Gedicht der Woche

16.Juli 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Kornfeld

Was ist schöner als ein Feld, 
wenn die Halme, all die schlanken, 
leise schwanken 
und ein Halm den anderen hält? 

Wenn im Korn die Blumen blühn, 
leuchtend rot und blau dazwischen, 
und sich mischen 
lieblich in das sanfte Grün? 

Wenn es flüsternd wogt und wallt, 
Lerchen sich daraus erheben, 
drüber schweben, 
und ihr Lied herniederschallt? 

Dann den schmalen Pfad zu gehen 
Durch das Korn, welch eine Wonne! 
Nur die Sonne, 
nur die Lerche kann uns sehn.

Johannes Trojan

9. Juli 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mittagsstille

Am Waldsaum lieg ich im Stillen,
rings tiefe Mittagsruh,
nur Lerchen hör ich und Grillen
und summende Käfer dazu.

Die Falter flattern im Kreise,
kein Blatt rührt sich am Baum,
die Gräser beugen sich leise;
halb wach ich, halb lieg ich im Traum.

Martin Greif

2.Juli 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne, 
Am Fenster ich einsam stand 
Und hörte aus weiter Ferne 
Ein Posthorn im stillen Land. 
Das Herz mir im Leib entbrannte, 
Da hab' ich mir heimlich gedacht: 
Ach, wer da mitreisen könnte 
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen 
Vorüber am Bergeshang, 
Ich hörte im Wandern sie singen 
Die stille Gegend entlang: 
Von schwindelnden Felsenschlüften, 
Wo die Wälder rauschen so sacht, 
Von Quellen, die von den Klüften 
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorgebildern, 
Von Gärten, die überm Gestein 
In dämmernden Lauben verwildern, 
Palästen im Mondenschein, 
Wo die Mädchen am Fenster lauschen, 
Wann der Lauten Klang erwacht 
Und die Brunnen verschlafen rauschen 
In der prächtigen Sommernacht.

Joseph von Eichendorff

25.Juni 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Weltanschauung

Der Sommer färbt die Äpfel rot,
die Trauben und die Beeren.
Der Mohn in Farbenflammen loht,
sein Leuchten zu entzünden droht
die strahlend gelben Ähren.

Nur Farbenpracht, wohin man schaut,
wohin man hört, ein Klingen.
Der weite Sommerhimmel blaut,
in lichten Höhen jubelnd laut
die kleinen Lerchen singen.

Der Maulwurf in der Erde gräbt,
weiß nichts von diesen Dingen.
Er hat das Schöne nie erlebt.
Der Finsterling nach unten strebt
und wühlt nach Engerlingen.

Es findet jeder, wie er kann,
auf seine Art Erbauung.
Schaut man die Welt von oben an –
von unten – so hat jedermann
die beste Weltanschauung.

Fred Endrikat

 
 

18.Juni 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz 

11.6.2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; -
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin
Und ziehe selig mit durch ewge Räume.

Hermann Allmers

4.6.2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Pfingstlied

Pfingsten ist heut‘ , und die Sonne scheint, 
und die Kirschen blühn, und die Seele meint, 
sie könne durch allen Rauch und Duft 
aufsteigen in die goldne Luft.
 
Jedes Herz in Freude steht, 
von neuem Geist frisch angeweht. 
Und hoffnungsvoll aus Tür und Tor 
steckt’s einen grünen Zweig hervor.
 
Gustav Falke

28.Mai 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Aufatmen 1

Grüne Tannen, bunte Blumen,
Blauer Himmel, Luft und Duft,
Silberhelle Wasser rieseln
Aus der grauen Felsenkluft.

Helle Sonnenlichter zittern
Spielend auf dem feuchten Grund,
Und der Vögel heimlich Zwitschern
Gleicht dem Wort aus liebem Mund.

Grüne Tannen – kleine Vögel,
Ach, – ihr kennt ein Zauberwort – –
Euer Rauschen, euer Zwitschern
Scheucht die alten Schmerzen fort!

 Ada Christen
 
 

21.Mai.2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Lichtlein auf der Wiese

Lichtlein auf der Wiese 
blas' ich alle aus, 
und es fliegen Sternchen 
in die Welt hinaus, 
schweben in der Sonne, 
schweben auf und nieder. 
Nächstes Jahr zur Frühlingszeit 
gibt's neue Lichtlein 
wieder. _ 
Doch zuerst, du wirst es sehn, 
wird die Wiese, wird die Wiese 
ganz in Gold, in Golde stehn.

E.Vogel

14.Mai 2017

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Selbstgeständnis

Ich bin meiner Mutter einzig Kind, 
Und weil die andern ausblieben sind, 
Was weiß ich wie viel, die Sechs oder Sieben, 
Ist eben alles an mir hängen blieben; 
Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte
Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen, 
Ich will's mein Lebtag nicht vergessen. 
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen, 
Hätt' ich nur auch Schläg' für Sechse bekommen.

Eduard Mörike