Gedicht der Woche

14.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Kritik der Weltschöpfung

Wenn ich der liebe Herrgott wär',
dann würde ich mich schämen
und diese Welt verbessert neu
zu schaffen mich bequemen.

Denn wahrlich, recht misslungen scheint
sie mir in manchem Teile,
was mich durchaus nicht wundernimmt,
denk' ich der großen Eile,

in der Gott dies, sein Erstlingswerk,
vollbracht in nur sechs Tagen,
anstatt mit seiner Schöpfung sich
noch manches Jahr zu plagen. —

Das Welterschaffen ist wohl schwer!
Drum, wenn ich's recht betrachte,
muss ich gesteh'n, dass einzelnes
Gott nicht so übel machte.

Zu früh nur fand er alles gut
mit selbstgefäll'ger Miene.
Nicht leugnen lässt sich sein Talent,
ihm fehlte bloß Routine.

Maximilian Bern

 

7.Oktober 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Ein Jüngling liebt ein Mädchen

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine

 

30.September 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Dsas Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder. 
Aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wider. 

Und den Fluss hinauf, hinunter zieh´n die Schatten tapfrer Goten, 
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben, 
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben. 

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette. 
Um die Strömung abzuleiten gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, 
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe, 
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe. 

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen. 
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern "Schlaf in deinen Heldenehren! 
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!" 

Sangen´s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere. 
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

August von Platen

23.September 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,  
wird an einer Straßenbeuge  
und von einem Kraftfahrzeuge  
überfahren.  

"Wie war" (spricht er, sich erhebend  
und entschlossen weiterlebend)  
"möglich, wie dies Unglück, ja-:  
dass es überhaupt geschah?  

Ist die Staatskunst anzuklagen  
in Bezug auf Kraftfahrwagen?  
Gab die Polizeivorschrift  
hier dem Fahrer freie Trift?  

Oder war vielmehr verboten,  
hier Lebendige zu Toten  
umzuwandeln, -kurz und schlicht:  
Durfte hier der Kutscher nicht-?  

Eingehüllt in feuchte Tücher,  
prüft er die Gesetzesbücher  
und ist alsobald im klaren:  
Wagen durften dort nicht fahren!  

Und er kommt zu dem Ergebnis:  
Nur ein Traum war das Erlebnis.  
Weil, so schließt er messerscharf,  
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern

16.September 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Vom schlafenden Apfel

Im Baum im grünen Bettchen 
hoch oben sich ein Apfel wiegt; 
der hat so rote Bäckchen, 
man sieht's, dass er im Schlafe liegt.

Ein Kind steht unterm Baume 
das schaut und schaut und ruft hinauf: 
"Ach Apfel, komm herunter! 
Hör endlich mit dem Schlafen auf!"

Es hat ihn so gebeten; 
glaubt ihr, er wäre aufgewacht? 
Er rührt sich nicht im Bette, 
sieht aus, als ob im Schlaf er lacht.

Da kommt die liebe Sonne 
am Himmel hoch daherspaziert. 
"Ach Sonne, liebe Sonne, 
mach du, dass sich der Apfel rührt!"

Die Sonne spricht: "Warum nicht?" 
Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht, 
küsst ihn dazu so freundlich; 
der Apfel aber rührt sich nicht.

Nun schau, da kommt ein Vogel 
und setzt sich auf den Baum hinauf. 
"Ei, Vogel du musst singen; 
gewiss, gewiss, das weckt ihn auf!"

Der Vogel wetzt den Schnabel 
und singt ein Lied so wundernett 
und singt aus voller Kehle; 
der Apfel rührt sich aber nicht im Bett.

Und wer kam nun gegangen? 
Es war der Wind; den kenn ich schon:
der küsst nicht und der singt nicht; 
der pfeift aus einem andern Ton.

Er stemmt in beide Seiten 
die Arme, bläst die Backen auf 
und bläst und bläst und richtig, 
der Apfel wacht erschrocken auf.

Und springt vom Baum herunter 
grad in die Schürze von dem Kind;
das hebt ihn auf und freut sich 
und ruft: "Ich danke schön, Herr Wind!"

Robert Reinick

9.September 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Schulreime

Hörst Du's schlagen halber acht?
Gleich das Buch zurechtgemacht!
Schau, schon rudelts, groß und klein,
dick und dünn zur Schul hinein.
Willst Du gar der Letzte sein?

Schnell die Mappe übern Kopf
Und die Kappe auf den Schopf! 
Und nun spring und lern' recht viel.
Wer sich tummelt kommt ans Ziel.

Friedrich Güll 
 
 

2.September 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde 
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte! 
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte, 
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube! 
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde! 
Die trunknen Wespen summen in die Runde: 
"Genug ist nicht genug!" um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen 
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses, 
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses, 
Genug kann nie und nimmermehr genügen!

Conrad Ferdinand Meyer 
 

26.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bei dir sind meine Gedanken

Bei dir sind meine Gedanken 
Und flattern um dich her; 
Sie sagen, sie hätten Heimweh, 
Hier litt es sie nicht mehr!

Bei dir sind meine Gedanken 
Und wollen von dir nicht fort; 
Sie sagen, das wär' auf Erden, 
Der allerschönste Ort!

Sie sagen, unlösbar hielte 
Dein Zauber sie festgebannt 
Sie hätten an deinen Blicken 
Die Flügel sich verbrannt.

Friedrich Halm

19.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

Hugo von Hofmannsthal

12.August 2018

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sommernacht im Hochwald

Im Hochwald sonngesegnet
hat's lange nicht geregnet.

Doch schaffen sich die Bäume
dort ihre Regenträume.

Die Espen und die Erlen -
sie prickeln und sie perlen.

Das ist ein Sprühn und Klopfen
als wie von tausend Tropfen.

Die Lärchen und die Birken -
sie fühlen flugs es wirken.

Die Fichten und die Föhren -
sie lassen sich betören!

Der Wind weht kühl und leise.
Die Sterne stehn im Kreise.

Die Espen und die Erlen:
sie schaudern tausend Perlen...

Christian Morgenstern