Gedicht der Woche

24.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Johannisfeuer

Auf den Bergen reiten Feuer,
Werfen sich wie Ungeheuer
In die Nachtluft, in den Raum;
Flammen stehen hell als Baum,
Rote Flügel sich entfachen,
Aus den Bergen fliegen Drachen,
Nichts hält mehr den Berg im Zaum.
Flammen sich wie Lieder wiegen —
Sonne hat die Nacht erstiegen.

Max Dauthendey

17.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
 
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
 
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt !
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Friedrich Hölderlin

10.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

Albin Zollinger

3.Juni 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

König Sommer

Nun fallen leise die Blüten ab,
Und die jungen Früchte schwellen.
Lächelnd steigt der Frühling ins Grab
Und tritt dem Sommer die Herrschaft ab,
Dem starken, braunen Gesellen.

König Sommer bereist sein Land
Bis an die fernsten Grenzen,
Die Ähren küssen ihm das Gewand,
Er segnet sie alle mit reicher Hand,
Wie stolz sie nun stehen und glänzen.

Es ist eine Pracht unterm neuen Herrn,
Ein sattes Genügen, Genießen,
Und jedes fühlt sich im innersten Kern
So reich und tüchtig. Der Tod ist so fern,
Und des Lebens Quellen fließen.

König Sommer auf rotem Ross
Hält auf der Mittagsheide,
Müdigkeit ihn überfloss,
Er träumt von einem weißen Schloss
Und einem König in weißem Kleide.

Gustav Falke

 
 
 

20.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Frühlingslied

Mit geheimnisvollen Düften
Grüßt vom Hang der Wald mich schon,
Über mir in hohen Lüften
Schwebt der erste Lerchenton.

In den süßen Laut versunken
Wall' ich hin durchs Saatgefild,
Das noch halb vom Schlummer trunken
Sanft dem Licht entgegenschwillt.

Welch ein Sehnen! welch ein Träumen!
Ach, du möchtest vorm Verglühn
Mit den Blumen, mit den Bäumen,
Altes Herz, noch einmal blühn.

Emanuel Geibel

 
 
 

13.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Der Jasminstrauch

Grün ist der Jasminenstrauch 
abends eingeschlafen. 
Als ihn, mit des Morgens Hauch, 
Sonnenlichter trafen, 
ist er schneeweiß aufgewacht, 
"Wie geschah mir in der Nacht?" 
Seht, so geht es Bäumen, 
die im Frühling träumen!

Friedrich Rückert 
 
 

6.Mai 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Liebesfeier

An ihren bunten Liedern klettert  
Die Lerche selig in die Luft; 
Ein Jubelchor von Sängern schmettert 
Im Walde, voller Blüt und Duft.  

Da sind, soweit die Blicke gleiten, 
Altäre festlich aufgebaut, 
Und all die tausend Herzen läuten 
Zur Liebesfeier dringend laut.  

Der Lenz hat Rosen angezündet 
An Leuchtern von Smaragd im Dom; 
Und jede Seele schwillt und mündet 
Hinüber in den Opferstrom.

Nikolaus Lenau


29.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ausfahrt

Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen,
vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel, mit Singen
erhebt seine Schwingen;
ich fahr' in die Welt!

Mir ist zum Geleite
in lichtgold'nem Kleide
Frau Sonne bestellt;
sie wirft meinen Schatten
Auf blumige Matten.
ich fahr' in die Welt!

Mein Hutschmuck die Rose,
Mein Lager im Moose,
der Himmel mein Zelt!
Mag lauern und trauern,
Wer will, hinter Mauern;
ich fahr' in die Welt!

Viktor von Scheffel

22.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingsbote

Der Frühling weiß zu finden 
Mich tief in Stadt und Stein, 
Gießt mir ins Herz den linden 
Fröhlichen Hoffnungsschein.

Manch' grüne Wipfel lauschen 
Zwischen den Dächern vor, 
Ein Lerchenklang durch's Rauschen 
Der Stadt schlägt am mein Ohr. 

Ein Schmetterling als Bote 
Flattert im Wind vorbei, 
Hinschwebend über das todte 
Steinerne Einerlei.

Heinrich Seidel

 
 

15.April 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, 
Er flattert sehr und kann nicht heim. 
Ein schwarzer Kater schleicht herzu, 
Die Krallen scharf, die Augen gluh. 
Am Baum hinauf und immer höher 
Kommt er dem armen Vogel näher. 
Der Vogel denkt: Weil das so ist 
Und weil mich doch der Kater frisst, 
So will ich keine Zeit verlieren, 
Will noch ein wenig quinquilieren 
Und lustig pfeifen wie zuvor. 
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch