Gedicht der Woche

21.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? 
Es ist der Vater mit seinem Kind; 
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, 
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm. -

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? - 
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? 
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? - 
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! 
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; 
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand; 
Meine Mutter hat manch' gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, 
Was Erlenkönig mir leise verspricht? - 
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind! 
In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? 
Meine Töchter sollen dich warten schön; 
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn 
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort 
Erlkönigs Tochter am düstern Ort? - 
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau; 
Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." - 
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! 
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, 
Er hält in Armen das ächzende Kind, 
Erreicht den Hof mit Mühe und Not; 
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang v. Goethe

14.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Kuss

Es regnet - doch sie merkt es kaum,
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert:
Im Kuß versank die Welt im Traum.
Ihr Kleid ist naß und ganz zerknittert

und so verächtlich hochgeschoben,
als wären ihre Knie für alle da.
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben,
der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.

So tief hat sie noch nie gefühlt -
so sinnlos selig müssen Tiere sein!
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt -
Laternen spinnen sich drin ein.

Wolfgang Borchert

7.November 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut, 
Es wurde dir beschieden. 
Du triumphierst und jubelst laut: 
„Jetzt hab ich endlich Frieden!“

Ach, Freundchen, rede nicht so wild, 
Bezähme deine Zunge! 
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, 
Kriegt augenblicklich Junge.

Wilhelm Busch

31.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Oktober

Oktober schüttelt das Laub vom Baum 
und gibt es den Winden zu eigen.
Die führen es fort im weiten Raum, 
weit fort von den trauernden Zweigen. 
 
Die stehen jetzt da mit kahlem Haupt:
Wer hat uns beraubt, wer hat uns entlaubt? 
Wo sind die Blätter, die lieben, geblieben?
 
Doch die, vom wirbelnden Winde getrieben, 
haben längst vergessen, wo sie gesessen.

Rudolf Löwenstein


24.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kalt und schneidend
 
Kalt und schneidend
Weht der Wind, 
Und mein Herz ist bang und leidend
Deinetwegen süßes Kind! 
 
Deinetwegen, 
Süße Macht, 
Ist mein Tagwerk ohne Segen
Und ist schaflos meine Nacht. 
 
Stürme tosen 
Winterlich, 
Aber blühten auch schon Rosen,
Was sind Rosen ohne dich?
 
Hermann von Lingg
 

17.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Erntedank

 

Sind vom Feld die letzten Garben,
Heimgeborgen Korn und Stroh,
Eh die bunten Blumen starben,
Mal uns du mit tausend Farben,
Herbst, die Welt noch einmal froh. 

Braun die Birne, gelb die Quitte,
Und den Apfel mal uns rot!
Und in all der Farben Mitte
Mal als goldnen Spruch die Bitte:
Gib uns unser täglich Brot.

Herbert von Hoerner

 

10.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

O trübe diese Tage nicht

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt,
Und gönn' uns jede Stunde ganz.

Theodor Fontane

3.Oktober 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Herbst

Nun kommen die letzten klaren Tage
Einer müderen Sonne.
Bunttaumelnde Pracht,
Blatt bei Blatt.
So heimisch raschelt
Der Fuß durchs Laub.
O du liebes, weitstilles Farbenlied!
Du zarte, umrißreine Wonne!
Komm!
Ein letztes Sonnenblickchen
Wärmt unser Heim.
Da wollen wir sitzen,
Still im Stillen,
Und in die müden Abendfarben sehn.
Da wollen wir beieinander sitzen
In Herbstmonddämmer hinein
Und leise
Verlorene Worte plaudern.

Johannes Schlaf 
 
 

26.September 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
da geht ein Mühlenrad.
Mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat

Sie hat mir Treu´ versprochen,
Gab mir ein´ Ring dabei
Sie hat die Treu´ gebrochen,
das Ringlein sprang entzwei

Ich möcht als Spielmann reisen
Wohl in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und geh von Haus zu Haus

Ich möcht' als Reiter fliegen
Wohl in die blut'ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör' ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will;
Ich möcht' am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.

Joseph von Eichendorff

19.September 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der südliche Herbst III

Und so will ich, was ich werde;
Immer größer grüßt der Mond. 
Palmenbaum und dunkle Erde
Werden zarter sich gewohnt.
 
Silbersee zieht ohne Barke
Stromgleich durch verlassnes Laub. 
Und des Winzers goldne Harke 
Sank beseligt in den Staub.
 
Dass sich Brust an Brüsten dehne! 
Gib den Winden ihren Lauf! 
Einer Flöte Kantilene 
Spielt zum Tanz der Motten auf.
 
Rote Rose, Winter witternd 
Kranke Frau im weißen Thron - 
Heute starb, ich ahn es zitternd, 
Meiner Küsse schönster Sohn.

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