Gedicht der Woche

19.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Glück, das glatt ...

Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,
Tauscht in Sekunden seine Pfade,
Ist heute mir, dir morgen hold
Und treibt die Narrenrund im Rade.
Lass fliehn, was sich nicht halten lässt;
Den leichten Schmetterling lass schweben,
Und halte nur dich selber fest:
Du hältst das Schicksal und das Leben.

Ernst Moritz Arndt

12.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Herbstlaub

Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder,
schon wird es düster, rau und kalt.
Das Herbstlaub fällt, es mahnt uns wieder,
die Zeit entflieht, wir werden alt.

Noch einmal möchte es fern umsäumen
die Liebe meines Herzensraum,
An deinem Herzen lass mich träumen,
O gönne mir den Frühlingstraum.

 Das Herbstlaub fällt zur Erde nieder
und bleicher wird der Sonne Schein.
Die Vöglein singen Abschiedslieder,
verödet stehen Flur und Hain.

Da rauscht es in des Waldes Räumen,
ein Flüstern geht von Baum zu Baum
An deinem Herzen lass mich träumen
O, gönne mir den Frühlingstraum.

Heinrich Pfeil

5.November 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.
Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
 
Clara Müller-Jahnke

29.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!
 
Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Christian Morgenstern

22.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Beherzigung

Feiger Gedanken 
bängliches Schwanken, 
weibisches Zagen, 
ängstliches Klagen 
wendet kein Elend, 
macht dich nicht frei.

Allen Gewalten 
zum Trutz sich erhalten, 
nimmer sich beugen, 
kräftig sich zeigen 
rufet die Arme 
der Götter herbei.

Goethe

15.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbstgefühl

Müder Glanz der Sonne! 
Blasses Himmelblau! 
Von verklungner Wonne 
Träumet still die Au.


An der letzten Rose 
Löset lebenssatt 
Sich der letzte lose, 
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben 
Schleicht sich durch den Hain! 
Auch Vergehn'n und Sterben 
Deucht mir süß zu sein.

Karl Gerok

8.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Auf dem Wasser

Über mir ein unermesslich Blauen
Keines Vogels Zug, kein Wolkengrauen
Während meines Bootes dünne Planken
Ob des Sees grünem Abgrund schwanken.
Drunten wacht der Tod. In lichten Weiten
Träumt die Ewigkeit von fernen Zeiten.
Hier im leichten Kahn ein kurzes Schweben
zwischen nichts und nichts
- ein Menschenleben.

 
Heinrich Bulthaupt

1.Oktober 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die wandelnde Glocke

Es war ein Kind, das wollte nie 
Zur Kirche sich bequemen, 
Und sonntags fand es stets ein Wie, 
Den Weg ins Feld zu nehmen.

Die Mutter sprach: »Die Glocke tönt, 
Und so ist dir's befohlen, 
Und hast du dich nicht hingewöhnt, 
Sie kommt und wird dich holen.«

Das Kind, es denkt: Die Glocke hängt 
Da droben auf dem Stuhle. 
Schon hat's den Weg ins Feld gelenkt, 
Als lief' es aus der Schule.

Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, 
Die Mutter hat gefackelt. 
Doch welch ein Schrecken! Hinterher 
Die Glocke kommt gewackelt.

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; 
Das arme Kind im Schrecken, 
Es läuft, es kommt als wie im Traum: 
Die Glocke wird es decken.

Doch nimmt es richtig seinen Husch, 
Und mit gewandter Schnelle 
Eilt es durch Anger, Feld und Busch 
Zur Kirche, zur Kapelle.

Und jeden Sonn- und Feiertag 
Gedenkt es an den Schaden, 
Lässt durch den ersten Glockenschlag, 
Nicht in Person sich laden.

Johann Wolfgang von Goethe

 

24.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst

Nun kommen die letzten klaren Tage
Einer müderen Sonne.
Bunttaumelnde Pracht,
Blatt bei Blatt.
So heimisch raschelt
Der Fuß durchs Laub.
O du liebes, weitstilles Farbenlied!
Du zarte, umrißreine Wonne!
Komm!
Ein letztes Sonnenblickchen
Wärmt unser Heim.
Da wollen wir sitzen,
Still im Stillen,
Und in die müden Abendfarben sehn.
Da wollen wir beieinander sitzen
In Herbstmonddämmer hinein
Und leise
Verlorene Worte plaudern.
 
Johannes Schlaf

17.September 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Anders sein

Anders sein und anders scheinen,
anders reden, anders meinen,
alles loben, alles tragen,
allen heucheln, stets behagen,
allem Winde Segel geben,
Bös' und Guten dienstbar leben,
alles Tun und alles Dichten
bloß auf eignen Nutzen richten:
wer sich dessen will befleißen,
kann politisch heuer heißen.

Friedrich von Logau