Gedicht der Woche

9.Dezember 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Christmarkt vor dem Berliner Schloss

Welch lustiger Wald um das hohe Schloss
hat sich zusammengefunden,
ein grünes, bewegliches Nadelgehölz,
von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint
das Rauschgold durch die Wipfel;
hier zurückt man Kuchen, dort brät man Wurst,
das Rüchlein zieht an die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
das Volk erfüllet die Räume;
die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
die fällen am frohesten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
zu überreichen Geschenken,
der andre einen gewaltigen Strauch,
drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
ein Weib mit scharfen Waffen;
der dünne Silberling soll zugleich
den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
die schwere Tanne von hinnen;
das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
und wiegt sich im Gaslichtscheine;
bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
vorüber dem Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
im düstern Bergesbanne
stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön
die Sterne aufgegangen;
am untersten Ast sah man entsetzt
die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
das festlich still verkläret;
weil auf der Welt sie nichts besaß,
hatt´ sie sich selbst bescheret.

 Gottfried Keller

2.Dezember 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Lied im Advent

Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns so sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen!

Matthias Claudius

25.November 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Guter Mond

Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin.
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jene Bahn dich zieh'n.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein
Und dein Schimmer gieße Frieden
Ins bedrängte Herz hinein!

Guter Mond, o gieße Frieden
In das arme Menschenherz.
Wende von dem Schmerz hienieden
Uns're Seele himmelwärts.
Mild und freundlich schaust du nieder
Von des Himmels blauem Zelt,
Und es tönen unsre Lieder
Hell hinauf zum Herrn der Welt.

Guter Mond du wandelst leise
An dem blauen Himmelszelt,
Wo dich Gott zu seinem Preise
Hat als Leuchte hingestellt
Blicke traulich zu uns nieder
Durch die Nacht aufs Erdenrund.
Als ein treuer Menschenhüter
Tust du Gottes Liebe kund.

Guter Mond, dir will ich's sagen,
Was mein banges Herze kränkt,
Und an wen mit bittren Klagen
Die betrübte Seele denkt!
Guter Mond, du kannst es wissen,
Weil du so verschwiegen bist,
Warum meine Tränen fließen
Und mein Herz so traurig ist.

Ach, dass auch in uns're Herzen
Himmelsruhe zöge ein,
Dass wir immer frei von Schmerzen,
Stets zufrieden möchten sein!
Sanft umströmet uns dein Schimmer,
Klarer milder Mondenschein
Menschenherz, o dass du immer
Wärst wie dieses Licht so rein!

Karl Enslin

18.November 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl' ich, wird mein Auge heller,
schon versucht ein Stern zu funkeln
und die Grillen klingen schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Dehmel

 

11.November 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

In Herbstestagen

In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel 
Der Reiher durch den Nebelduft. 
Wie still es ist, kaum hör’ ich um den Hügel 
Noch einen Laut in weiter Luft.

Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone 
Ruht sich ein Wanderfalke aus. 
Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne 
Äugt er durchdringend scharf hinaus.

 Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte 
Schleicht neben seinem Wagen Torf. 
Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte 
Der alte Schimmel ihn ins Dorf.

Detlev von Liliencron

4.November 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Lureley

Singet leise, leise, leise, 
Singt ein flüsternd Wiegenlied, 
Von dem Monde lernt die Weise, 
Der so still am Himmel zieht.

Denn es schlummern in dem Rheine 
Jetzt die lieben Kindlein klein, 
Amelya wacht alleine 
Weinend in dem Mondenschein.

Singt ein Lied so süß gelinde, 
Wie die Quellen auf den Kieseln, 
Wie die Bienen um die Linde 
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.

Clemens Brentano

28.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Blätterfall

Leise, windverwehte Lieder, 
mögt ihr fallen in den Sand! 
Blätter seid ihr eines Baumes, 
welcher nie in Blüte stand. 

Welke, windverwehte Blätter, 
Boten, naher Winterruh, 
fallet sacht! Ihr deckt die Gräber 
mancher toten Hoffnung zu.

Heinrich Leuthold

21.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Schöner Herbst


Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig,
weiß Gott: ein Vormittag, so find ich,
wie man ihn oft erleben mag.

Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle
gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.

Ich hocke in der großen Stadt:
und siehe, durchs Mansardenfenster
bedräuen mich die Luftgespenster ...
Und ich bin müde, satt und matt.

Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand wär es im Herbst viel schöner
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner
und eine alte Operett!

Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen,
das Geld hat manches schon verbogen ...
Das ist ein sündhaft blauer Tag!

Kurt Tucholsky

14.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Kritik der Weltschöpfung

Wenn ich der liebe Herrgott wär',
dann würde ich mich schämen
und diese Welt verbessert neu
zu schaffen mich bequemen.

Denn wahrlich, recht misslungen scheint
sie mir in manchem Teile,
was mich durchaus nicht wundernimmt,
denk' ich der großen Eile,

in der Gott dies, sein Erstlingswerk,
vollbracht in nur sechs Tagen,
anstatt mit seiner Schöpfung sich
noch manches Jahr zu plagen. —

Das Welterschaffen ist wohl schwer!
Drum, wenn ich's recht betrachte,
muss ich gesteh'n, dass einzelnes
Gott nicht so übel machte.

Zu früh nur fand er alles gut
mit selbstgefäll'ger Miene.
Nicht leugnen lässt sich sein Talent,
ihm fehlte bloß Routine.

Maximilian Bern

 

7.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Jüngling liebt ein Mädchen

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine