Gedicht der Woche

22.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Glückliche Fahrt

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel wird helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer,
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!

J.W.v. Goethe

 

 

15.September

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An vollen Büschelzweigen

An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh nur hin!
Lass dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich;
Ein Ast, der schaukelnd wallet,
Wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von innen
Und schwillt der braune Kern;
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt, und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoß.

Johann Wolfgang von Goethe


8.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sonniger Nachmittag


Ein Ast wiegt mich im tiefen Blau. 
Im tollen, herbstlichen Blattgewirr 
Flimmern Falter, berauscht und irr. 
Axtschläge hallen in der Au.

In roten Beeren verbeißt sich mein Mund 
Und Licht und Schatten schwanken im Laub.
Stundenlang fällt goldener Staub 
Knisternd in den braunen Grund.

Die Drossel lacht aus den Büschen her 
Und toll und laut schlägt über mir 
Zusammen das herbstliche Blattgewirr -
Früchte lösen sich leuchtend und schwer.

Georg Trakl 
 
 

1.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz 

25.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Ich liebe dich

Ich liebe dich, weil ich dich lieben muss 
Ich liebe dich, weil ich nicht anders kann 
Ich liebe dich nach einem Himmelsschluss 
Ich liebe dich durch einen Zauberbann. 

Dich liebe ich, wie die Rose ihren Strauch 
Dich liebe ich, wie die Sonne ihren Schein 
Dich liebe ich, weil du bist mein Lebenshauch 
Dich liebe ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Friedrich Rückert

 

 

18.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Spruch des Konfuzius

Dreifach ist der Schritt der Zeit: 
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, 
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, 
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt 
Ihren Schritt, wenn sie verweilt. 
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt 
Ihren Lauf, wenn sie enteilt. 
Keine Reu, kein Zaubersegen 
Kann die Stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise 
Endigen des Lebens Reise, 
Nimm die Zögernde zum Rat, 
Nicht zum Werkzeug deiner Tat. 
Wähle nicht die Fliehende zum Freund, 
Nicht die Bleibende zum Feind.

Friedrich Schiller

11.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Der Zufriedne

Vielfach ist der Menschen Streben, 
Ihre Unruh, ihr Verdruß; 
Auch ist manches Gut gegeben, 
Mancher liebliche Genuß; 
Doch das größte Glück im Leben 
Und der reichlichste Gewinn 
Ist ein guter leichter Sinn.

Goethe

4.August 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Es kann die Ehre dieser Welt

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.

Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Theodor Fontane

 

 
 

28.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land, 
Lehnt träumend an der Berge Wand, 
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor, 
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr 
Vom Tage, 
Vom heute gewesenen Tage. 

Das uralt alte Schlummerlied, 
Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; 
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, 
Der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch. 
Doch immer behalten die Quellen das Wort, 
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort 
Vom Tage, 
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

21.Juli 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Vormittag

Der Wind singt sein Schlaflied
mit träumendem Rauschen,
die Blätter umschmeichelt er weich.
Ich laß mich verführen, dem Liede zu lauschen,
und fühl' mich den Gräsern gleich.

Es schauern die Lüfte
und kühlen mein heißes,
in Sehnsucht gehülltes Gesicht.
Die ziehenden Wolken verstreuen ihr weißes,
der Sonne gestohlenes Licht.

Die alte Akazie
verrieselt ihr Schweigen
in zitterndem Blättergewirr.
Die Düfte der Erde erheben sich, steigen
und fallen dann wieder zu mir.

Selma Meerbaum-Eisinger