - ich seh es klar;
und leben, leben möcht' man doch!

Johannes Trojan

20.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Ecce Homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.
 
Friedrich Nietzsche
 
 
 

13.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ungeduld

Immer wieder in die Weite,
Über Länder an das Meer,
Phantasien, in der Breite
Schwebt am Ufer hin und her!
Neu ist immer die Erfahrung:
Immer ist dem Herzen bang,
Schmerzen sind der Jugend Nahrung,
Tränen seliger Lobgesang.
 
J. W. v. Goethe

6.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstlich sonnige Tage

Herbstlich sonnige Tage,
mir beschieden zur Lust,
euch mit leiserem Schlage
grüßt die atmende Brust

O wie waltet die Stunde
nun in seliger Ruh’! 
Jede schmerzende Wunde
schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
still an sich selber zu bau’n,
fühlt sich die Seele getrieben
und mit Liebe zu schau’n.

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemüh’n,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blüh’n.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel

 
 

30.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wanderlied

Wohlauf! noch getrunken den funkelnden Wein! 
Ade nun, ihr Lieben! geschieden muß sein. 
Ade nun, ihr Berge, du väterlich' Haus! 
Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus.

Die Sonne, sie bleibet am Himmel nicht stehn, 
Es treibt sie, durch Länder und Meere zu gehn. 
Die Woge nicht haftet am einsamen Strand, 
Die Stürme, sie brausen mit Macht durch das Land.

Mit eilenden Wolken der Vogel dort zieht 
Und singt in der Ferne ein heimatlich' Lied, 
So treibt es den Burschen durch Wälder und Feld, 
Zu gleich der Mutter, der wandernden Welt.

Da grüßen ihn Vögel bekannt überm Meer, 
Sie flogen von Fluren der Heimat hierher; 
Da duften die Blumen vertraulich um ihn, 
Sie trieben vom Lande die Lüfte dahin.

Die Vögel, die kennen sein väterlich' Haus, 
Die Blumen, die pflanzt er der Liebe zum Strauß, 
Und Liebe, die folgt ihm, sie geht ihm zur Hand: 
So wird ihm zur Heimt das ferneste Land.

Justinus Kerner

23.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sonne, Wind und Welle

Im warmen Sande lieg ich
nackt ... und brenne in der Sonne ...
und wie mit sammetweichen Tüchern flaggt der
Wind mir über die gelösten Glieder.

Ich höre auf das Lied der Wellen nebenan und
langsam fallen mir die Augen zu und gold- und pur-
purfarbene Wolken sinken auf mich nieder ...
Ich bin nicht Mensch mehr ... will nicht Mensch
mehr sein ...
ich bin nur Sonne, Wind und Welle ...
ein flüchtiger Zusammenklang von Tönen ...
und wenn der Tag verrinnt am weißen Strande,
verklinge ich zu neuem Lied, wie Sonne, Wind und Welle, 
leidlos, wunschlos in die blaue Nacht.

Cäsar Flaischlen