Gedicht der Woche

24.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai 
Als alle Knospen sprangen, 
Da ist in meinem Herzen 
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai, 
Als alle Vögel sangen, 
Da hab ich ihr gestanden 
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine

17.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ludwig Hölty


10.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Neuer Frühling

Die Gartenzäune werden frisch gestrichen,
es riecht nach Farbe und nach Lenzbeginn,
und was der Wind bewahrt vom Winterlichen,
verliert allmählich Wichtigkeit und Sinn.
 
Die schönen Frauen wagen sich ins Freie,
zu leicht bekleidet schon und frieren sehr;
die schönste lotst mit heisrem Wollustschreie
ihr Hündchen durch den tödlichen Verkehr.
 
Die Omnibus-Chauffeure schmettern heiter
ein Lied, wie Sieger strahlend, hoch vom Bock.
Ein Roß geht närrisch durch mit seinem Reiter.
Buntscheckig sprüht der neue Häuserblock.
 
Sogar das Elendsviertel will sich  schmücken:
an trüben Fenstern grüßt ein junges Grün,
und meine Hoffnung baut sich Blumenbrücken
zur Sommerinsel, wo die Rosen blühn.
 
Max Herrmann-Neiße

3.Mai 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Von allen Zweigen

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.

Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

Ricarda Huch

26.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Auf einer Meierei

Auf einer Meierei, 
da war einmal ein braves Huhn
das legte, wie die Hühner tun
an jedem Tag ein Ei
und kakelte, mirakelte
mirakelte, spektakelte
spektakelte, mirakelte
als ob´s ein Wunder sei

Es war ein Teich dabei.
Darin ein braver Karpfen saß,
der stillvergnügt sein Futter fraß,
der hörte das Geschrei,
wie's kakelte, mirakelte,
mirakelte, spektakelte,
spektakelte, mirakelte,
als ob's ein Wunder sei.

Da sprach der Karpfen: "Ei!
Alljährlich leg ich 'ne Million
und rühm mich des mit keinem Ton.
Wenn ich um jedes Ei
so kakelte, mirakelte,
mirakelte, spektakelte,
spektakelte, mirakelte,
was gäb's für ein Geschrei!"

Heinrich Seidel

19.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

April

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum -
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
 
Theodor Storm

12.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 
Wenn's Frühling wird

Die ersten Keime sind, die zarten, 
im goldnen Schimmer aufgesprossen; 
schon sind die ersten der Karossen 
                                    im Baumgarten. 

Die Wandervögel wieder scharten 
zusamm sich an der alten Stelle, 
und bald stimmt ein auch die Kapelle 
                                      im Baumgarten. 

Der Lenzwind plauscht in neuen Arten 
die alten, wundersamen Märchen, 
und draußen träumt das erste Pärchen 
                                    im Baumgarten. 

Rainer Maria Rilke

 

 

5.April 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Was der Frühling alles tun muss

Erst die Sonne höher heben,
dann die Gräser grün anstreichen,
allen, die auf Erden leben,
brüderlich die Hände reichen,
 
Schlangen häuten, Schatten schwärzen,
Felder kämmen, auch die Wiesen,
sorgen, dass Kastanienkerzen
brennen, Weidenruten schießen,
 
für die Vögel Noten schreiben
und die Rosenblätter zählen,
mit den Kindern Unfug treiben,
Wäldern neue Farben wählen,
 
Käfern ihre Panzer putzen,
Zäunen guten Morgen sagen,
Tau als Schmuck für Gras benutzen,
Licht in Mauselöcher tragen,
 
weil die Bienen gern was hätten,
Honig in die Blüten stecken,
alle Katzenfelle glätten - 
und die Kinder morgens wecken!
 
Ja der Frühling hat zu tun,
und was machen wir denn nun?
 
Frantisek Halas
 
 

 

 

29.März 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Vorfrühling

Die blätterlosen Pappeln stehn so fein,
so schlank, so herb am abendfahlen Zelt.
Die Amseln jubeln wild und bergquellrein,
und wunderlich in Ahnung ruht die Welt. 

Gespenstische Gewölke, schwer und feucht,
zerschatten den noch ungesternten Raum
und Übergraun, im sinkenden Geleucht.
Gebirg und Grund, ein krauser, trunkner Traum.

Christian Morgenstern

22.März 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wie mit den Lebenszeiten

Wie mit den Lebenszeiten, 
so ist es auch mit den Tagen. 
Keiner ist uns genug, 
keiner ist ganz schön, und jeder hat, 
wo nicht seine Plage, 
doch seine Unvollkommenheit, 
aber rechne sie zusammen, 
so kommt eine Summe 
Freude und Leben heraus.

Friedrich Hölderlin