Gedicht der Woche

20.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Ecce Homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.
 
Friedrich Nietzsche
 
 
 

13.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ungeduld

Immer wieder in die Weite,
Über Länder an das Meer,
Phantasien, in der Breite
Schwebt am Ufer hin und her!
Neu ist immer die Erfahrung:
Immer ist dem Herzen bang,
Schmerzen sind der Jugend Nahrung,
Tränen seliger Lobgesang.
 
J. W. v. Goethe

6.September 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstlich sonnige Tage

Herbstlich sonnige Tage,
mir beschieden zur Lust,
euch mit leiserem Schlage
grüßt die atmende Brust

O wie waltet die Stunde
nun in seliger Ruh’! 
Jede schmerzende Wunde
schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
still an sich selber zu bau’n,
fühlt sich die Seele getrieben
und mit Liebe zu schau’n.

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemüh’n,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blüh’n.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel

 
 

30.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wanderlied

Wohlauf! noch getrunken den funkelnden Wein! 
Ade nun, ihr Lieben! geschieden muß sein. 
Ade nun, ihr Berge, du väterlich' Haus! 
Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus.

Die Sonne, sie bleibet am Himmel nicht stehn, 
Es treibt sie, durch Länder und Meere zu gehn. 
Die Woge nicht haftet am einsamen Strand, 
Die Stürme, sie brausen mit Macht durch das Land.

Mit eilenden Wolken der Vogel dort zieht 
Und singt in der Ferne ein heimatlich' Lied, 
So treibt es den Burschen durch Wälder und Feld, 
Zu gleich der Mutter, der wandernden Welt.

Da grüßen ihn Vögel bekannt überm Meer, 
Sie flogen von Fluren der Heimat hierher; 
Da duften die Blumen vertraulich um ihn, 
Sie trieben vom Lande die Lüfte dahin.

Die Vögel, die kennen sein väterlich' Haus, 
Die Blumen, die pflanzt er der Liebe zum Strauß, 
Und Liebe, die folgt ihm, sie geht ihm zur Hand: 
So wird ihm zur Heimt das ferneste Land.

Justinus Kerner

23.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sonne, Wind und Welle

Im warmen Sande lieg ich
nackt ... und brenne in der Sonne ...
und wie mit sammetweichen Tüchern flaggt der
Wind mir über die gelösten Glieder.

Ich höre auf das Lied der Wellen nebenan und
langsam fallen mir die Augen zu und gold- und pur-
purfarbene Wolken sinken auf mich nieder ...
Ich bin nicht Mensch mehr ... will nicht Mensch
mehr sein ...
ich bin nur Sonne, Wind und Welle ...
ein flüchtiger Zusammenklang von Tönen ...
und wenn der Tag verrinnt am weißen Strande,
verklinge ich zu neuem Lied, wie Sonne, Wind und Welle, 
leidlos, wunschlos in die blaue Nacht.

Cäsar Flaischlen

16.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Hörst du wie die Brunnen rauschen, 
Hörst du wie die Grille zirpt? 
Stille, stille, lass uns lauschen, 
Selig, wer in Träumen stirbt. 
Selig, wen die Wolken wiegen, 
Wem der Mond ein Schlaflied singt, 
O wie selig kann der fliegen, 
Dem der Traum den Flügel schwingt, 
Dass an blauer Himmelsdecke 
Sterne er wie Blumen pflückt: 
Schlafe, träume, flieg', ich wecke 
Bald dich auf und bin beglückt.

Clemens Brentano

9.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Kletterbüblein

Steigt das Büblein auf den Baum,
ei, so hoch, man sieht es kaum!
Schlüpft von Ast zu Ästchen,
hüpft zum Vogelnestchen
Ui! da lacht es,
hui! Da kracht es -
plumps, da liegt es drunten.

Friedrich Güll

2.August 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

Sommergesang

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

........

Paul Gerhardt


26.Juli 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Hochsommer

Von des Sonnengotts Geschossen
Liegen Wald und Flur versengt,
Drüber, wie aus Stahl gegossen,
Wolkenlose Bläue hängt.

In der glutgeborstnen Erde
Stirbt das Saatkorn, durstig ächzt
Am versiegten Bach die Herde,
Und der Hirsch im Forste lechzt.

Kein Gesang mehr in den Zweigen!
Keine Lilie mehr am Rain! -
O wann wirst du niedersteigen,
Donnerer, wir harren dein.

Komm, o komm in Wetterschlägen!
Deine Braut vergeht vor Weh -
Komm herab im goldnen Regen
Zur verschmachtenden Danae!

Emanuel Geibel

19.Juli 2020

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, dass 
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie 
hinheben über dich zu anderen Dingen? 
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas 
Verlorenem im Dunkel unterbringen 
an einer fremden stillen Stelle, die 
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. 
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, 
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, 
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. 
Auf welches Instrument sind wir gespannt? 
Und welcher Geiger hat uns in der Hand? 
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke