Gedicht der Woche

17.November 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus, 
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus; 
alles fällt in  Sinnen.

Leiser wird die Hand,  der Mund,
stiller die Gebärde.  
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern

10.November 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Herbst

Ade, ihr Sommertage,
Wie seid ihr so schnell enteilt,
Gar mancherlei Lust und Plage
Habt ihr uns zugeteilt.

Wohl war es ein Entzücken,
Zu wandeln im Sonnenschein.
Nur die verflixten Mücken
Mischten sich immer darein.

Und wenn wir auf Waldeswegen
Dem Sange der Vögel gelauscht,
Dann kam natürlich ein Regen
Auf uns herniedergerauscht.

Die lustigen Sänger haben
Nach Süden sich aufgemacht,
Bei Tage krächzen die Raben,
Die Käuze schreien bei Nacht.

Was ist das für Gesause!
Es stürmt bereits und schneit.
Da bleiben wir zwei zu Hause
In trauter Verborgenheit.

Kein Wetter kann uns verdrießen.
Mein Liebchen, ich und du,
Wir halten uns warm und schließen
Hübsch feste die Türen zu.

Wilhelm Busch

3.November 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Die Engel

Sie haben alle müde Münde 
und helle Seelen ohne Saum. 
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde) 
geht ihnen manchmal durch den Traum. 

Fast gleichen sie einander alle; 
in Gottes Gärten schweigen sie, 
wie viele, viele Intervalle 
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten, 
sind sie die Wecker eines Winds: 
als ginge Gott mit seinen weiten 
Bildhauerhänden durch die Seiten 
im dunklen Buch des Anbeginns.

Rainer Maria Rilke

27.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Spinnerin Lied
Aus der Chronik eines fahrenden Schülers

Es sang vor langen Jahren 
Wohl auch die Nachtigall, 
Das war wohl süßer Schall, 
Da wir zusammen waren.

Ich sing‘ und kann nicht weinen, 
Und spinne so allein 
Den Faden klar und rein 
So lang der Mond wird scheinen.

Da wir zusammen waren 
Da sang die Nachtigall 
Nun mahnet mich ihr Schall 
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen, 
Denk ich wohl dein allein, 
Mein Herz ist klar und rein, 
Gott wolle uns vereinen!

Seit du von mir gefahren, 
Singt stets die Nachtigall, 
Ich denk‘ bei ihrem Schall, 
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen 
Hier spinn‘ ich so allein, 
Der Mond scheint klar und rein, 
Ich sing‘ und möchte weinen!

Clemens Brentano

20.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 1)

 

Hans der Schwärmer

Hans Töffel liebt Schön Doris sehr, 
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr. 
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie, 
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie. 
Im Kreise liest er Gedichte vor, 
Schön Doris steht unten am Gartentor: 
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen, 
Wie wollt ich ihn herzen, den lieben Jungen. 
Hans Töffel liest oben Gedichte. 
 
Am andern Abend, der blöde Tor, 
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor, 
Was Schön Doris wirklich sehr verdrießt, 
Da er immer weiter und weiter liest. 
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht; 
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht. 
Schön Doris steht unten in Rosendüften 
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften. 
Hans Töffel liest oben Gedichte. 
 
Am andern Abend ist großes Fest, 
Viel Menschen sind eng aneinandergepresst. 
Heut muss ers doch endlich sehn, der Poet, 
Wenn Schön Doris sacht aus der Türe geht. 
Der Junker Hans Jürgen, der merkt es gleich; 
Die Linden duften, die Nacht ist so weich. 
Und unten im stillen, dunkeln Garten 
Braucht heute Schön Doris nicht lange zu warten.  
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Detlev von Liliencron

13.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Herbst

Star und Storch sind fortgeflogen, 
und man haucht schon in die Hände. 
Nie mehr kommt der Regenbogen; 
langsam geht das Jahr zu Ende.

Struppig stehn die Stoppelfelder, 
wo die stolzen Drachen steigen. 
Nun durchstreift der Herbst die Wälder, 
zählt die Früchte an den Zweigen.

Aus dem großen Farbentiegel 
malt er bunter alle Blätter, 
spricht mit Eichhorn, Reh und Igel, 
bringt uns klares, kühles Wetter.

Lieber Herbst, lass diese Tage 
nicht zu rasch vorübertreiben; 
und dem bösen Winter sage, 
er soll noch am Nordpol bleiben.

Suse Wintgen

 
 

6.Oktober 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Columbus

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

Georg Heym

 
 

29.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

 

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.

Barthold Heinrich Brockes

 

 

 

22.September 2019

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Glückliche Fahrt

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel wird helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer,
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!

J.W.v. Goethe

 

 

15.September

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

An vollen Büschelzweigen

An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh nur hin!
Lass dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich;
Ein Ast, der schaukelnd wallet,
Wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von innen
Und schwillt der braune Kern;
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt, und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoß.

Johann Wolfgang von Goethe