Gedicht der Woche

29.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der alte Narr

Ein Künstler auf dem hohen Seil,
Der alt geworden mittlerweil,
Stieg eines Tages vom Gerüst
Und sprach: Nun will ich unten bleiben
Und nur noch Hausgymnastik treiben,
Was zur Verdauung nötig ist.

Da riefen alle: Oh, wie schad!
Der Meister scheint doch allnachgrad
Zu schwach und steif zum Seilbesteigen!

Ha! denkt er, dieses wird sich zeigen!
Und richtig, eh der Markt geschlossen,
Treibt er aufs neu die alten Possen
Hoch in der Luft und zwar mit Glück,
Bis auf ein kleines Missgeschick.

Er fiel herab in großer Eile
Und knickte sich die Wirbelsäule

Der alte Narr! Jetzt bleibt er krumm!
So äußert sich das Publikum.

Wilhelm Busch

22.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.

August Hoffmann von Fallersleben

15.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Barbarossa

Der alte Barbarossa, 
Der Kaiser Friederich, 
Im unterird'schen Schlosse 
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben, 
Er lebt darin noch jetzt; 
Er hat, im Schloss verborgen, 
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen 
Des Reiches Herrlichkeit 
Und wird einst wiederkommen 
Mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern, 
Darauf der Kaiser sitzt; 
Der Tisch ist marmelsteinern, 
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse, 
Er ist von Feuersglut, 
Ist durch den Tisch gewachsen, 
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume, 
Sein Aug' halb offen zwinkt, 
Und je nach langem Raume 
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben: 
"Geh hin vors Schloss, o Zwerg, 
Und sieh, ob noch die Raben 
Herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben 
Noch fliegen immerdar, 
So muss ich auch noch schlafen 
Verzaubert hundert Jahr."

Friedrich Rückert

8.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Erlen

Wo hier aus den felsichten Grüften
Das silberne Bächelchen rinnt,
Umflattert von scherzenden Lüften
Des Maies die Reize gewinnt,

Um welche mein Mädchen es liebt
Das Mädchen so rosicht und froh
Und oft mir ihr Herzchen hier gibt,
Wenn städtisches Wimmeln sie floh;

Da wachsen auch Erlen, sie schatten
Uns beide in seliger Ruh,
Wenn wir von der Hitze ermatten
Und sehen uns Fröhlichen zu.

Aus ihren belaubeten Zweigen
Ertönet der Vögel Gesang
Wir sehen die Vögelchen steigen
Und flattern am Bache entlang.

O Erlen, o wachset und blühet
Mit unserer Liebe doch nur
Ich wette, in kurzer Zeit siehet
Man euch als die Höchsten der Flur.

Und kommet ein anderes Pärchen,
Das herzlich sich liebet wie wir
Ich und mein goldlockiges Klärchen,
So schatte ihm Ruhe auch hier.

Novalis

1.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ludwig Hölty

24.April 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Häslein

Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.
 
Plötzlich rauscht das nasse Gras -
stille! nicht gemuckt! - :
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has ...
 
Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?
 
Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.
 
Ohne Atem lieg ich fast,
lass die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen ...
 
Um uns beide - tropf - tropf - tropf -
traut eintönig Rauschen ...
Auf dem Schirmdach - klopf - klopf - klopf.
Und wir lauschen ... lauschen ...
 
Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnuppert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;
 
schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken ...
Herzlich hab ich aufgelacht -:
Ei! der wilde Schrecken!

Christian Morgenstern

3.April 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt

Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, 
da prüft er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, 
ihr Vaterunser, Einmaleins und was man lernte mehr; 
zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her. 
Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen; 
zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißgen und die Braven. 
Da stand im groben Linnenkeid manch schlichtes Bürgerkind, 
manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind. 
Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke, 
und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke. 
Da stand in pelzverbrämtem Rock manch feiner Herrensohn, 
manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron. 
Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank, ihr frommen 
Knaben! 
Ihr sollt an mir den gnädgen Herrn, den gütgen Vater haben; 
und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid - 
in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.« 
Dann blitzt sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel: 
»Ihr Taugenichtse, bessert euch! Ihr schändet euern Adel. 
Ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht! 
Ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht.« 
Da sah man manches Kinderaug ihn frohem Glanze leuchten 
und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten. 
Und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt, 
wenn heute Karl Kaiser Karl gelobet und wen er ausgeschmält. 
Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten, 
im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten: 
den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, dem Stand nach dem Verstand! 
So steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.

Karl Gerok


27.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht: 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 
ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah.


Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, 
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut!


Dich sah ich, und die milde Freude 
Floss von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht!


Doch ach, schon mit der Morgensonne 
Verengt der Abschied mir das Herz: 
In deinen Küssen welche Wonne! 
In deinem Auge welcher Schmerz! 
Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! 
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Goethe

20.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kuckuck, Kuckuck

Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald.
Lasset uns singen, tanzen und springen.
Frühling, Frühling wird es nun bald.

Kuckuck, Kuckuck läßt nicht sein Schrei'n:
Komm in die Felder, Wiesen und Wälder.
Frühling, Frühling, stelle dich ein.

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held.
Was du gesungen, ist dir gelungen.
Winter, Winter räumet das Feld.

Hoffmann von Fallersleben

 
 
 

13.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingstheater


Die Schneeglöckchen, 
ohne Furcht vor der grimmigsten Kälte, 
spitzen fleißig nach oben. 
Sie müssen sich tummeln, 
dass sie fertig sind, 
eh das Gesträuch überher Blätter kriegt 
und ihnen die Sonne benimmt. 
Das Frühlingstheater wäre also auch wieder mal eröffnet.

Wilhelm Busch